Bin ich verrückt? Was Schüler über ihre Psyche lernen

Ein neues Projekt kommt nach Chemnitz. Es soll Jugendlichen etwas über seelische Gesundheit beibringen. Das hat auch mit dem Lehrermangel zu tun.

Ein Stück Klebeband auf dem Fußboden an der linken Seite des Raumes, eines auf der rechten Seite und ein drittes in der Mitte. Psychologin Cora Spahn erklärt den Schülern einer achten Klasse der Annen-Oberschule kurz die Spielregeln. Links bedeutet positiv oder ja, rechts bedeutet negativ oder nein. Die Mitte steht für vielleicht und sowohl als auch. Dann fragt sie: "Verrückt sein, ist das etwas Positives oder etwas Negatives?" Kurzes Gewusel. Die eine Hälfte der Klasse positioniert sich bei positiv, die andere Hälfte steht in der Mitte. "Verrückt, das sind Leute, mit denen man Spaß haben kann", sagt Vitalis. "Aber es gibt auch Psychopathen, die auf andere losgehen", gibt Enno zu bedenken.

Cora Spahn ist Leiterin des Präventionsprogramms "Verrückt? Na und! - Seelisch fit in der Schule" des Leipziger Vereins "Irrsinnig Menschlich". Das Programm wird an über 80 Standorten in zwölf Bundesländern angeboten, darüber hinaus in Österreich, Tschechien und der Slowakei - und jetzt auch in Chemnitz. Anliegen ist es, Ängste und Vorurteile in Bezug auf psychische Erkrankungen abzubauen, erklärt Spahn. "Denn sie sind die größte Hürde, wenn es darum geht, eine Erkrankung zu erkennen und frühzeitig Hilfe zu bekommen", sagt die Psychologin. Psychische Erkrankungen manifestierten sich oft bereits im Schulalter. "Das Wissen über die Hilfen, die es gibt, muss ja da sein, bevor Probleme auftauchen", erklärt Konrad, der gemeinsam mit Cora Spahn den Projekttag an der Annenschule leitet. Seinen Nachnamen nennt er lieber nicht, denn der 20-Jährige ist selbst betroffen von psychischen Problemen.


Um das Thema auf eine persönliche Ebene zu bringen, ist jeweils ein Teil des Teams, das den Workshop mit den Schülern gestaltet, selbst Betroffene oder Betroffener. "Man kann aus eigener Erfahrung erzählen, Mut machen und Vorbild sein", erklärt Konrad. Er habe im Alter von 14 Jahren eine erste depressive Episode gehabt, mittlerweile sei bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert. "Ich kann den Schülern zeigen, dass Vorurteile nicht stimmen", sagt er. Zwar seien die oft unkonkret, manchmal kämen aber Aussagen wie die, dass man sich bei einer Depression nur zusammenreißen müsse oder dass Menschen, die sich selbst verletzen, nur Aufmerksamkeit wollen.

Cora Spahn stellt den Schülern weitere Fragen. "Kommt man als junger Mensch leicht klar im Leben oder braucht man Nerven wie Drahtseile?" Die ganze Klasse positioniert sich bei "sowohl als auch", bis auf Brian, der näher am Ja-Antwortfeld steht. "Es kommt auf den Tag an", sagt er. "Bei allem, was mit Schule zu tun hat, braucht man starke Nerven." Weniger leicht fällt den Schülern die Antwort auf die nächste Frage. Ob sie wissen, was der Begriff psychisch fit meint. Nur eine Handvoll Schüler steht auf der Ja-Seite. Enno klärt auf: "Das ist, wenn man mit Alltagsproblemen klar kommt, dass man nicht in Depressionen verfällt, wenn der Hund stirbt".

"Jeder dritte Mensch wird im Laufe seines Lebens psychisch krank", erklärt Spahn, "aber wir sprechen viel weniger darüber als über körperliche Krankheiten." Ob sich die Schüler vorstellen könnten, woran das liegt? Die Eltern sprechen nicht darüber, um den Kindern keine Angst zu machen, lautet eine Idee. Dass die Betroffenen selbst oft nicht wissen, dass sie krank sind, eine andere. "Manche verdrängen die Krankheit auch", sagt Vitalis. Spahn lässt alle Antworten gelten. Sie spricht mit den Schülern weiterhin über Möglichkeiten, die Seele zu schützen, wie sie Stress abbauen können und wie es um das Klassenklima bestellt ist.

Für dieses Jahr sind eine Handvoll Termine an Chemnitzer Oberschulen geplant, sagt Ute Spindler, Kinder- und Jugendbeauftragte der Stadt. Für die Kinder werde die schulische Situation immer schwieriger, weil der Leistungsdruck hoch bleibe, aber die Anzahl der Lehrer sinke. "Wir wollen mit dem Projekt eine Lücke im Schulalltag schließen", sagt sie, "damit die Schüler gesund bleiben und gut vorankommen."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...