Fernost trifft USA - in Chemnitz

Ein Choreograf aus Peking wirkt bei einer Produktion am Opernhaus mit. Warum er Tänzer werden wollte, verblüfft seine neuen Kollegen.

Es ist das erste Mal, dass er mit einer ausländischen Tanzkompanie arbeitet. Daher dürfte sich Yiming Xu noch lange an den Aufenthalt in Chemnitz erinnern. Der 35-jährige Tänzer und Choreograf ist für den zweiten Teil des Ballettabends "Gesichter der Großstadt" verantwortlich, Premiere ist am 29. Oktober.

Bereits zur ersten Ausgabe des Festivals "Tanz, Moderne, Tanz" 2015 stellte sich Xu dem hiesigen Publikum mit einem Solo vor. Nun ist er in Begleitung seines Mentors Willy Tsao nach Chemnitz gekommen. Dieser ist quasi sein Chef, denn unter ihm arbeitete Xu an der ersten unabhängigen modernen Tanzkompanie in China, der "Beijing Dance LDTX". Jetzt sei er als freier Choreograf unterwegs, Tsao hilft ihm, vor allem als Übersetzer. "Er hat eine große Zukunft vor sich", sagt Tsao über seinen Schützling. Auch Ballettbetriebsdirektorin Sabrina Sadowska ist begeistert von Xu. Er sei geschmeidig wie eine Katze, wirke manchmal wie knochenlos und habe extrem dynamische Wechsel zwischen ruhig und super schnell drauf.

In der neuen Produktion geht es um die Bilder des Künstlers Edward Hopper (1882-1967), der als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Realismus gilt. Seine Arbeiten erzählen vor allem von der Isolation des Individuums in der modernen Großstadt. Gezeigt werden die Gemälde in der Inszenierung nicht, höchstens werden sie angedeutet. Es geht viel mehr um die Geschichten und Gefühle, die in ihnen stecken. Für den ersten Teil des Ballettabends zeichnet Chefchoreograf Reiner Feistel verantwortlich. Doch was verbindet einen jungen Chinesen mit einem längst verstorbenen Künstler des amerikanischen Realismus? Offenbar viel, denn Xu sagt, er sei von der Atmosphäre der Bilder sehr angetan. Sie erinnere ihn an die in seiner eigene Generation. Niedergeschlagenheit, Einsamkeit und enormer Druck seien heute typisch für chinesische Großstädte. Die Gesellschaft verändere sich derart schnell, dass die Jugend kaum noch mitkomme, sagt er. Sadowska verweist noch auf Chinas Einkindpolitik, die oft dazu führe, dass ein Kind Erwartungen der Eltern an fünf Kinder erfüllen müsste. Gleichzeitig spüre Xu aber sowohl in den Bildern als auch in seiner Genreation eine Energie, die aus dem Streben nach etwas Besserem resultiere. Auch das solle in seiner Choreografie zum Ausdruck kommen.

Verändert hat sich auch der Beruf des Tänzers in China. Im Alter von 15 Jahren wurde Xu, der aus einer relativ armen Familie komme, Mitglied einer Tanzschule. Wer das schaffte, hatte damals eine Jobgarantie, denn Tanzensembles waren in dem kommunistischen Land staatlich finanziert, erklärt Tsao. Von dieser Aussage ist selbst die Ballettbetriebsdirektorin verblüfft. Tänzer in Europa können von Jobgarantien nur träumen. "Aber auch in China ist das längst nicht mehr so", fügt Tsao beschwichtigend hinzu.

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