Bademodensammler lässt Juvena wieder aufleben

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Schwimmkleidung unter dem Namen wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Chemnitz produziert. Die Produktion soll wieder anlaufen - aber nicht in der Stadt.

Bademodensammler Jürgen Kraft bewegt sich derzeit zwischen Vergangenheit und naher Zukunft. Denn während er in Zusammenarbeit mit einer Stylistin eine alte Chemnitzer Bademodenmarke wieder aufleben lassen will, wird das vermutlich einzig erhaltene, rund 100 Jahre alte Stück der Traditionsmarke seit wenigen Tagen in einem neu eröffneten Bademoden-Museum in Baden-Württemberg gezeigt.

Den blauen Badeanzug mit der roten Boje - das Markenzeichen von Juvena - hatte Jürgen Kraft vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt gefunden. Er hat ihn dem Museum, für das er auch als Kurator arbeitet, als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. In einer Vitrine ist das gute Stück aus Wolle für Besucher aus aller Welt zu sehen, daneben gibt es Informationen zu Juvena und anderen Marken aus Sachsen. Kraft vermutet, dass der alte Badeanzug aus den 1920er-Jahren stammt. Damals sei die Marke angesagt gewesen, davon kündeten Werbeanzeigen in Magazinen. Das Branchenblatt "Strick- und Wirk-Zeitschrift" beschäftigte sich 1930 mit "dem hochelastischen Badeanzug" aus Chemnitz. "Das war früher eine Topmarke, in der Stadt gab es eine große Produktion von Badebekleidung", sagt Kraft. Heute bezeichnet er Juvena als "verlorene Weltmarke aus Chemnitz". Doch das soll sich bald ändern.

Die große Zeit von Juvena will der Bademodensammler aus Ahlbeck auf Usedom nun gemeinsam mit der Stylistin Katrin Werger wieder aufleben lassen. Die Berlinerin hat bereits die Bademodenlinie Prachtstück Swimwear entwickelt, die an das Design früherer Jahre erinnert. Gemeinsam wollen sie nun zwei Modelle pro Jahr unter dem Namen Juvena produzieren. Für den Verkauf der neuen Bademode unter dem alten Namen hat sich Jürgen Kraft, der als Fahrlehrer arbeitet, die Bezeichnung Juvena patentrechtlich für die nächsten zehn Jahre schützen lassen, sagt er. Als er während der Coronakrise kaum arbeiten konnte, sei ihm die Idee gekommen, die alte Marke wieder in Erinnerung zu bringen, sagt Kraft. Katrin Werger hat er auf Usedom kennengelernt und sie zwecks einer Zusammenarbeit angefragt. Gemeinsam habe man getüftelt, Marktforschung betrieben und auch einen Prototypen entwickelt: einen roten Badeanzug im Vintagestil mit einem weißen Gürtel und einem V-Ausschnitt.

Große Stückzahlen und eine "riesige Kollektion" wird es von den Artikeln nicht geben. "Wir wollen etwas Exklusives anbieten, ein Nischenprodukt schaffen", sagt Kraft. Produzieren soll die Badebekleidung eine Firma aus Sachsen. Das Familienunternehmen aus Großröhrsdorf bei Dresden habe große Erfahrung in der Herstellung von Textilien und verfüge über die entsprechende Technik, sagt Katrin Werger. Voraussichtlich ab Herbst sollen die Teile - neben dem Badeanzug wird es voraussichtlich noch einen Bikini geben - in dreistelliger Stückzahl im Internet und möglicherweise auch in einigen wenigen Geschäften an der Ostsee zu haben sein, kündigt sie an. Katrin Werger legt bei der Entwicklung ihrer Bademode Wert darauf, Frauen gut anzuziehen. "Busen, Taille, Po und Pölsterchen sollen verpackt sein", erklärt die Stylistin. Die in den Läden zumeist erhältliche Bademode sei für Frauen mit Größe 36/38 gemacht und gehe von einem kleinen Busen und einem kleinen Po aus, sagt sie. "Da müssen andere Schnitte her", so die Berlinerin. Ihr seien eine richtige Passform und hochwertige Stoffe, die sie aus Italien und Frankreich bezieht, besonders wichtig. Werger orientiert sich an Schnitten der 1930er- bis 1960er-Jahre, als Frauen sehr feminin gekleidet waren. Ihre Kollektion richte sich daher an Trägerinnen, die bewusst mit ihrem Körper und mit Mode umgehen und die es "toll finden, Frau zu sein", so Werger.


Bikini-Museum mit Marken aus Sachsen

Anfang Juli wurde in Bad Rappenau, im Nordwesten Baden-Württembergs in der Nähe von Heilbronn, das Bikini Art Museum eröffnet. Laut der Einrichtung ist es weltweit der erste Ort, wo historisches und zeitgenössisches Wissen zur Bademode gezeigt wird.

