Rathaus zieht Notbremse beim Kinder- und Jugendnotdienst

Nach erneuten schweren Vorfällen im Umfeld der Einrichtung wird an einem völlig neuen Konzept gearbeitet. Bis dahin bleibt ein Wachschutz vor Ort.

Ein Vormittag in einem Garagenhof am Rande des Flemminggebietes: Auf dem Weg zu ihrem Auto wird eine 66-jährige Frau überfallen, zusammengeschlagen und getreten. Ihre verzweifelten Schreie, so berichten Anwohner später, sind bis weit in die Nachbarschaft hinein zu hören. Die Täter haben es offenbar auf ihre Handtasche abgesehen. Erst als plötzlich eine weitere ältere Dame auftaucht, lassen sie von ihrem Opfer ab und machen sich aus dem Staub. Die beiden werden kurze Zeit später ganz in der Nähe von Polizeibeamten gestellt. Es handelt sich um zwei Mädchen, zehn und elf Jahre alt.

So außergewöhnlich der Fall, der sich Ende Mai ereignete, auf den ersten Blick erscheint: Für viele Bewohner des Flemminggebietes kam er nicht wirklich überraschend. Schon im Jahr 2016 hatte es in dem eher ruhigen Viertel eine Häufung von Zwischenfällen mit Kindern und Jugendlichen gegeben. Das Spektrum reichte von Vandalismus über Pöbeleien bis zu nächtlichem Gegröle. Verantwortlich dafür, so hatten Anwohner schnell ausgemacht, waren oft junge Bewohner einer Einrichtung des Kinder- und Jugendnotdienstes am Ende der Flemmingstraße. Es gab Unterschriftensammlungen und Krisengespräche mit dem Jugendamt und der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die den Notdienst betreibt, um gemeinsam eine tragfähige Lösung für die Zukunft zu finden.

Und die Lage beruhigte sich tatsächlich - auch dank eines eingesetzten Sicherheitsdienstes. Doch nach dem neuerlichen Vorfall im Garagenhof und weiteren, zum Teil erheblichen Sachbeschädigungen scheint nunmehr das Ende der Geduld erreicht. "Die Zustände verschärfen sich erneut", heißt es in einem Aushang, mit dem in Altendorf derzeit wieder Unterschriften gesammelt werden. "Problemfälle", die vor zwei Jahren schon für die Eskalation verantwortlich gewesen seien, seien in die Einrichtung zurückgekehrt.

Jürgen Tautz, der Geschäftsführer der Awo, bestätigt das. Üblicherweise verblieben die Kinder und Jugendlichen nur für eine gewisse Übergangszeit in der Notdiensteinrichtung - bis ein geeignetes Nachfolgeangebot mit zielgerichteter pädagogischer Betreuung für sie gefunden werde. Gibt es aber auch dort größere Probleme und die Betreiber lehnen eine weitere Betreuung ab, landeten sie letztlich wieder im Notdienst - der von Gesetzes wegen keinen Jugendlichen abweisen darf.

Ein weiteres Problem: Weil gerade bei den immer häufiger anzutreffenden ausgesprochen komplizierten Fällen, wie gewaltbereiten oder aggressiven Heranwachsenden, es oft schwer sei, Nachfolgeeinrichtungen zu finden, kommt es Tautz zufolge zu Überbelegungen. So habe der Notdienst an der Flemmingsstraße im Frühjahr zeitweise bis zu 30Kinder und Jugendliche betreut - bei nominell 17 Plätzen.

In Anbetracht der jüngsten Entwicklung wird im Rathaus nun an einer grundsätzlichen Lösung gearbeitet. Geplant ist dem Vernehmen nach, die Einrichtung im Flemminggebiet möglichst zügig zu schließen und das Angebot auf mehrere, kleinere Standorte für verschiedene Altersgruppen im Stadtgebiet zu verteilen. Der Jugendhilfeausschuss des Stadtrates soll dazu in seiner nächsten Sitzung beraten.

Bis dahin, so Awo-Chef Jürgen Tautz, soll an der Flemmingstraße in den Abend- und Nachtstunden weiterhin ein Sicherheitsdienst vor Ort sein. Auch die Polizei behält das Geschehen im Wohngebiet im Auge, steht im regelmäßigen Kontakt mit der Stadtverwaltung. Polizeiintern gelten die Zu- und Abfahrtswege zum Notdienst mittlerweile als "gefährlicher bzw. verrufener Ort". Eine solche Klassifizierung erleichtert es den Beamten, dort Personen zu kontrollieren.


Kommentar: Erzwungener Neustart

Die Nachbarn des Kinder- und Jugendnotdienstes haben einiges an Geduld bewiesen und sich lange Zeit um eine Lösung bemüht, die beiden Seiten gerecht wird - ihnen als Anwohnern, aber auch den jungen Leuten, die Hilfe benötigen, um im Leben zurecht zukommen. Ein Ringen, das sich letztlich als vergeblich erwies angesichts von immer mehr und immer komplexeren Fällen, mit denen der Notdienst seit einigen Jahren konfrontiert wird. Bereits für 2016 hatte Sozialbürgermeister Rochold eine Zunahme von 40 Prozent binnen Jahresfrist vermeldet. Und das ist womöglich nur ein Vorgeschmack auf künftige Dimensionen. Sie verlangen beinahe zwangsläufig nach neuen Konzepten und Strukturen.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Hinterfragt
    19.07.2018

    Man sollte evtl. die Jugendwerkhöfe wieder ins Gespräch bringen ...



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