"Das alles macht mir Angst"

"Deutschland den Deutschen, Ausländer raus", hallte es bei der Demo am Montag durch die Stadt. Chemnitzer mit ausländischen Wurzeln fühlen sich zunehmend unwohl - und ändern ihren Alltag.

Blumen, Kerzen, Trauerbekundungen: Der Gehweg an der Brückenstraße, auf dem Sonntagnacht ein 35-Jähriger erstochen wurde, ist vom Tatort zum Pilgerort geworden. Kamerateams aus aller Welt rangeln um Interviewpartner; immer wieder bleiben Chemnitzer stehen, legen Blumen nieder, halten inne.

Unter ihnen am Mittwoch eine Deutschkubanerin, die das Opfer des Verbrechens kannte - auch er hatte kubanische Wurzeln. "Er war ein ruhiger Junge, ein anständiger Mensch, hatte immer gute Laune", sagt sie ins Mikrofon eines Fernsehreporters. Viele hier lebende Kubaner hätten sich für ihn gefreut, "weil er alles hatte - eine Ausbildung, eine Arbeit, eine Frau, die ihn liebt, einen Sohn", erzählt die Frau. "Wann endlich begreifen die Menschen?", fragt sie und ergänzt: "Dass Messer nicht auf eine Party gehören. Und dass man Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilen darf." Dann entschuldigt sie sich - sie müsse ihren Sohn von der Schule abholen. Seine Haut sei noch dunkler als ihre; sie fürchte, er sehe in diesen Tagen einigen nicht deutsch genug aus.

Sie ist nicht die einzige, die sich diese Gedanken macht. Zu den internationalsten Einrichtungen der Stadt gehören die Theater; Künstler vieler Nationalitäten sind dort beschäftigt. Die Theaterleitung sorgt sich um ihre Sicherheit. Ballettdirektorin Sabrina Sadowska sagt, sie habe die Tänzer angewiesen, sich nur noch in Gruppen zwischen dem Ballettsaal im Opernhaus und den Proben im Schauspielhaus zu bewegen. Tänzerin Soo-Mi Oh berichtet, dass sie Montagabend gerade zum Schauspielhaus musste, als sich die Demonstranten sammelten. "Da habe ich mich nicht allein durch die Stadt getraut, denn ich sehe sehr asiatisch aus", sagt sie. Sogar in Südkorea, dem Land, aus dem ihre Eltern stammen, sei über die Ereignisse in Chemnitz berichtet worden. Sie werde in Zukunft "etwas mehr aufpassen als früher", so Soo-Mi Oh, sei aber nicht verängstigt.

Die Frage, ob er sich sicher fühlt, ist für ihren Kollegen Yester Mulens Garcia nicht einfach zu beantworten. Einerseits sei er in Chemnitz zuhause; das werde sich auch nicht ändern, erläutert der Kubaner mit dunkler Hautfarbe. Andererseits sei er immer und überall in Alarmbereitschaft, wenn er aus dem Haus gehe. Das sei auch in Kuba schon so gewesen. Er folge persönlichen, von Kindheit an trainierten Verhaltensregeln. Dazu gehöre, menschenleere, dunkle Orte zu meiden, ebenso große Menschenansammlungen wie das Stadtfest. Da nehme er auch Umwege in Kauf oder bleibe lieber zu Hause. Seine Art der Gewaltprävention sei es, allen Menschen mit einem Lächeln zu begegnen.

Auch Sabrina Sadowska, die Schweizerin ist, macht sich Sorgen. "Wenn es heißt, 'Ausländer raus', fühle ich mich genauso angesprochen. Das alles macht mir Angst und ich überlege, wie lange ich hier noch bleibe", sagt sie. Ihr fehle in Chemnitz Zivilcourage. "Vielleicht", überlegt sie, "ist es auch gut, dass jetzt die Bombe geplatzt ist", denn eventuell könne das nun die schweigende Masse aufrütteln. Umso mehr brauche Chemnitz jetzt den Prozess der Kulturhauptstadtbewerbung, so die offizielle Kulturbotschafterin.

