Stadtgeflüster : Ein Kurfürst, der immer kichern muss

Ein Verkehrsmann im historischen Kostüm, drei Künstler im gemeinsamen Domizil und eine Jahrzehnte alte Brieffreundschaft.

Stefan Tschök, Marketingleiter der Chemnitzer Verkehrsbetriebe CVAG, hat schon oft bewiesen, dass in ihm nicht nur ein Mann aus der Verwaltung steckt. Denn er ist auch Buchautor, Aphorismen-Dichter und Kulturbotschafter der Stadt. Jetzt ist er zudem noch unter die Schauspieler gegangen. Am Samstagabend schlüpfte er in Marienberg ins Kostüm von Friedrich AugustIII., dem einstigen sächsischen Kurfürsten. Mit mehr als 30 anderen Schauspielern stellte er in einem Laienspiel Geschichten aus der Historie der Stadt Marienberg vor. Wie er an die Rolle kam? Der 61-Jährige war bei einer Veranstaltung in der Marienberger Baldauf-Villa zu Gast. In einem Gespräch kam heraus, dass jemand für die Rolle des Kurfürsten gesucht wurde. "Da fühlte ich mich sofort berufen, habe aber nicht geahnt, was dieser Job mit sich bringt", so Tschök. Seit seiner Schulzeit habe er nicht mehr so viele Zahlen und Fakten auswendig lernen und dann auch noch in "ziemlich angestaubter Sprache" vorbringen müssen. Schon bei den Proben erfuhr Tschök, dass so eine Aufführung kein Zuckerschlecken ist. Denn immer wieder ermahnte der Regisseur den Chemnitzer, doch bitteschön etwas mehr Ernst walten zu lassen. Weil Tschök bei den ersten Aufstellungen ständig lachen musste, gab es strenge Blicke vom Produktionschef. Eine weitere Herausforderung vor der Aufführung war Tschöks Kopf. Denn der ist im Alltag blank poliert, gänzlich ohne Haarprachtund so ganz untypisch für das 18.Jahrhundert. "Tja, da werde ich wohl eine zeittypische Kopfbedeckung tragen müssen", hatte Tschök im Vorfeld gesagt und darauf hin schon wieder lachen müssen. "Du bist doch der Kurfürst, benimm dich auch so", ermahnte ihn da seine Spielpartnerin Christine Zander, um ihm das Kichern abzugewöhnen. Nun hofft der CVAG-Mann auf eine Karriere auf den Brettern. Wer weiß, vielleicht saßen auch ein paar Talentescouts im Publikum, meinte Stefan Tschök - schon wieder lachend. Osmar Osten (Foto), Chemnitzer Künstler, wird mit seinen Kollegen einen Ausflug in den Spreewald machen. Mit Gregor Torsten Kozik und Thomas Ranft will er an einem Symposium der Künste teilnehmen. Nach Angaben der Projektorganisatoren werden sich neben den Chemnitzer Vertretern auch Künstler aus anderen Städten im brandenburgischen Wasserparadies treffen, um sich mit dem Leitgedanken "Landschaftssicht = Weltsicht" auseinanderzusetzen. Drei Wochen lang werden die Künstler arbeiten, mit Schülern und Kunstfreunden plaudern, ihre Lebenswege in Filmen und Podiumsdiskussionen erörtern. Und drei Wochen lang werden sie in der Nähe der Stadt Lübben deshalb in einer Art Wohngemeinschaft leben. "Da bin ich ja gespannt, was das wird", hatte Osmar Osten im Vorfeld gemeint. Eine gemeinsame Unterkunft - aber jeder sein eigenes Zimmer! Darauf hatte Thomas Ranft gepocht. Am heutigen Montag treffen die Chemnitzer im Spreewald ein und machen als erstes mit den anderen Künstlern eine Kahnfahrt. "Damit wir uns besser kennen lernen", erklärte Kozik. Noch nie habe er an den Wasserstraßen Urlaub gemacht, er wisse nur, "dass da Gurken wachsen". Vielleicht, so Kozik weiter, strebe er mit seinen Freunden ein Kunstprojekt an, dass später als "Gurkenzieher" in die Geschichte eingehen könnte.

Angela Donat, Inhaberin des Fremdspracheninstitutes "Foneta", erreichte jetzt ein ungewöhnlicher Anruf. Am Ende der Strippe war ein englischsprachiger Herr, dessen Vorname ihr irgendwie bekannt vorkam. "Der Mann erklärte mir, er sei gerade in Berlin, wo er seinen Sohn besuche. Er lebe in Australien, käme aber ursprünglich aus Sri Lanka. Und nun habe er sich daran erinnert, dass er als Teenager eine Briefpartnerin in Karl-Marx-Stadt hatte", erzählte Angela Donat am Freitag. Da schoss es ihr in den Sinn: "Du bist doch Mahinde Seneviratne", rief sie in den Hörer. Tatsache. Nach zahlreichen Briefen, die die beiden in ihrer Jugend in den 1970er-Jahren hin- und herschickten, hatten sie sich nun Jahrzehnte später am Hörer. Noch größer war die Freude bei Angela Donat, als der inzwischen als Wissenschaftler in Sydney tätige Freund spontan in den Zug stieg und sie zum ersten Mal überhaupt in Chemnitz besuchte. "Als er am nächsten Tag in der Tourist-Information auf mich wartete, war das ein denkwürdiger Moment", so Donat. "Wir spazierten durch die Stadt, gingen ins Industriemuseum und stellten vor allem fest, wie vertraut wir uns noch immer waren." Der Brieffreund habe Chemnitz in den höchsten Tönen gelobt, meinte Angela Donat danach. Wieder zu Hause angekommen, kramte die Chemnitzerin erst einmal in ihrer alten Erinnerungskiste und fand tatsächlich noch einige Briefe ihres Freundes aus Sri Lanka. Und auch viele andere Korrespondenzen mit Brieffreunden und -freundinnen aus Finnland, aus Ägypten und sogar aus Mauritius. "Das Schreiben mit Menschen in aller Welt war eines meiner großen Hobbys als Schülerin", erinnerte sich Angela Donat. Mit dem Freund in Sydney will sie nun wieder regelmäßig schreiben.

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