Diskussion im Gemeindesaal: Wie geht es Euch?

Chemnitzer Juden im Gespräch mit OB Ludwig, Polizei und Jugendlichen

Es war eine spontane Idee von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig: ein Gespräch über das heutige jüdische Leben in Chemnitz, gleich im Anschluss an die alljährliche Gedenkveranstaltung für die Opfer der Pogrome von 1938, im Gemeindesaal der Neuen Synagoge an der Stollberger Straße. Nach dem gescheiterten Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Monat und den Hitlergrüßen am Marx-Monument im vergangenen Jahr, so hatte Ludwig angeregt, sei es vielleicht nicht der verkehrteste Gedanke, die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu fragen: Wie geht es Euch?

Mit rund 100 Besuchern, darunter viele Schüler mehrerer Chemnitzer Schulen, ist der Saal am frühen Freitagnachmittag voll besetzt. Draußen, auf der Straße, stehen Einsatzfahrzeuge der Polizei; drinnen wachen Beamte in Uniform über die Veranstaltung. Auf dem Podium haben mehrere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Platz genommen. Zum Mauerfall vor 30Jahren, so erinnert Ruth Röcher, die Vorsitzende, lebten noch 13Juden in der Stadt. Derzeit zähle die Gemeinde rund 550Mitglieder.

Ein Vertreter der Polizei nimmt die Gesellschaft in die Pflicht, Antisemitismus nicht zuzulassen. Er sei ein Problem, das die Polizei nicht lösen könne. "Wir sind für die Ergreifung der Täter und die Strafverfolgung zuständig." Der Anschlag von Halle habe eine neue Qualität gehabt. "Die ganze Gesellschaft muss wachsam sein", sagt Dirk Heide von der Polizeidirektion Chemnitz.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig appelliert an die Schüler im Publikum: Es sei nicht schlimm, nichts über das Judentum und jüdisches Leben zu wissen. "Es ist nur schlimm, darüber nichts wissen zu wollen." Sie selbst sei als 13-, 14-Jährige regelmäßig mit der Straßenbahn am jüdischen Gemeindehaus vorbeigefahren, doch "ich habe nicht gewusst, was jüdisches Leben ist". Erst später habe sie Zugang dazu gefunden. "Und es hat mir unheimlich gefallen", sagte Ludwig. Je mehr man über das Judentum wisse, desto kleiner würden die Berührungsängste, habe sie festgestellt.

Ihr Werben um Interesse, an diesem Tag verhallt es noch ohne sichtbares Echo. Kein Jugendlicher meldet sich, stellt eine Frage. (hfn/micm)

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