Der Bundespräsident auf Abwegen

Eigentlich lässt das Protokoll für den Chemnitz- Besuch von Frank-Walter Steinmeier keine Zufälle zu. Doch dann nimmt der bis auf die Minute durchorganisierte Besuch eine überraschende Wende.

Der Bundespräsident kommt? Der Bundespräsident kommt! Die Nachricht macht die Runde unter den Passanten auf dem Chemnitzer Neumarkt. Menschen, die eigentlich nur gekommen waren, um sich eine Bratwurst zu kaufen, bleiben stehen und reihen sich in die Wartenden ein. Die Wenigsten sind gekommen, weil sie vorher wussten, dass der erste Mann im Staat zu Besuch ist. Transparente sind keine zu sehen.

Mit einer Viertelstunde Verspätung, 12.33 Uhr, kommt Frank-Walter Steinmeier in Begleitung von Bodyguards und Mitarbeitern am Ratskeller vorbei auf das Rathaus zugelaufen. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, die ihn nach den Ereignissen Ende August nach Chemnitz eingeladen hatte, eilt die Treppen aus dem Rathaus hinunter und Steinmeier entgegen. Sie begrüßt ihn kurz und schüttelt seine Hand. "Hau ab!" tönt es in diesem Moment aus den Reihen der Zuschauer. Der Rufer wird sofort von einer Gruppe von Polizisten eingekreist und weggeführt. Ludwig und Steinmeier eilen unbeeindruckt ins Rathaus.

"Warum geht er nicht unter die Leute?", will ein 78-Jähriger, der extra wegen Steinmeier gekommen war, wissen. Ein Mann des Volkes gehöre unters Volk. "Ich hätte gern mit ihm gesprochen", sagt er weiter. Dann hätte er ihn aufgefordert zurückzunehmen, dass die, die demonstrieren, Nazis sind. "Mit so viel Zuwanderung kommen wir nicht klar", so der Mann, der Angst vor Islamisierung und Überfremdung äußert. Eine 60-Jährige sagt, es sei gut, dass sich Steinmeier in Chemnitz sehen lässt. Besser wäre aber, wenn er am Freitag gekommen wäre, um zu sehen, wie die Anhänger von Pro Chemnitz durch die Stadt laufen.

Derweil kommt Steinmeier im zweiten Stock des Rathauses an. Im Flur vor dem Ratssaal ist ein Tisch angerichtet - mit weißer Tischdecke und Blumenbouquet aus roten Gerbera und Rosen. Daneben das Goldene Buch der Stadt. Ein Chemnitzer Kalligraf hat seinen Eintrag schon vorbereitet: "Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Chemnitz am 1. November 2018". Der Präsident muss nur noch unterschreiben - erledigt in weniger als fünf Sekunden. Die Gäste eine Seite vor ihm hatten mehr Zeit. Vor genau einem Monat schrieb sich eine Delegation aus Timbuktu ein und verband die Unterschriften mit persönlichen Worten. Mit der Stadt in Mali verbindet Chemnitz seit 50 Jahren eine Partnerschaft.

Partner der Chemnitzer, das will auch Steinmeier in diesen Tagen sein, wie er im Rathaus vor Kameras und Mikrofonen betont. 80 Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich akkreditieren lassen, etwa 50 begleiten Steinmeier. Er reflektiert die Ereignisse und spricht seine Anteilnahme den Angehörigen des Chemnitzers aus, der Ende August durch Messerstiche getötet worden ist. In die Trauer habe sich Wut gemischt. Einige versuchten, das Tötungsdelikt zu missbrauchen und Gewalt auf die Straße zu bringen, so Steinmeier. Wichtig sei, "nicht die eigene Meinung als absolut zu setzen, sondern sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen". Er will mit und nicht über die Chemnitzer reden, sagt Steinmeier noch und verschwindet, begleitet von Personenschützern, im Ratskeller. Dort isst er gemeinsam mit Gastronomen und Gewerbetreibenden der Innenstadt zu Mittag. Er wollte hören, so Steinmeier, wie sich deren Leben seit Ende August verändert habe.

Sven Hertwig, der Standortmarketing für Rosenhof und Rathauspassagen betreibt, sagt nach dem Gespräch, Steinmeier habe viele Fragen gestellt. 2018 sei ein gutes Jahr für die Innenstadt gewesen, bis die Ereignisse im August kamen. "Die Wochen danach waren nicht gerade verkaufsfördernd", so Hertwig. Jetzt bessere sich die Lage aber wieder. "Und wir wollen noch aktiver werden", verspricht Hertwig. Gastronom Henrik Bonesky sagt nach der Runde, bei der Suppe und Braten aufgetischt wurden, es tue gut, angehört zu werden. Bonesky habe dem Präsidenten beschrieben, dass "eine Furcht vor der Innenstadt grassiert". Die Innenstadtakteure würden nun nach Kräften versuchen, dagegen zu steuern. Steinmeier habe sich Zeit genommen, alles anzuhören und es sei ein ausgesprochen nettes, unkompliziertes Gespräch gewesen. Ebenso beschreibt es Ines Schlenzig, Inhaberin des Café- und Tee-Contors in der Inneren Klosterstraße. Sie habe Steinmeier erzählen können, dass ihre Mitarbeiterin abends Angst habe, das Geschäft zu verlassen. Sie selbst spüre allerdings seit August keine Veränderung in ihrem Geschäft. Die friedlichen Veranstaltungen in der City in diesem Sommer, wie der Brauereimarkt, hätten bewiesen, "dass Chemnitz auch anders kann". Jetzt habe die Stadt viel Aufmerksamkeit, es gelte, diese ins Positive zu lenken. Sie denke, auch bei Steinmeier sei jetzt angekommen, dass Chemnitz so braun nicht ist.

Eigentlich ist für das Gespräch mit den Gastronomen nur eine halbe Stunde eingeplant gewesen. Doch der Präsident schlägt spontan vor, noch ein paar Schritte durch die Innenstadt zu gehen. So bewegt sich der Tross über die Innere Klosterstraße zum Düsseldorfer Platz und zurück zum Rathaus. Im Eiscafé Bellini trinkt Steinmeier mit Barbara Ludwig einen Espresso; im Schuh- und Ledergeschäft Pfüller überrascht er Verkäuferin Uta Pfüller und eine Kundin, die gerade ein Paar Schuhe anprobiert, ob er ihr helfen könne. Der Präsident lässt sich geduldig fotografieren und schüttelt Hände. Mancher Besucher mittags vor dem Rathaus ist offenbar zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

 

 

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