Warum Umstandsmode in Chemnitz nur Mangelware ist

In der Stadt werden so viele Babys wie seit Jahren nicht mehr geboren. Aber die Geschäfte ziehen nicht nach. Wo kaufen Schwangere ihre Kleidung?

Die Abteilung ist klein, aber sie fällt schon auf der Rolltreppe in Richtung erster Stock auf: Der Bereich für Umstandsmode bei H&M in der Galerie Roter Turm ist gut gefüllt. Viele verschiedene Hosen mit Bauchband, Oberteile, Strumpfhosen und Unterwäsche sind im Angebot. Etwas mehr suchen muss die schwangere Frau bei C&A, einige Meter weiter. Ganz hinten im Laden, in einer Ecke, gibt es überwiegend Hosen, aber auch Pullover. Der Kaufhof hingegen hat keine Kleidung für werdende Mütter im Angebot.

Die Pressestelle der Kaufhauskette bestätigt, dass in ihren Häusern die Umstandsmode komplett aus dem Sortiment genommen wurde. Einige Filialen hätten früher Kleidung für Schwangere im Angebot gehabt, sagt eine Sprecherin. "Aber aufgrund einer sehr geringen Nachfrage wird das Sortiment heute ausschließlich im Onlineshop angeboten", erklärt sie.

In einem An- und Verkauf in der Ermafa-Passage sucht man vergeblich nach einem extra Kleiderständer mit Mode für Schwangere. Das lohne nicht, zu schnell seien die Teile wieder verkauft, das Angebot zudem beschränkt, heißt es.

Sie würde gern in einem Fachgeschäft Umstandsmode kaufen, sagt eine Chemnitzerin, die im sechsten Monat schwanger ist. Doch in der Stadt gebe es dafür keine Läden mehr. Baby-Walz, ein Geschäft für Babysachen, das auch Kleidung für Schwangere verkaufte, hat vor einigen Jahren geschlossen. Bert Rothe, Referatsleiter für den Einzelhandel bei der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK), bestätigt, dass es kein Fachgeschäft für Umstandsmode in der Stadt mehr gibt. Das habe mehrere Gründe, sagt er. So sei die Zeit, in der Schwangere spezielle Kleidung benötigten, eher kurz. Auch werde häufig Kleidung weiterverkauft. Und im Vergleich zu früher sei es jetzt schick, den Bauch zu zeigen, so dass weniger Umstandsmode benötigt werde, sagte Rothe nach einem Gespräch mit erfahrenen Kolleginnen. Auch die Möglichkeit, im Internet einzukaufen, sei ein Grund, weshalb der Einzelhandel mit Schwangerenkleidung in Chemnitz nicht funktioniere.

Das bestätigt eine werdende Mutter. So viele Teile Umstandsmode benötige sie gar nicht, sagt sie. Ihr komme der Trend, den Babybauch zu betonen, entgegen. Sie werde sich noch eine Hose mit einem Bauchband zulegen, auch einige Oberteile habe sie gekauft. Bei ihrer ersten Schwangerschaft habe sie viele Sachen von einer Freundin bekommen. Gern schaut sie in einem Kinderladen an der Zschopauer Straße vorbei. "Da gibt es auch manchmal gebrauchte Teile für Schwangere. Ab und zu finde ich was", sagt sie. Ansonsten suche sie im Internet nach modischer Schwangerschaftskleidung. Der Austausch unter Frauen sei sicher auch ein wichtiger Grund, weshalb es Fachgeschäfte schwer hätten, meint sie.

Dass es in der Stadt schwierig ist, Mode für Schwangere zu bekommen, bestätigt Anja Rudolph vom Eltern-Kind-Zentrum des Klinikums. Zum Tag der offenen Tür der Geburtenstation wollte sie eine Modenschau mit schicker Umstandskleidung anbieten. Doch daraus wurde nichts. Denn es gab in der Stadt keinen Laden, der ihr Kleidung zur Verfügung stellen konnte. "Ein kleines Fachgeschäft wäre toll gewesen", sagt sie.

Karina Jäck ist die bislang letzte Inhaberin eines Fachgeschäftes für Umstandsmode in Chemnitz. Von 2008 bis 2014 führte sie das Geschäft "Kugelrund und schön", erst auf dem Kaßberg, später in der Ermafa-Passage. Schwangere kamen gern zu ihr - "darunter auch Frauen, die berufsbedingt schicke Kleidung tragen mussten", sagt sie. Eine Hose kostete bei ihr zwischen 60 und 100 Euro. "Aber die konnte man nach der Geburt mit einer Verstelloption weitertragen und später zum guten Preis verkaufen", so die Chemnitzerin. Die Schließung ihres Ladens hatte mehrere Gründe, sagt sie. Ungern sei sie vom Kaßberg weggegangen, aber dort, an der Weststraße, habe es zu wenige interessante Nachbargeschäfte gegeben. Hinzu kamen Änderungen der Verkehrssituation. Die Ermafa-Passage sei für sie rückblickend aber nicht der richtige Standort gewesen.

Sie bestätigt Bert Rothes Aussage, dass Frauen für rund sechs Monate mit dickem Bauch nicht so viele neue Teile benötigten. Zudem verkauften die jungen Mütter die getragenen Sachen weiter. Doch über das Internet schimpfen möchte Karina Jäck nicht. Sie habe selbst einen Online-Shop betrieben und Kleidung über einen Ebay-Shop verkauft. Das Internet sei für sie als Geschäftsfrau sehr wichtig gewesen, da es vorab die Möglichkeit bot, sich als virtuelles Schaufenster zu präsentieren. Sogar Brautmode für Schwangere bot Karina Jäck an. Dafür seien Kundinnen extra aus Plauen und anderen Städten gekommen. Wo kaufen diese Frauen jetzt ihre Umstandskleidung? "In größeren Städten, im Urlaub oder online", sagt Jäck.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...