"Es ist belastend, hier Ausländer zu sein"

Chemnitz diskutiert: Auf Einladung der "Freien Presse" haben 25 Chemnitzerinnen und Chemnitzer an fünf Tischen über die Lage in der Stadt nach den Ereignissen von Ende August debattiert. Hier der Gesprächsverlauf an Tisch Nummer zwei.

Chemnitz.

Margit Gerick: Ich habe Angst vor Zusammenrottungen bestimmter Gruppen. Die beachten mich vielleicht gar nicht, aber dennoch habe ich dieses Gefühl.

Dirk Richter: Woher kommt das? Da ist doch nichts Greifbares.

Margit Gerick: Da gab es einen Konflikt in unserem Wohnhaus. Und in unserem Geschäft sind wir fünfmal von Trickbetrügern heimgesucht worden. Das waren alles Ausländer. Niemand von denen ist verurteilt worden.

Dirk Richter: Fühlen Sie sich in anderen Städten auch unsicher?

Margit Gerick: Zuletzt in Trier habe ich mich nicht bedroht gefühlt.

Dirk Richter: Da gibt es viel mehr Ausländer. Warum fühlten Sie sich da nicht bedroht?

Margit Gerick: Ich weiß es nicht.

André Bauer: Ich gehe auch nicht gern vor dem Roten Turm durch eine Menschenansammlung. Die stehen da aber nur wegen des kostenlosen W-Lans.

Wolfgang Reiter: Unter dem faschistischen Regime hatte ich Angst, heute habe ich keine. Die, die ich kenne, haben alle keine Angst vor Ausländern. Die Ausländer werden jetzt an den Pranger gestellt, aber die sind es doch gar nicht, die Randale machen. Mich hat noch kein Ausländer angepöbelt. Im Seniorenkolleg der Uni habe ich Ausländer getroffen, die Angst haben, nicht die Deutschen.

Margit Gerick: Da hatten Sie Glück.

Wolfgang Reiter: Wer die Kriminalstatistik studiert, erkennt: Die Täter sind nicht überwiegend Ausländer.

Fredj Chamakhi zu Margit Gerick: Ich verstehe Ihre Angst. Ihnen ist mehrfach etwas passiert, aber dennoch sind das Ausnahmen. Nicht alle Ausländer sind schlecht.

Margit Gerick: Ich sage, ich habe Angst, wenn sich Gruppen zusammenrotten. Das können alle möglichen Gruppen sein.

Moderatorin Micaela Schönherr: Meine Tochter ist nachts auch nicht mehr allein rund um die Stadthalle unterwegs.

Fredj Chamakhi: Meine Frau und meine drei kleinen Kinder gehen auch nicht mehr allein auf die Straße. Ich bin immer dabei, weil wir nur beleidigt werden, zum Beispiel als Sozialschmarotzer, selbst im Kleingartenverein. Einmal wurde ich fast zusammengeschlagen. Es ist wirklich belastend, ein Ausländer in Chemnitz zu sein. Das war schon vor dem Stadtfest so. Danach hat es zugenommen. Ich habe wirklich Respekt vor dem Alter, aber am häufigsten beleidigen uns Rentner. Ich habe meinem Chef schon gesagt, ich muss gehen. Das halte ich höchstens noch ein Jahr aus.

Moderatorin Micaela Schönherr: Es ist wichtig, dass Menschen wie Fadj Chamakhi den Mut haben, das zu sagen und damit uns zu helfen, das zu kommunizieren. Wir haben das doch schon oft gehört, aber nicht geglaubt.

André Bauer: Das Problem ist, dass generell zu wenig differenziert wird. So wie nicht alle Ausländer schlecht sind, sind es auch nicht alle Deutschen, Chemnitzer oder Hartz-IV-Empfänger.

Dirk Richter: Wir reden immer über Randgruppen, weil die die größte Öffentlichkeit erhalten. Wo ist aber eigentlich die große Mitte der Gesellschaft in Chemnitz? Ich hoffe zumindest, dass die anders denkt.

Moderatorin Micaela Schönherr: Gibt es aus der Chemnitzer Mitte heraus eine Bewegung, die dagegenhält, die eingreift?

André Bauer: Die gibt es noch nicht. Als bei der Demo die Arme zum Hitlergruß hochgingen, haben die einen zugesehen, dass sie Land gewinnen. Die anderen sind stehen geblieben. Bei dem Konzert mit den 65.000 Besuchern dachte ich zuerst, das ist die Mitte. Aber dann kam eine Rede, die unsere Gesellschaft zutiefst ablehnt. Dennoch bin ich dann geblieben.

