Asylbewerber verletzt - Polizei verstärkt Kontrollen in Burgstädt

Ein 19-Jähriger ist mit einem Messer und Pfefferspray attackiert worden. Der Arbeitgeber des jungen Afghanen erhebt schwere Vorwürfe.

Burgstädt.

Ali K. kam vor drei Jahren als unbegleiteter Flüchtling nach Burgstädt. Aufgewachsen in der viertgrößten Stadt von Afghanistan, Masar-e Scharif, hätten er und seine Geschwister miterleben müssen, wie ers sagt, wie sein Vater von den Taliban verfolgt wurde. "Es gab mehrmals Übergriffe, wir waren nicht mehr sicher", erinnert sich der 19-Jährige. Die Familie flüchtete in den Iran. Ali wollte weiter und kam nach Deutschland.

Weil er mit 16 Jahren noch minderjährig war, wurde er vom Jugendamt Mittelsachsen wie etwa 15 andere Kinder in eine Wohngruppe des Don-Bosco-Jugendwerkes gebracht. "In Burgstädt ging ich zur Schule, lernte die deutsche Sprache", sagt er. Er habe sich wohlgefühlt, Freunde gefunden. Inzwischen hat er einen anerkannten Aufenthaltsstatus. Und eine Vollzeitarbeit, sodass er für sich selbst sorgen kann. Ali arbeitet seit einem Jahr in einer Elektronikfirma. Auf diesem Gebiet wird er ab nächstem Jahr auch eine Ausbildung beginnen.

Aufmerksam wurde Alexander Breitenbach auf ihn. Der Burgstädter hatte 2006 ein Start-up-Unternehmen gegründet und siedelte dann ins Gewerbezentrum TCC in Chemnitz um. Seine Firma sei von Anfang an für ausländische Fachkräfte interessant, sagt er. So arbeiteten schon zwei Inder und ein Libanese bei ihm. Weltweit entwickelt und produziert die Firma Halbleiterdrucksensoren für die Medizin-, Sicherheits- und Umwelttechnik. "Die kulturelle Vielfalt liegt mir am Herzen", sagt er. Dadurch gewinnen Burgstädt und die gesamte Region an Internationalität, fügt er hinzu. Beim Essen hätten die Menschen ja auch schon lange den Döner und die Pizza als Bereicherung angenommen. Als aktiver Christ seien er und seine Partnerin von der evangelischen Kirchgemeinde gefragt worden, ob sie Geflüchtete in regulären Wohnungen unterbringen könnten. Man helfe sich gegenseitig. "Wir kennen uns mit den deutschen Gesetzen und Gepflogenheiten aus und helfen bei Behördengängen", sagt er. Es gebe keine Probleme mit den Moslems aus unterschiedlichen Regionen der Welt. "Sie begleiten uns auch in die Burgstädter Kirchen zum Gottesdienst", ergänzt er.

Dann kam der 26. August, als ein Deutsch-Kubaner in Chemnitz mutmaßlich von einem Asylbewerber getötet wurde. "Seitdem ist es auch in Burgstädt für Ausländer nicht mehr sicher", sagt Ali. Am Vorabend des Feiertages 3. Oktober habe er sich gegen 21.30 Uhr mit einem Freund, der aus Frankenberg kam, auf dem Bahnhof getroffen. Sie hätten auf der Bank am Stand 4 gesessen. Dort kommen die Busse aus Richtung Lunzenau an. "Plötzlich hielt ein schwarzes Auto bei uns", erzählt Ali. Ein Mann mit Bart und kurzen Haaren habe sie vom Auto aus angesprochen. "Was macht ihr hier, schert euch nach Hause", habe der Mann gerufen. Ali habe gefragt, ob er ein Problem habe, und ihm einen schönen Abend gewünscht. Neben dem etwa 35-jährigen Mann habe eine jüngere Frau gesessen. Das Auto sei weggefahren, aber nach kurzer Zeit wiedergekommen. Der Mann sei ausgestiegen, habe ein Messer gezogen, eine lange Klinge sei herausgesprungen. Dann habe er nichts mehr gesehen, denn der Mann habe aus der Hosentasche eine Pfefferspraydose gezogen und ihm damit ins Gesicht gesprüht. Das Auto sei weggefahren. Sein Freund habe ihm geholfen. "Es brannte mörderisch", sagt Ali. Weil der Freund kein Wasser zur Linderung gefunden habe, habe er den Notdienst gerufen. Ali kam in ein Krankenhaus. Den Rest der Woche sei er krank gewesen. Ein Arbeitskollege habe ihm dringend geraten, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Das tat er auch. Breitenbach fordert, dass die Straftat schnellstens aufgeklärt wird. Er höre von seinen ausländischen Mitarbeitern öfter, dass sie in Burgstädt angepöbelt werden. "Ich habe Angst um meine Mitarbeiter", sagt er. Ali ergänzt: "Ich vermeide es jetzt, öffentliche Plätze aufzusuchen." Dem Stadtfest in Burgstädt sei er aus Sicherheitsgründen ganz ferngeblieben. Allein sei er kaum noch unterwegs. "Doch wenn zehn bis 15 Männer uns gegenüberstehen, haben wir keine Chance", sagt er und fordert eine generelle Videoüberwachung am Bahnhof. Eine Kamera sei installiert. Er hoffe, dass man den Täter erkenne. Die Polizei versichert, dass die als gefährlich eingestuften Orte, Bahnhof, Park Wettinhain und Kaufland-Parkplatz, vermehrt kontrolliert werden. Die Anzeige von Ali sei aufgenommen worden, sagt ein Polizeisprecher. Der 19-Jährige und sein Freund seien als Zeugen gehört worden. Andere Zeugen hätten sich aber auf einen Aufruf nicht gemeldet. Noch sei kein Täter ermittelt. Es werde wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt, Details wie etwa zum Video nennt der Sprecher nicht.