"Wir reden laufend über die Ereignisse", sagt ein Chemnitzer mit Migrationshintergrund, der seit Jahrzehnten in der Stadt lebt. Aus Sicherheitsgründen will er derzeit lieber anonym bleiben - was er noch vor ein paar Tagen nicht für möglich gehalten hätte. Ihm mache vor allem Angst, dass der tragische Tod eines jungen Mannes für politische Ideologien missbraucht werde. Er erlebe in seinem Umfeld Ratlosigkeit und Entsetzen angesichts der Gewaltbereitsschaft und darüber, mit welchem Tempo derart viele Menschen aus dem rechten Lager mobilisiert werden konnten. Er und seine Familie hätten sich nicht getraut, an der Gegendemonstration am Montag teilzunehmen. "Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt, die können wir vergessen", glaubt er. Seine erwachsenen Kinder, die durch und durch deutsch seien, nur nicht so aussehen würden, trauten sich seit Montag nicht mehr in die Innenstadt. Eine Bekannte von ihm sei am Dienstag an der Zentralhaltestelle von einer älteren Frau mit den Worten "Geh nach Hause!" angepöbelt worden. Die Bekannte habe ihren deutschen Ausweis gezückt und sie gefragt, wohin sie gehen soll.

Von Angst berichtet auch Abdulhassan Maytham Jabar, Leiter des Café International auf dem Sonnenberg, einer Freizeit- und Begegnungsstätte für Asylbewerber und Flüchtlinge. "Die Stimmung ist total runter", so Jabar. Besonders Frauen und Kinder hätten Angst. Einige Kinder seien Montag nicht zur Schule gegangen, Frauen hätten Termine in der Innenstadt abgesagt. "Sie sind entsetzt, weil sie nichts zu tun haben mit den Verbrechern, die den Mann umgebracht haben. Aber alle werden in einen Topf geworfen", so der Iraker. Er persönlich sei von kriminellen Asylbewerbern enttäuscht. Aber der Großteil habe mit denen nichts zu tun und sei nun verunsichert. Jugendliche, die bei dem Marsch der Fußballhooligans am Sonntag in der Innenstadt angegriffen worden seien, trauten sich nicht, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu stellen, so Jabar. Aber genau dashabe er ihnen geraten.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 10 Bewertungen
15Kommentare
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  • 6
    2
    Täglichleser
    30.08.2018

    Akzeptiert, Fremde können einem Angst
    machen. Es ist in Deutschland schon viel passiert mit ihnen. Integration ist schwierig. Aber Angst einem anderem gegenüber ist nicht gut. Da fühlt der sich überlegen. Aber wir sollten uns auch nicht gegenseitig provozieren. Und da gibt es genug Chaoten. Vieles läuft ja auch über Hören/Sagen über Facebook. Im aktuellen Todesfall musste keine Frau vor Ausländern geschützt werden.
    Die sind nun einmal da. Und da müssen wir mit Ihnen und die mit uns ordentlich umgehen. Und die Polizei muss mit ihren Streifen vor Ort sein. Wir müssen uns sicher fühlen. Und nicht jeder Flüchtling ist kriminell und nicht jeder Deutsche ist astrein.

  • 9
    4
    Ich121959
    30.08.2018

    @Fotoalbum wie recht du hast. Aber schau dir mal die Hände nach unten an bei den eizelnen Kommentaren, da weißt du wer hier liest. Die Farbe ist bezeichnent. Ich bin hier wieder weg. Das ist wie, wenn du mit einen Veganer über ein Schnitzel redest. Und die Autoren melden sich nicht.

  • 14
    9
    Fotoalbum
    30.08.2018

    ‚Das alles macht mir Angst‘. Klasse Schlagzeile. Meine Frau getraut sich schon seit 2 Jahren abends nicht mehr allein in die Innenstadt (Zentralhaltestelle). Und keine ‚Freie Presse‘ hat je einen Artikel darüber geschrieben. Die Kinder unsere Nachbarn werden mit dem VW Bus ins Kino am roten Turm gefahren und wieder abgeholt. Auch darüber schreibt die ‚Freie Presse‘ nicht. Meine Schwägerin arbeitet in der Galerie am roten Turm. Ihr Auto steht in einem nahen Parkhaus. Abends wird sie von Kollegen zum Auto gebracht. Leider ist dieses Procedere für viele Einheimische normal geworden. Viele junge Frauen haben Pfefferspay in ihren Handtaschen.
    Auch das ist zur Normalität in den letzten Jahren geworden.
    Gab es darüber einen Artikel in der „Freien Presse“?
    Nein, warum auch. Stimmt doch alles nicht. Die wirklichen Opfer sind unsere ausländisch aussehenden Mitbürger mit dunklerer Haut.