Dirk Richter: Deshalb hatte ich ja selbst am 6. September eine Kundgebung veranstaltet, um allen zu zeigen, dass es diese Mitte gibt, die sich keiner der extremen Gruppen zugehörig fühlt. Leider waren nicht so viele da, wie ich gehofft hatte. Der Ansatz dabei ist aber, dass sich die Mitte findet. Lassen wir doch alle Rechten und Linken links liegen und leben wir die demokratischen Werte einfach vor.

André Bauer: Wir müssen schon einen Lösungsansatz für das Problem mit den Randgruppen entwickeln. Da hört nämlich die Toleranz für mich auf. Und da erwarte ich, dass jemand, wenn er einkassiert wird, nicht nach drei Stunden wieder draußen ist. Rein rechtlich geht das wahrscheinlich nicht anders, aber ich habe da eine andere Erwartung.

Diana Schmidtbauer: Ich habe keine Angst vor Ausländern, sondern vor denen mit der Bierflasche in der Hand - und davor, wie es politisch künftig weitergeht.

Dirk Richter: Die Deutschen, die sich zum Trinken an der Stadthalle treffen, sehe ich auch als größte potenzielle Bedrohung für meine Töchter. Angst entsteht aber auch im Kopf. Da muss man die Medien kritisch sehen, die nur über Negatives berichten. Die könnten ja anders berichten. Aber Angst verkauft sich besser.

Micaela Schönherr: Da sollten wir auch über die Fake News in den sozialen Medien reden, durch die die Stimmung nach dem schrecklichen Tötungsdelikt in Chemnitz ja so angeheizt wurde.

Dirk Richter: Die Polizei hätte viel schneller deutlich machen müssen, dass das reine Spekulation ist und nicht dem Ermittlungsstand entspricht.

Ex-Polizeichef Uwe Reißmann wird als Experte hinzugezogen. Er sagt: Das A und O ist, dass ich bei solchen Sachen nicht sofort reagieren kann. Ich muss ja zuvor erst gesicherte Infos haben, sonst ist die Glaubwürdigkeit der Polizei hin. Zudem muss alles vorher mit der Staatsanwaltschaft abgestimmt werden, was wir an Infos rausgeben. Das kostet Zeit. Wir wären da schon einen Riesenschritt weiter, wenn das alles ohne Zeitverlust geschähe.

André Bauer: Dann müssen dafür eben die Strukturen geschaffen werden.

Dirk Richter: Vor allem müssen wir stärker in die Gesellschaft hineintragen, dass die meisten Ausländer integriert sind.

Wolfgang Reiter (mit Tränen in den Augen): Die kommen hierher, benehmen sich anständig, studieren und pflegen uns - und werden dafür auch noch angepöbelt. Ich bin kürzlich in Aue operiert worden. Dort in der Klinik ist jeder zweite Arzt Ausländer - und ich bin heilfroh, dass die da sind.

Moderatorin Micaela Schönherr: Das wäre ein extremer Verlust, wenn wir unsere ausländischen Mitbürger verlieren würden - kulturell und auch wirtschaftlich.

Dirk Richter: Die Leute müssen lernen, dass die meisten Ausländer Teil der Mitte der Chemnitzer Gesellschaft sind. Wenn sie angegriffen werden, wird die gesamte Mitte angegriffen.

Margit Gerick: Es sollte mehr Foren wie dieses geben, an denen auch Ausländer teilnehmen.

André Bauer: Es gibt bei uns auch viele ausländische Kulturvereine, zu denen wir stärker den Kontakt suchen sollten, die sich aber auch selbst mehr öffnen müssen.

Dirk Richter: Die Mehrheit der Mitte zeigt sich für einen Austausch aber nicht offen. Deshalb sollten wir alle mehr gemeinsam mit unseren ausländischen Mitbürgern in der Stadt unterwegs sein.

Wolfgang Reiter: Die Asylbewerber in Ebersdorf brauchen etwas zu tun, damit sie gar nicht auf die Idee kommen, Blödsinn zu machen.

Dirk Richter: Was spricht dagegen, für sie Ein-Euro-Jobs zu schaffen?

Micaela Schönherr: Diese Jobs könnten auch über eine Bürgerbewegung geschaffen werden.

