Angeklagte lässt sich freiwillig in Klinik einweisen

Unter Drogen hat eine Frau brutal auf ihren Nachbarn eingeprügelt. Die Staatsanwältin fand klare Worte.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Angst vor der Angeklagten steht dem Mann ins Gesicht geschrieben, als er im Hohenstein-Ernstthaler Amtsgericht auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. Was der ältere Einwohner der Stadt am 26. Mai 2017 eine Stunde nach Mitternacht in seiner Wohnung erleben musste, verursacht bei ihm auch gut ein Jahr nach dem Vorfall noch immer Albträume.

Die Anklageschrift von Staatsanwältin Barbara Gremm gleicht einem Krimi-Drehbuch. In jener Nacht hämmert kurz nach 1 Uhr jemand gegen seine Wohnungstür. Die Nachbarin, mit der er eigentlich ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, steht draußen in Begleitung eines Unbekannten. Beide fordern Tabak und Geld. Dem Nachbarn wird bange, er schließt die Tür wieder. Die wird eingetreten. Ohne Vorankündigung prügeln die beiden Eindringlinge im Wechsel auf ihn ein. Die Nachbarin zieht ihm mit Wucht eine Bierflasche über den Schädel, die geht zu Bruch. Er bekommt Faustschläge ab und Fußtritte, als er schon am Boden liegt. Die Frau drischt mit einer Wasserwaage auf seinen Rücken ein. Die Angreifer durchwühlen die Wohnung, demolieren das Küchenfenster, den Fernseher, Wohnzimmertisch, auch das Bett im Schlafzimmer. "Die haben alles kaputtgemacht", klagt das Opfer. Der Mann erkennt die Nachbarin nicht wieder. Die Folge der Attacke: zwei gebrochene Rippen, Prellungen, mehrere Schnittwunden im Gesicht - vier Tage Krankenhausaufenthalt. Der Sachschaden, den die ungebetenen Besucher anrichten, beträgt 5000 Euro.

Weil der Mittäter verstorben ist, sitzt die Frau allein auf der Anklagebank. Sie entschuldigt sich immer wieder und betont, dass ihr das alles leidtut. Sie kann sich das nicht erklären, hat kaum noch Erinnerungen an jene Nacht. Eines weiß sie noch: "Ich war mal wieder in einer manischen Phase." Damals habe sie Crystal und Alkohol konsumiert. "Das war der Brandbeschleuniger", wird es später ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Andreas Meschkat, auf den Punkt bringen.

Seit 2008 leidet die Angeklagte unter einer bipolaren affektiven Erkrankung, auch als "manisch-depressiv" bekannt. Immer wieder folgen Aufenthalte in der Psychiatrie, zudem eine Langzeittherapie wegen des Drogenkonsums. Im Abstand von eineinhalb Jahren treten die schlimmen Phasen zu Tage, sonst hat sie ihr Leben im Griff. Anfang 2017 deutet sich die nächste Phase an. Gutachter Dr. Bernd Langer: "Die bipolare Störung wurde noch von einer drogenindizierten Psychose überlagert, das führte zu Kontrollverlust, hoher Aggressivität und dem Absinken der Hemmschwelle." Eine Spirale, die an jenem Abend in der Eskalation endete. Der Psychiater bescheinigte ihr zum Tatzeitpunkt den Verlust der Steuerungs- und Kontrollfähigkeit. Das heißt: schuldunfähig.

Das Gericht verurteilte die Angeklagte nach Paragraf 64 des Strafgesetzbuches zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Das Urteil wurde aber für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, weil sich die Angeklagte selbst zur stationären Therapie bereit erklärte. Sie bekommt einen Bewährungshelfer, muss sich alle sechs Wochen beim Psychiater melden und alle vier Monate zum Drogentest. "Denn mit Drogen", sagte Staatsanwältin Gremm zur Begründung, "sind Sie eine tickende Zeitbombe."

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