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"Großer Chemnitzer" oder mitverantwortlich für Aufrüstung und Zwangsarbeit? Die umstrittene Ehrung des Auto-Union-Managers Carl Hahn (1894-1961) auf dem Boulevard am Roten Turm wird nun gemeinsam mit Historikern ausgewertet.

Foto: Andreas SeidelBild 1 / 2

Umstrittene Ehrung kommt auf den Prüfstand

Nach Protesten gegen die Würdigung des früheren Auto-Union-Managers Carl Hahn erhalten nun Historiker das Wort. Führt ihr Urteil zu einer Neubewertung?

Von Michael Müller
erschienen am 14.11.2017

Selten hat eine Ehrung in Chemnitz derart viel Wirbel ausgelöst, wie die für Carl Hahn, einem einstigen Vorstand der in Chemnitz ansässigen Auto Union AG. Mitte September war er auf Initiative des Rotary-Clubs in die Riege der "Großen Chemnitzer" aufgenommen worden, an die die Vereinigung mit Metallplatten am Wall und einer Ausstellung im Roten Turm erinnert. "Hahn spielte bei der Gründung der Auto-Union in Chemnitz eine entscheidende Rolle", heißt es dort unter anderem. "Ohne ihn gäb's Audi wohl nicht mehr."

Allerdings, es gab auch eine Zeit, in der die Auto Union vor allem eines war: Ein Rüstungsbetrieb, der für Hitlers Eroberungskriege produzierte und der dabei mehr und mehr auf Zwangsarbeiter und auch mehrere Tausend Häftlinge aus Konzentrationslagern zurückgriff. Hahn gehörte damals dem dreiköpfigen Unternehmensvorstand an. Kritiker bezeichneten die Ehrung als Schande für die Stadt. "Die großen Söhne unserer Stadt wie Karl Schmidt-Rottluff und Stefan Heym, deren Ehrenplatten man dort [am Roten Turm] auch findet, würden sich im Grab umdrehen", hieß es in einer Erklärung der Linken.

Auch die Chemnitzer SPD äußerte sich auf Anfrage. "Angesichts der schwierigen Biografie von Carl Hahn senior, insbesondere seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, wäre eine fundierte wissenschaftliche Bewertung der Person Carl Hahns vor der Verlegung einer Gedenkplakette im öffentlichen Raum sicherlich besser gewesen", sagte Stadtvorsitzender Jürgen Renz der "Freien Presse". Diese Bewertung müsse jetzt unbedingt nachgeholt werden. "Auf der Grundlage der dann gewonnenen Erkenntnisse sollte eine erneute Entscheidung getroffen werden."

Genau dies soll nun offenbar passieren. Für Ende des Monats plant die Stadt eine Veranstaltung, die sich mit der Biografie Carl Hahns befassen soll. Das Format sei gemeinsam mit Wissenschaftlern der Technischen Universität entwickelt worden, heißt es aus dem Rathaus. Eingeladen sind dem Vernehmen nach mehrere renommierte Historiker.

Mit gemischten Gefühlen verfolgen die Chemnitzer Rotarier die Entwicklung. Während sie auf ihrer Internetseite die Proteste gegen die Ehrung Hahns in Verbindung setzen zum damals auf Hochtouren laufenden Bundestagswahlkampf, wundert sich Rotary-Präsident Michael Wagner, warum bestehende Bedenken nicht schon früher angemeldet worden seien. "Die Diskussion ist erst aufgekommen, als die Platte schon verlegt war", so Wagner.

Der Rotary-Präsident sieht zudem eine Mitverantwortung des Rathauses. Die Stadtverwaltung sei in Auswahl und Abstimmung der zu Ehrenden involviert, betonte er. "Für das Projekt ,Große Chemnitzer' wählt der Rotary Club jedes Jahr zwei Personen aus, die wichtig für diese Stadt waren. Dabei hat die Stadt Chemnitz ein Vetorecht." Genutzt wurde es im Fall Hahn nicht.

Eine entscheidende Rolle bei der Auswahl des einstigen Managers für die Ehrung in diesem Jahr spielte laut den Rotariern das 2016 von seinem Sohn, dem Chemnitzer Ehrenbürger und früheren VW-Chef CarlH. Hahn, mitherausgegebene Buch "DKW-Hahn: Ein Manager und Unternehmer der deutschen Kraftfahrzeugindustrie". Der reich illustrierte Band, mit dem laut Vorwort der Sohn dem Vater ein Denkmal hat setzen wollen, war von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig im Beisein von Carl Hahn junior (Jahrgang 1926) in großem Rahmen im Rathaus vorgestellt worden. Die Zeit des Nationalsozialismus klammert das Buch nicht aus; Fotos darin zeigen Hahn neben NS-Führern wie Hitler, Göring und Goebbels.

Wie aber soll es nun weitergehen? "Wir sind keine wissenschaftliche Gesellschaft und auch keine Vereinigung von Historikern", sagt Rotary-Präsident Wagner. "Da wir die aufgeworfenen Fragen nicht aus eigener Kraft wissenschaftlich korrekt beantworten können, wollen wir die Beurteilung der von der Oberbürgermeisterin initiierten Kommission abwarten."

 
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