Fredj Chamakhi: Integration durch Arbeit ist der Schlüssel für alles. Da haben sie auch gleich einen Grund mehr, Deutsch zu lernen.

Micaela Schönherr: Ich glaube, dass Sport Menschen jeden Alters und jeglicher Nationalität verbindet. Da könnte man mehr machen.

André Bauer: Man könnte den Basketball-Trainer der Niners, der aus Aleppo stammt, auch vor Schulklassen stellen und ihn knallhart schildern lassen, was ihm passiert ist. Das würde aufklären.

Wolfgang Reiter: Damit kann man schon im Vorschulalter anfangen. Ohnehin verstehen sich die Kinder viel besser als die Eltern.

André Bauer: Brennpunkte wie der Stadthallenpark sollten entschärft werden, indem man dort Licht in die dunklen Ecken bringt.

Dirk Richter: Vor allem geht es aber darum, dass wir eine Brücke schaffen müssen zu denen, die dort stehen, und mit ihnen ins Gespräch kommen müssen. Das würde Ängste nehmen.

Hintergrund: Überproportional viele Ausländer straffällig

Chemnitz war laut Kriminalitätsstatistik 2017 so sicher wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Die Anzahl der Fälle allgemeiner Kriminalität bewegte sich bei 23.000. Immer weniger Taten wurden aber aufgeklärt.

Überproportional viele polizeilich registrierte Straftaten finden im Stadtzentrum statt. Es ist laut Statistik etwa jede Vierte. Laut Landeskriminalamt entfielen unter anderem 29,3 Prozent aller sogenannten Rohheitsdelikte auf das Stadtzentrum.

Der Anteil der Ausländer an allen erfassten Tatverdächtigen ist seit 2013 von 18,9 auf 28,2 Prozent gestiegen. Bei einigen Delikten liegen die Werte deutlich darüber. Beispiel Raubüberfälle auf offener Straße im Stadtzentrum: 16 der 19 Tatverdächtigen waren nichtdeutscher Herkunft. Bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen im Zentrum lag der Anteil bei 64 Prozent. Etwa die Hälfte von ihnen waren Jugendliche und Heranwachsende bis 21 Jahre. Auch bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung haben Ausländer einen überproportionalen Anteil. Von den 328 Tatverdächtigen, die von Januar 2015 bis Dezember 2017 ermittelt wurden, hatte ein Drittel eine ausländische Herkunft. Zum Vergleich: Anfang 2018 betrug der Bevölkerungsanteil aller in der Stadt lebenden Ausländer 7,6 Prozent.

 

Chemnitz diskutiert: das Special mit allen Texten.

Kommentar von Chefredakteur Torsten Kleditzsch: Miteinander reden macht klüger

1212 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    gelöschter Nutzer
    09.10.2018

    @Distelblüte, Sie sind doch oberflächlicher wie ich dachte. Es geht darum das seit langem in Chemnitz beschwerden über die Unsicherheit gab und es wurden oft Ausländer dabei benannt. Es passiert ein Mord durch Ausländer. Und was ist die Reaktion als Ausländer muss man Angst haben und die Deutschen spinnen nur. Angesichts dieser Tatsachenverdrehung glaube ich eher das Sie benutzt werden um die "richtige" Meinung in die Welt zu tragen.
    @Blackadder, manches kommt halt unterschiedlich an.

  • 2
    4
    gelöschter Nutzer
    09.10.2018

    @blacksheep: "@Blackadder, ich habe ein Problem damit wenn man Erfahrungen die halt ein Teil der Bevölkerung gemacht hat, ignoriert und schlecht redet. "

    Da ich wirklich ALLE Diskussionsrunden, die letzten Samstag in der Zeitung abgedruckt waren, gelesen habe, kann ich diesen Eindruck nicht nachvollziehen. Das wurde ja wohl ausführlich in den Runden mit angebracht und auch von niemandem schlecht geredet.

  • 1
    4
    gelöschter Nutzer
    09.10.2018

    @Blacksheep: Ich bitte für die Formulierung um Entschuldigung, aber Sie lassen sich von Ihrer Empörung über die Schlechtigkeit der Welt wie die Sau durchs Dorf treiben. Und Sie werden von Gruppen angetrieben, die Ihre Gefühle wieder und wieder bedienen, damit Sie auch wirklich jedesmal wieder dabei sind, wenn eine Demo ansteht. Die Welt wird dadurch kein besserer Ort. Natürlich kann man seinem Ärger auf diese Weise Luft machen, aber profitieren wird davon nicht die gesamte Gesellschaft, sondern nur die Gruppe, die Ihren inszenierten Ärger nutzt.