Doch die Polizei registriert in ihrer Statistik, dass die Straftaten in Burgstädt zurückgehen. 2017 waren es 536 Fälle. 2016 waren es 554, 45 weniger als 2015. Und 2014/13 waren es jeweils 710. Die 2018er-Zahlen entsprächen bisher dem Vorjahr. 2017 wurden 306 Tatverdächtige ermittelt, von denen 37 Nichtdeutsche (darunter auch Asylbewerber). Das Landeskriminalamt hat für 2017 für ganz Mittelsachsen 152 politisch motivierte Straftaten aus dem rechten Spektrum erfasst, davon 25 fremdenfeindliche Fälle. Demgegenüber gab es 43 links motivierte Straftaten. Für Burgstädt gibt es keine Zahlen.

Die hat auch Bürgermeister Lars Naumann nicht. "Von der Pfeffersprayattacke habe ich nichts gehört", sagt er. Aber er bedauere sehr, dass ein Jugendlicher - egal welcher Herkunft - verletzt wurde. Der Bahnhof sei als gefährlicher Ort eingestuft worden. Polizei und Stadtverwaltung kontrollierten dort regelmäßig, auch nachts. Eine Videoüberwachung sei nicht geplant. "Trotz des Vorfalls ist der Bahnhof jedoch ein sicherer Ort", sagt er. Aber wo sich viele Leute treffen, komme es eben auch zu Konflikten.

Auf Anfrage sagt Susann Meißner von den Muldentaler Jugendhäusern, dass Ali gern den Jugendclub an der Mittweidaer Straße besuchen könne. Ali dankt für das Angebot. Sein Arbeitgeber Breitenbach wolle ihn begleiten, sagt er.

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5Kommentare
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  • 5
    6
    cn3boj00
    21.10.2018

    Was fällt uns auf? Der Vorfall passierte vor mehr als 2 Wochen. Erfahren dürfen wir jetzt erst davon. Dagegen wird jeder Vorfall, wo möglicherweise ein Ausländer Täter ist, sofort breitgetreten. Und ja, die friedlichen Ausländerhasser greifen sicher nicht immer gleich zum Messer, aber Pöbeleien sind an der Tagesordnung. Aber die sind nicht strafbar, und werden kaum registriert.

  • 14
    10
    Hankman
    21.10.2018

    @Tomboy: Mag ja sein, dass die Mehrzahl der Freitagsdemonstranten friedlich bleibt. Aber am Rande und im Umfeld der Demos ist es leider immer wieder zu Straftaten gekommen (und ich meine hier nicht Delikte der Gegenseite, die auch schon vorgekommen sind). Angesichts der aggressiven Rhetorik auf den Kundgebungen wundert mich das auch nicht. Wer eine aggressive Stimmung erzeugt, kann sich nicht herausreden - er ist zumindest moralisch mitverantwortlich, wenn manche das wörtlich nehmen und zur (Straf-)tat schreiten.

  • 12
    16
    Blackadder
    20.10.2018

    @ thomboy: Die hatten ja auch nichts mit den eingeschlagenen Scheiben am Rothaus zu tun. Oder den unzähligen Straftaten, die jede Woche von der Polizei erfasst wurden, Hitlergrüße oder Angriffe auf Journalisten.

    Na ja, wer dreimal so viele Demonstranten sieht, wie da waren, der kann eben auf andere Details nicht so achten, was?

  • 15
    14
    thomboy
    20.10.2018

    Diese Vorfälle mit den friedlichen Demonstrationen Freitags in Chemnitz in Verbindung zu bringen ist etwas sehr weit hergeholt. Die Leute die freitags von ihrem Demonstrationsrecht gebrauch machen haben mit Sicherheit nichts mit solchen Aktionen zu tun!

  • 16
    15
    Distelblüte
    20.10.2018

    Da ist der Angreifer wohl wieder mal rein nach dem Aussehen aktiv geworden. Das offenbart das schlichte Denken der Freitagabenddemonstranten. Auch wenn diese Person vielleicht dort nicht "mitspaziert", das gleiche Denken ist es allemal.
    Ich würde mir mehr solcher Arbeitgeber wie Herrn Breitenbach wünschen; und dass es auch in Sachsen irgendwann normal ist, dass Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam arbeiten und leben.



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