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Katrin Günther (links) und Sabine Ludwig von der Gruppe Las Fuegas stießen auf Stelzen stehend auf die Rettung des Eisenbahnviaduktes über der Annaberger Straße an. Sie waren der Blickfang und ein beliebtes Fotomotiv beim Picknick der Viadukt-Freunde an der Beckerstraße.

Foto: Andreas Seidel

Fest unterm Viadukt - Ein Picknick mit Wermutstropfen

Der Sieg von Chemnitzer Bürgern über die Bahn ist an der Beckerstraße gefeiert worden. Viele der Teilnehmer wünschten sich noch mehr davon.

Von Michael Brandenburg
erschienen am 14.06.2018

Kapellenberg. Chemnitzer jeden Alters können auch spontan sein. Obwohl es Dienstagabend und die Einladung dazu sehr kurzfristig erfolgt war, hatten sich weit über 100 Freunde des Eisenbahnviadukts über der Annaberger und der Beckerstraße zur Feier von dessen Rettung unter einem der Bögen des historischen Bauwerkes eingefunden.

"Diesen Erfolg hätten wir selbst nicht für möglich gehalten, als wir vor fünf Jahren mit unserer Arbeit begonnen haben", sagte Johannes Rödel vom Viaduktverein zur Begrüßung. Seine Mitstreiter und er hatten ein entspanntes Picknick mit Musik, Sekt und selbst zubereiteten Speisen organisiert, um jenen Bürgern zu danken, die ihnen so ausdauernd zur Seite gestanden hatten.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hatte ursprünglich nicht dazu gehört, wie sie selbstkritisch einräumte. Denn Stadtverwaltung und -räte hätten sich anfangs bereits damit abgefunden gehabt, dass die Bahn das 1909 fertiggestellte Viadukt abreißen und durch einen Neubau aus Stahlbeton ersetzen wollte. "Sie waren weiter und besser als die Stadt Chemnitz. Sie haben uns zum Umdenken und Mitmachen animiert", sagte Ludwig den Vereinsmitgliedern und deren Unterstützern und versprach: Die Stadt werde sich jetzt dafür einsetzen, das Umfeld des Viaduktes so zu gestalten, dass "diese Ikone der Industriekultur" besser sichtbar wird.

Für Johannes Rödel ist der Kampf um das Viadukt jedoch längst nicht abgeschlossen. "Die Arbeit fängt erst an", sagte er und meinte den Fachbeirat, der die Bahn bei der Sanierung und Ertüchtigung des Bauwerkes begleiten soll. Dieses Expertengremium (siehe Info-Kasten) hatte sich am selben Tag zum ersten Mal getroffen. "Es war die konstituierende Sitzung und es ging noch nicht um inhaltliche Fragen", berichtete der studierte Werkstoffwissenschaftler. Dennoch habe er den Eindruck gewonnen: "Die Bahn möchte sich ernsthaft auf die Erhaltungslösung einlassen." Doch eines sei ihm ebenfalls klar geworden: Vom Chemnitzer Bahnbogen als denkmalgeschütztes Ensemble, zu dem ihn das Landesdenkmalamt 2017 erklärt hat, möchten die Verantwortlichen der Bahn nichts hören. Für sie sei der Abriss und Neubau der Eisenbahnbrücken über der Augustusburger, Reichenhainer und Stollberger Straße sowie am Bahnhof Mitte einschließlich des teilweisen Verfüllens des Südbahnhofes mit Beton offenbar beschlossene Sache.

Aus diesem Grund hatten die Vereinsmitglieder über der Chemnitz ein Transparent mit der Aufschrift "1 Industriedenkmal lebt weiter - 4 sollen fallen" aufgehängt und ließen neben 109 hellbunten Luftballons - einer für jedes Lebensjahr des Viadukts - auch vier dunkelviolette Ballons in den Himmel steigen. Schwarze Ballons seien so schnell nicht aufzutreiben gewesen, erklärte Rödel. Sein Vereinsvorstandskollege Frank Kotzerke hat die Hoffnung auf den Erhalt der kleineren Eisenbahnbrücken noch nicht aufgegeben: "Wenn die Bahn eine Technologie zur Ertüchtigung des Viadukts erfolgreich ausprobiert hat, kann sie diese doch auch bei den kleineren Brücken anwenden." Am Tag des offenen Denkmals am 9. September wollen die Vereinsmitglieder gemeinsam mit den Betreibern des Kulturbahnhofs im Südbahnhof dafür werben.

Trotz der Wermutstropfen stand am Dienstag aber das Feiern im Vordergrund. Vorsitzende Petra Hennig und Schriftführerin Antje Müller vom 1. Chemnitzer Pétanque-Club gaben den Picknick-Teilnehmern Anleitung im Boule-Spiel mit den Stahlkugeln. Katrin Günther und Sabine Ludwig von der Gruppe Las Fuegas verbrachten mehr als zwei Stunden auf Stelzen. "Das hatten wir fest zugesagt, wenn das Viadukt gerettet wird", erklärte Katrin Günther. Den anschließenden Muskelkater in den Oberschenkeln nahmen beide dafür gern in Kauf.

 
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Fest unterm Viadukt - Ein Picknick mit Wermutstropfen
Experten sollen Bahn bei Viadukt-Sanierung beraten
 
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