  • 6
    3
    gelöschter Nutzer
    08.10.2018

    @Distelblüte, ja man muss es wieder und wieder durchsprechen, die Leute haben demonstriert wegen der Unsicherheit in der Stadt. Seitdem muss die Presse, auch Fp, beweisen das Sie aus "Im dienste der Eliten" nichts gelernt hat. Das sich gerade die, die schlechte Erfahrungen gemacht haben verhöhnt vorkommen ist wohl zu begreifen.
    @Blackadder, ich habe ein Problem damit wenn man Erfahrungen die halt ein Teil der Bevölkerung gemacht hat, ignoriert und schlecht redet. Sie finden die Auswahl der Diskutanten doch deshalb ausgewogen weil Sie ihre Meinung vertreten. Was Sie über die deutschen Opfer von Straftaten denken, haben Sie ja schon mal deutlich kundig gemacht.
    @DTRFC2005 weil wir unsere Ärzte vergraulen, nehmen wir den anderen die Ärzte weg?

  • 3
    6
    DTRFC2005
    08.10.2018

    @BlackSheep: Ihr Zitat: "Und werden die ausländischen Ärzte in ihren Ländern nicht gebraucht?". Nun dann stellen Sie sich doch vor, wenn in Chemnitz alle Ausländischen Ärzte sofort in ihr Heimatland gehen.
    Gehen Sie heute auch auf die Straße? Es wurde eine Frau in Chemnitz ermordet.

  • 4
    6
    gelöschter Nutzer
    08.10.2018

    Blacksheep hat ganz offenkundig einfach ein Problem damit, dass nicht alle Diskussionsteilnehmer seine Meinung widerspiegeln, sondern nur ein kleiner Teil, was meiner Erfahrung nach ganz gut die Gesamtbevölkerung darstellt. Ich finde die Auswahl der Diskutanten gut und ausgewogen.

  • 4
    5
    gelöschter Nutzer
    08.10.2018

    @Blacksheep: Müssen wir das wirklich schon wieder durchsprechen? Lesen Sie sich einfach die Artikel, Kommentare und Leitartikel zu den Ereignissen Ende August durch.

  • 5
    5
    gelöschter Nutzer
    08.10.2018

    @dtrfc2005, ihre Frage ist ziemlich unsinnig, weil das was Sie fragen nicht zur Diskussion steht. Ausserdem drücken Sie sich vor den Gründen warum nach einer Straftat spontan Menschen demonstrieren.

  • 6
    7
    DTRFC2005
    07.10.2018

    @BlackSheep: Stellen Sie sich doch einmal vor, ab Morgen wurden sofort alle Ausländer aus Chemnitz weggehen.Was glauben Sie bleibt übrig?Ich spreche von ausnahmslos allen Ausländern, also auch diejenigen die hier schon lange leben.
    Wäre das in ihrem Sinne?

  • 7
    6
    gelöschter Nutzer
    07.10.2018

    @Distelblüte, ich halte diese Diskussionsrunde für lachhaft, weil die alltäglichen Probleme die von vielen schon geäußert wurden hier einfach ignoriert werden. Es gehen viele Leute nach einer Straftat spontan auf die Strasse, aber redet man über die Gründe? Nicht die Bohne, wer kritisches äußert ist ein rechter und schon ist man fertig, das ist das Bild dieser Diskussionsrunde für micht.

  • 5
    7
    gelöschter Nutzer
    07.10.2018

    Eine beeindruckende Diskussionsrunde. @Blacksheep: Halten Sie diese für lachhaft, weil sich Ihre Vorurteile nicht darin finden?

  • 10
    6
    gelöschter Nutzer
    07.10.2018

    Ich finde das ist eine lachhafte Diskussion. Herr Richter, es gab Versuche für Migranten ein Euro Jobs zu schaffen, schon vergessen das dann, berechtigt, der MIndestlohn gefordert wurde? Herr Reiter, natürlich es es schön das Ärzte da sind, aber ich stelle mir dann zwei Fragen.
    https://www.praktischarzt.de/blog/als-arzt-ins-ausland/ Warum sind seit 2001 ca 16000 Ärzte aus Deutschland abgewandert? Und werden die ausländischen Ärzte in ihren Ländern nicht gebraucht?