Fast 50 Jahre lang am Puls der Stadtgeschichte

Gabriele Viertel hat ihre Laufbahn dort begonnen, wo sie nun endet. Doch trotz Ruhestand wird ihr Schreibtisch noch gut gefüllt sein.

Händeschütteln, Geschenke entgegen nehmen, "Bitte legen Sie doch ab", Kolleginnen bitten, Wasser für die Blumen zu holen, "und bitte greifen Sie zu, trinken Sie ein Glas Sekt und essen Sie etwas". Gabriele Viertel, gekleidet in einen sonnengelben Gehrock, ist aufgeregt und hat viel zu tun. Nach fast 50 Jahren im Stadtarchiv verabschiedet sie sich an diesem Mittwochmorgen in den Ruhestand. Rund 150 Gäste folgen ihrer Einladung, darunter Bürgermeister und Amtsleiter.

Am 1. September 1967 begann sie eine Ausbildung zur Archiv-Assistentin im Stadtarchiv. Es folgte ein achtjähriges Fernstudium Archivwissenschaften an der Fachhochschule in Potsdam und der Humboldt-Universität in Berlin, berufsbegleitend. In den 1970er-Jahren wurde Viertel stellvertretene Leiterin der Einrichtung, Anfang der 1990er-Jahre war sie mehrfach amtierende Amtsleiterin, bis sie schließlich 1995 der Stadtrat als Amtsleiterin berief. Dass sie einmal das Archiv leiten würde, habe sie sich bei ihrem Anfang natürlich nicht vorstellen können. Den Mut habe sie erst mit zunehmender Reife gehabt. "Aber ich wollte mich schon immer ein bisschen einmischen", sagt sie. Aktuell hat sie 18 Mitarbeiter unter sich. Sie sind nicht alle im Stadtarchiv an der Aue, sondern arbeiten auch im Zwischen-Archiv an

der Reichsstraße. Seit Kurzem gehört auch das Bauaktenarchiv dazu. Am Standort an der Reichsstraße werden alle Akten aus der Verwaltung aufbewahrt, bis zu 30 Jahre. Aufgabe des Stadtarchivs ist es dann, zu entscheiden, was davon historisch wertvoll ist und für die Ewigkeit bewahrt werden soll.

"Ich gehe mit viel Wehmut", sagt die 65-Jährige. Eine gewisse Freude sei aber auch dabei, zum Beispiel darüber, im Winter nicht mehr so früh raus zu müssen und einfach mal sagen zu können: "heute nicht". Fehlen werde ihr vor allem das Fachliche. Davon werde sie auch nicht lassen können. Auf ihrem Schreibtisch zuhause liegen bereits Funde und Notizen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. So möchte sich Viertel mit der Geschichte des Chemnitzer Bieres und mit der Schulgeschichte befassen. Bei ihrer Arbeit habe es neben dem Fachlichen so manche Herausforderung gegeben. So sei es immer schwierig, geeignete Räume für das stetig wachsende Archiv zu finden. "Wir leiden an chronischem Platzmangel", so Viertel, die Aue sei bis unters Dach voll. Wenn sie ein einschneidendes Erlebnis benennen soll, dann fällt ihr das Hochwasser von 1977 ein. Damals stand das Gebäude 70 Zentimeter unter Wasser. "Wir trockneten die Dokumente draußen mit Föhnen", erinnert sie sich. Bei folgenden Überflutungen sei kein Archivgut mehr beschädigt worden.

Auch die Mitarbeiter bedauern, dass ihre Chefin geht. "Wir sind sehr traurig", sagt Gudrun Dudek, die Viertel seit 1983 kennt. "Ich schätze sie sowohl fachlich als auch als Chefin", sagt sie. Denn Viertel sei es immer gelungen, alle Kollegen mit einzubeziehen und dabei sehr herzlich aufzutreten. "Das schweißt zusammen", so Dudek. Ihrer Chefin sei es immer gelungen, mit Augenmaß und Zielstrebigkeit die Richtung vorzugeben. Noch nicht ganz so lange dabei im Team ist Sachbearbeiterin Stefanie Haufe. Seit anderthalb Jahren war Viertel ihre Chefin. Sie habe sie als verständnisvolle Person kennengelernt, die immer ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter hatte.

Bis die Nachfolge von Gabriele Viertel bestimmt ist, wird ihre Mitarbeiterin Jutta Aurich die Leitung amtierend übernehmen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...