"Es geht auch um Gartenkultur"

Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt muss am 30. September abgegeben werden. "Freie Presse" fragt Chemnitzer, welche Veränderungen sie sich davon erhoffen und welche konkreten Projekte sie sich wünschen. Heute: Jens Peter, Vorsitzender des Stadtverbandes der Kleingärtner.

Freie Presse: Herr Peter, Sie leben seit 2011 in Chemnitz. Sind Sie hergekommen, weil Sie so viel Gutes von der Stadt gehört haben?

Jens Peter: Nein. Als ich 14 Jahre alt war, haben meine Eltern mit mir einen Ausflug nach Chemnitz gemacht. Das muss 1998 gewesen sein. Da war der ganze Innenstadtbereich eine Baustelle. Damals habe ich gesagt, dass ich niemals in Chemnitz leben möchte. Als ich dann 2010 mein Vorstellungsgespräch hier hatte und die Zusage kam, haben viele gesagt, ich solle in Dresden oder Leipzig wohnen und die Stunde Fahrt in Kauf nehmen. Oder wenn Chemnitz, dann auf den Kaßberg oder nach Adelsberg ziehen. Das habe ich alles abgelehnt. Ich bin die Stadtteile zu Fuß abgelaufen, wohne jetzt am Rande des Sonnenbergs und fühle mich dort sehr wohl.


Was ist Chemnitz für Sie heute?

Als Wahlchemnitzer habe ich einen ganz anderen Blick auf die Stadt. Ich vergleiche es immer mit meiner Heimatstadt Gera. Das ist auch eine Arbeiterstadt, die aber seit der Wende nicht so gut dasteht wie Chemnitz. Ich finde es deshalb immer schade, wenn der Chemnitzer so negativ über seine Stadt denkt. Chemnitz hat Potenzial und ich finde, das sollte man mehr zum Ausdruck bringen. Ich versuche das, indem wir uns landes- und bundesweit mit unseren Kleingärten präsentieren. Das schönste Ergebnis haben wir ja letztes Jahr erreicht, als wir mit dem Kleingärtnerverein Sonnige Höhe die Goldmedaille im Bundeswettbewerb für die schönste Kleingartenanlage geholt haben. Chemnitz hat im übrigen so viele Grün- und Freiräume wie keine andere Stadt in Deutschland. Viele sind sich dieses hohen Gutes nicht bewusst. Ich finde, die Lebensqualität, die wir hier haben, ist besser als in Leipzig oder Dresden. Chemnitz ist noch dynamisch, hier entwickelt sich was, und es ist noch nicht dieser Kommerz eingetreten wie in anderen Städten. Zum Beispiel hatten wir ja in der Kleingartenanlage 'Vereinte Kraft' im vergangenen Jahr das Kunstfestival Begehungen. Da konnten sich junge Leute künstlerisch entfalten. Das ist einmalig. Darum denke ich auch, dass wir gute Chancen haben, den Kampf um den Titel für Europas Kulturhauptstadt 2025 zu gewinnen.

Wie können Sie sich da als Kleingartenverband einbringen?

Man sollte Chemnitz nicht nur auf Industriekultur reduzieren. Klar ist es eine Arbeiterstadt. Aber das ist nicht alles. Darum geht es bei der Kulturhauptstadt auch um die Gartenkultur. Unser Ziel ist es, die Menschen über das Gärtnern zusammenzubringen. Nun kann man frech sagen, der spießige Kleingärtner will nur allein in seinem Garten bei den Gartenzwergen bleiben. Aber so ist es nicht. Wir haben viele Projekte, die sich etabliert haben, wie die Senioren-, Begegnungs- oder Behindertengärten. Da haben Vereine selbst nach einem Beitrag für ein besseres Zusammenleben gesucht.

Was sind Begegnungsgärten?