Das Museum präsentiert Bademoden ab der Zeit um 1870 bis heute. Zusammengetragen wurden insgesamt 1200 Stücke. Auf einer 2000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche auf zwei Etagen und einem Kunstgarten sind in der aktuellen Schau etwa 400 Exponate zu sehen. Es soll wechselnde Ausstellungen geben. Präsentiert wird unter anderem Badekleidung von Stars wie Marilyn Monroe und Brigitte Bardot.

Neben dem Badeanzug von Juvena wird auch die Geschichte der Traditionsmarke Goldfisch aus Oberlungwitz erzählt. Informationen gibt es online unter www.bikiniartmuseum.de. Bademodensammler und Kurator Jürgen Kraft ist im Internet unter der Adresse www.bademodensammler.de vertreten, Stylistin Katrin Werger ist unter www.prachtstueck-swimwear.de erreichbar. (hfn)

77 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    0
    Freigeist14
    15.07.2020

    CPärchen@ in Ihrer Hypothese spielen wohl Weltkrieg , Reparationen ,Embargo-Politik , Verlagerung West und Deindustriealisierung nach 1990 keine Rolle .was ?

  • 1
    5
    CPärchen
    15.07.2020

    @Deluxe
    Die Aussage wegen der DDR war eine Randbemerkung und ja... ohne die DDR würde Chemnitz deutlich besser da stehen. Das zeigt der Vergleich der sächsischen Industrie mit der gesamtdeutschen Wirtschaft vor und nach der DDR-Zeit.

    Ich würde dieses Thema in diesem FP-Beitrag beenden, wenn es in Ordnung ist.

    Schlussendlich ging es darum, dass die Produktion der Bademode in Sachsen stattfinden soll und das finde ich gut.

  • 10
    2
    gelöschter Nutzer
    15.07.2020

    @CPärchen:
    Nur komisch, daß die Industrie in Chemnitz/KMSt, als die "bösen Kommunisten" noch das Sagen hatten (was Kommunismus im eigentlichen Sinne ist, erörtern wir hier jetzt nicht) noch mit Volldampf lief und erst alles den Bach runterging, als die Kapitalisten (zurück)kamen.

    Das ist zwar sehr vereinfacht dargestellt, steht Ihrer Kommunisten-Plattitüde aber sicher in nichts nach.

    Den Verlust einer fünfstelligen Zahl von Industriearbeitsplätzen in Chemnitz haben wir jedenfalls unter den Bedingungen der Marktwirtschaft erleben müssen und nicht im Sozialismus, der (nebenbei gesagt) kein Kommunismus ist und auch keiner war.

  • 3
    8
    CPärchen
    15.07.2020

    Zu behaupten Sachsen wäre ohne Chemnitz ein Scheißdreck finde ich schon mutig, wenn man sich die Zahlen der Gegenwart ansieht.

    Wir mögen unsere Industriegeschichte gehabt haben, aber dafür herzlichen Dank an die Kommunisten, die es versaut haben.
    Nun sind die Karten neu gemischt und da stehen wir hinten an. Mehr als jeder vierte Sachse wohnt direkt in Leipzig und Dresden, wo sich auch die Industrie (DHL, Automobil, Amazon, Florena, Finanzen) deutlich lieber ansiedelt.

    Ich fühle mich hier sehr wohl, aber die Lokomotiven für die Wirtschaft ziehen nun mal nicht mehr in Chemnitz, sondern jeweils eine knappe Autostunde entfernt die Wertschöpfung an.

  • 12
    3
    Mike1969
    15.07.2020

    @CPärchen: Seit wann denkt man in Sachsen an Chemnitz? Also warum sollten wir daher mal daran denken an Sachsen zu denken. Und wenn Du Dich mit der Industriegeschichte von Chemnitz beschäftigt hast, dann hat Chemnitz schon genug für Sachsen industriell getan. Anders. Sachsen wäre einen Scheißdreck ohne Chemnitz. Ich gebe Dir hier nur paar Stichworte: BMW hat seine Wurzeln in Chemnitz. Porsche hat seine ersten interessanten Aufträge bei Wanderer in Chemnitz. SilikonSaxony ist entstanden, wegen Robotron. Und Robotron geht zurück auf den Unternehmen Astra und Wanderer. Des Weiteren stammte der erste PC der DDR aus Karl-Marx-Stadt. Und was bitte kam aus Sachsen nach Chemnitz? Das würde mich sehr interessieren?

  • 3
    9
    CPärchen
    15.07.2020

    Die produzierende Firma ist doch in Sachsen. Daher sehe ich das unkritisch. Sicherlich gibt es auch hier Firmen, aber die Gründer werden ihre Gründe gehabt haben, ins Dresdner Umland auszuweichen.

  • 16
    0
    Mike1969
    15.07.2020

    Es gibt auch Bademodenfirmen in Chemnitz und Umgebung, die Erfahrung mit solcher Kleidung hat. Warum wird es daher nicht hier produziert? Mit der Marke aus Chemnitz werben und auf Kundenfang gehen, aber dann woanders hinrennen. Das ist wie als würde ein alter Buchverlag aus Leipzig neu in Chemnitz aufgelegt werden. Sorry, dass ist eher ...