  • 4
    7
    Ich121959
    30.08.2018

    Schade, dass es hier keine Antwort von den Autoren gibt. Leider

  • 16
    10
    ralf66
    30.08.2018

    Ja sicher, alles Top, jetzt wird der Schwarze Peter den Deutschen in die Schuhe geschoben, alle Deutschen sind ausländerfeindlich und rechtsextrem, eine Schande ist das, möchte nur wissen, was hier noch an Gewalttaten und überhaupt wie viele, egal auf welcher Seite passieren müssen, bevor sachliche Analysen stattfinden. @Interessierterleser, was soll denn das, Chemnitz hat ca. 243 Tausend Einwohner, die waren wohl alle rechtsextrem und gewalttätig in den letzten Tagen, dass es so traurig ist was aus unserer Stadt geworden ist, hier werden die Wellen wieder hochgespielt, ohne Ende aber ohne den Grund des Übels überhaupt ansatzweise erkennen zu wollen!

  • 22
    2
    Täglichleser
    30.08.2018

    ArndtBremen: Es gibt entweder ein Ja oder
    Nein.. Also Verbrechen aufklären und Täter
    verurteilen. Ja. Ja auch für friedliches Miteinander der Menschen, die hier sind.
    Und Nein für Hass untereinander und Vorverurteilung.

  • 19
    19
    Ich121959
    30.08.2018

    @Blackadder
    Jagtszenen? Sind sie Jäger und waren im Wald?

    Die sind frei erfunden. Es gab ein kurzes Scharmüzel (was ich nicht in Ordnung finde) und dann gab es einen Angriff (Höhe Parkplatz gegenüber vom SMAC) von den LINKEN NAZIS.

    Außerdem geht es nicht um diese Demo,s , sondern um die allgemeine Situation in Chemnitz.

  • 15
    12
    aussaugerges
    30.08.2018

    Alle Nazigrößen kamen aus dem Westen.
    Jetzt spricht ein Polizeibonze aus Hamburg von Sachsensumpf.(nt'v eben)

    Unglaublich die Wessis, alles auf den Osten schieben.

  • 13
    17
    ArndtBremen
    30.08.2018

    @Blackadder: Woher nehmen Sie denn Ihre Kenntnis, daß es Rechte waren, die diese angebliche Jagd auf Ausländer gemacht haben? Kenn Sie diese Personen persönlich? Sind Ihnen deren Lebensumstände bekannt? Informieren Sie sich vor Ort. Vom Sofa aus irgendwelchen Blödsinn schreiben kann jeder.

  • 24
    21
    Blackadder
    30.08.2018

    @Ich121959 "Wo sehen Sie den Fremdenhass im großem Stil (gibt es sicher auch )in unserer Stadt? "

    Die Jagdszenen auf Ausländer oder welche, die so aussahen am Sonntag sind Ihnen entgangen?

  • 15
    7
    ArndtBremen
    30.08.2018

    Wie bekommen wir das Problem in den Griff?
    1. Berechtigte Asylbewerber können und müssen integriert werden!
    2. Kriminelle Asylanten müssen sofort abgeschoben werden!
    3. Asylanten, die sich widerrechtlich in Deutschland aufhalten, gehören abgeschoben!
    4. Die Antifa gehört vom Verfassungsschutz beobachtet bzw. verboten!
    Dann haben wir ein Land, in dem wir ALLE gut und gerne leben.

  • 14
    24
    ArndtBremen
    30.08.2018

    @interessierterleser: welche bürgerliche Mitte? Es gib nur JA oder NEIN! Ein VIELLEICHT darf es nicht geben.

  • 28
    26
    Ich121959
    30.08.2018

    Das ist doch der Gipfel der Ironie. Da wird ein junger Mann mit ausländischen Wurzeln von kriminellen Migranten ermordet und die beiden Journalisten drehen den Spieß um. Wo sehen Sie den Fremdenhass im großem Stil (gibt es sicher auch )in unserer Stadt? Wie viel Straftaten an Migranten (gibt es sicher auch) stehen den Straftaten der kriminelle Migranten gegenüber? Sie sollte wirklich mal Ihr Gehirn anwerfen und sich fragen, wer hier den Ruf von Chemnitz zerstört.

  • 38
    12
    interessierterleser
    30.08.2018

    Einfach traurig was aus unserer Stadt geworden ist. Man kann nur wütend sein und sich aktiv gegen Rassismus und Gewalt stellen. Und man kann nur wütend sein und sich aktiv dafür einsetzen, dass unsere Regierung endlich einsieht, dass wir hier ernste Probleme haben. Nicht nur von Rechts, auch von Links. Wo ist denn hier die bürgerliche Mitte? Kriegen wir jetzt endlich unseren Ar*** hoch?

  • 24
    32
    Hinterfragt
    30.08.2018

    "...Chemnitzer mit ausländischen Wurzeln fühlen sich zunehmend unwohl - und ändern ihren Alltag...."

    Bei den Chemnitzern ohne ausländische Wurzeln tat und tut man das mit GEFÜHLTER BEDROHUNG ab ...



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