Da kommen alle Altersgruppen zusammen, gärtnern miteinander und lernen voneinander. Das gibt es auch in der Kleingartenanlage Sonnige Höhe. Dort stand die Frage, was man mit Älteren macht, die es nicht mehr schaffen, einen eigenen Garten zu bewirtschaften, aber noch in die Anlage kommen möchten. Es gab keinen Ort, wo sie mal ein Schwätzchen halten konnten. Da fand sich am Eingang eine leerstehende Parzelle. Gleichzeitig hatte das Industriemuseum angefragt, ob wir die historische Wassermann-Laube übernehmen möchten. Da dachten wir, die würde sich gut machen dort als Begegnungszentrum.

Hat Chemnitz mit den Kleingärten ein Alleinstellungsmerkmal?

Jein. Wenn man es vergleicht mit den alten Bundesländern, dann gibt es in den neuen eine viel höhere Kleingartendichte. Und Sachsen ist das Geburtsland der Kleingärten, mit aktuell über 200.000 Gärten. Chemnitz hat im Vergleich mit Gesamtdeutschland schon eine Anzahl von Gärten, die außergewöhnlich ist. Aber wenn man es auf Sachsen bezieht, hat Chemnitz eine ähnliche Anzahl wie Dresden und Leipzig.

Stimmt es, dass es wieder mehr junge Leute in den Kleingarten zieht?

Das kann ich nur bestätigen. Auch in meinem eigenen Verein bemerke ich, dass sich der Altersdurchschnitt gesenkt hat und auch verstärkt Familien nachfragen. Freizeitaktivitäten kosten Geld. Und da ist der Kleingarten immer noch eine der günstigsten Möglichkeiten. Für 14 Cent Pacht pro Quadratmeter im Jahr. Wenn man noch Mitgliedsbeiträge und Nebenkosten zusammenrechnet, kann man mit ca. 250 Euro im Jahr einen Kleingarten bewirtschaften. So besteht die Möglichkeit, den Kindern näher zu bringen, was eigentlich das Pflanzen von Lebensmitteln bedeutet. Dass man wieder eine Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln schafft. Wenn ich im Supermarkt für 99 Cent pro Kilo Tomaten kaufen kann, dann fliegen sie eben in die Tonne, wenn sie nicht mehr schön aussehen. Wenn wir uns die Zahlen ansehen, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden, weil wir gar keinen Bezug mehr zur Wertigkeit haben, finde ich das sehr bedauerlich. So können wir bei der Jugend anfangen zu zeigen, dass es Arbeit macht, die Pflanze zu ziehen, bis die fertige Frucht dranhängt. Wenn dann der Apfel oder die Tomate einen Makel haben, schneidet man ihn aus und isst die Frucht trotzdem.

Wie viele Kleingärten stehen leer?

Wir gehen von einem dauerhaften Leerstand zwischen anderthalb bis zwei Prozent aus. Im ländlichen Raum belaufen sich die Leerstände auf bis zu 20 Prozent. Aber man muss sagen, die Zahl wird sich in den nächsten Jahren nach oben bewegen, weil wir jetzt noch eine Generation in den Kleingärten haben, die in den nächsten Jahren ihren Garten aufgeben wird.

Was sind das für Leute, die einen Kleingarten haben? Sind die für oder gegen die Kulturhauptstadtbewerbung?

Die Kleingärtner bilden den Querschnitt der Gesellschaft. Mit 180 Kleingartenanlagen und 15.000 Parzellen, die ja meistens von Paaren oder Familien bewirtschaftet werden, kann man davon ausgehen, dass ca. 30.000 Chemnitzer bei uns im Verband mit Kleingarten etwas zu tun haben. Das geht vom Arbeitslosen bis zum Professor. Natürlich sind da Befürworter und Gegner der Kulturhauptstadt. Wir als Verband haben uns immer positiv zur Bewerbung ausgesprochen. Die Chancen sind größer als die Nachteile.

Weitere Interviews der Reihe "Chemnitz 2025" finden Sie im Internet unter www.freiepresse.de/chemnitz2025.


Jens Peter

Der gebürtige Geraer ist 35 Jahre alt. Er hat an der Fachhochschule Erfurt Gartenbau studiert. 2011 kam er nach Chemnitz, als neuer Geschäftsführer der Geschäftsstelle des Stadtverbandes der Kleingärtner. Seit 2015 ist er zusätzlich im Ehrenamt Vorsitzender des Verbandes. (jpe)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...