Einsatz für Überreste der Vergangenheit

Ein Gästeführer ist Unterstützer der jüdischen Gemeinde und sammelt Geld, um Grabmale vor dem Verfall zu retten. Den Friedhof kennt er mittlerweile bestens. Auch seine Geschichten.

Auf den Grabstein von Rosa Baum legt Udo Mayer immer einen kleinen Stein, wenn er in der Nähe ist. Es gibt mehrere Erklärungen, woher dieser jüdische Brauch stammt. Eine ist, dass damit gezeigt wird, dass jemand da war, der die Geschichte der oder des Toten kennt. Blumen werden nach jüdischem Brauch nicht auf Gräber gelegt, da sie vergänglich sind. Steine dagegen sind für die Ewigkeit. Genauso wie die Gräber, die niemals aufgelöst werden dürfen. Der Friedhof im jüdischen Glauben ist kein Ort des Todes, sondern das sogenannte Haus der Ewigkeit. Dort wartet der Verstorbene auf das Jüngste Gericht, um zu neuem Leben aufzuerstehen. Darum ist die Pflege der Gräber besonders wichtig.

Das Grab von Rosa Baum ist das älteste auf dem Friedhof in Altendorf. Sie wurde am 5. Mai 1878 begraben, am Tag ihres 30. Geburtstages. Gestorben war sie bei der Geburt ihres dritten Kindes. Das Begräbnis der jungen Frau war das erste auf dem Friedhof. Die Gemeinde hatte das Grundstück am Laubengang 1877 für das Anlegen eines Friedhofes gekauft.

Regelmäßig bietet Udo Mayer Führungen über den Friedhof an. Seit sieben Jahren ist er Mitglied des Freundeskreises der Jüdischen Gemeinde. Die Pflege der alten Grabmale sei finanziell für die Gemeinde nicht leistbar, erklärt Mayer. Allein die baulichen Mängel der Synagoge an der Stollberger Straße seien kaum zu bewältigen. Darum habe die Gemeinde den Freundeskreis um Hilfe gebeten. 2014 wurde begonnen, Spenden zu sammeln, um Grabmale, diese kunstgeschichtlichen Zeugnisse der Vergangenheit, zu sanieren. Noch im selben Jahr konnte aus Mitteln des Landesdenkmalschutzes das erste und laut Mayer schönste Grabmal des Friedhofs gesichert werden. Es ist das Mausoleum der Rosa Schwarzenberg. Das Gemälde in der Kuppel war von Schmutz überzogen. Jetzt bewahrt es eine Schutzschicht vor dem Verfall, auch Plexiglasscheiben mit einer Belüftung oben in der Kuppel tragen dazu bei. Rosa Schwarzenberg starb 1915 im Alter von nur 28 Jahren. Ihr Mann habe gesagt, wenn sie schon so früh verstirbt, solle sie wenigstens das schönste Grabmal überhaupt bekommen. "Jede Säule, jedes Ornament daran ist ein Unikat", beschreibt Mayer.

Auch nach 2014 wurde regelmäßig ein Antrag auf Förderung beim Landesdenkmalschutz gestellt. Zur benötigten Investitionssumme gibt die Behörde üblicherweise 60 Prozent. Der Eigenanteil der Gemeinde liegt bei 40 Prozent. Es werde versucht, ihn über Spenden zu finanzieren, was bisher gut klappte, berichtet Mayer. 2017 und auch 2018 habe die Hermann-Reemstma-Stiftung geholfen. Zweimal gab es auch Geld von der Stadt . Über 500 Grabsteine konnten so bisher gerettet werden.

In diesem Jahr hatte Mayer ein Experiment gewagt: Er startete eine Crowdfunding-Aktion im Internet. Doch die Sache hat einen Haken: Wenn die angestrebte Summe nicht zusammen kommt, erhalten alle Spender ihr Geld zurück. Darum sei er zurückhaltend gewesen und habe nur 5000 Euro angegeben, erzählt Mayer. Doch tatsächlich kamen rund 9800 Euro zusammen. Die Reemtsma-Stiftung steuerte noch einmal 2400 Euro dazu. Mit Fördermitteln stehen für dieses Jahr insgesamt 24.000 Euro zur Verfügung.

Saniert werden soll der altjüdische Teil des Friedhofs, auch orthodoxer Teil genannt. Die Gräber dort stammen ungefähr aus den 1930er-Jahren. Danach gab es keine orthodoxen Juden mehr in Chemnitz, da die meisten von ihnen polnische Wurzeln hatten und in der sogenannten "Polenaktion" 1938 nach Polen abgeschoben wurden. Viele der Grabsteine standen im vergangenen Herbst noch. Doch sie kippelten und drohten beim Umfallen zu zerbrechen, beschreibt Mayer. Darum wurden sie vorsichtig hingelegt, als Sicherungsmaßnahme. Noch im August sollen die Arbeiten beginnen. Zerbrochene Steine werden gedübelt und wieder aufgestellt. Allerdings nicht mehr auf der Grabumrandung, sondern sie erhalten Fundamente. Die Grabumrandungen werden nicht wieder erneuert. Aber die Steine mit den Informationen über die Verstorbenen sollen für die Ewigkeit stehen. Die Schriften können allerdings nicht restauriert werden. Das wäre zu teuer, erklärt Mayer.

Im kommenden Jahr, so hofft Mayer, kann das älteste Grabfeld des Friedhofs saniert werden. Dazu gehört dann auch der Grabstein von Rosa Baum.

Als Dank an die Spender bietet Udo Mayer am 26. August und am 2. September, jeweils um 10 Uhr, kostenlose Führungen auf dem Friedhof, Am Laubengang 15, an. Männliche Besucher sollten Kopfbedeckung tragen.

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