Südosten von Bernsdorf

Christian Köhler und seine Mitstreiter kombinieren historische Luftaufnahmen von Chemnitz mit neuen Fotos, die sie aus einem Ballon schießen. Eine Aufgabe, die mehrere Herausforderungen in sich birgt.

Ein paar Wohnhäuser, ein großes Schulgebäude und sonst viel Feld und unbebaute Flächen. So sah der Südosten von Bernsdorf vor etwa 100 Jahren aus. Die Felder sind Wohnbebauung gewichen, kleine Gewächse von damals haben sich in stattliche Bäume verwandelt, der Chemnitzer Stadtteil ist mittlerweile dicht besiedelt. Gut zu erkennen ist dieser Wandel, wenn man Luftaufnahmen von damals und heute nebeneinander legt. Genau das tun Christian Köhler und seine Mitstreiter vom Chemnitzer Verein für Luftfahrt.

Köhler ist ein Ballonfahrer der ersten Nachwende-Stunde. Für Ballonfahren inspiriert hat ihn einst sein Großvater. "Er hat dieses Virus weitergegeben", sagt der 58-Jährige. Zu DDR-Zeiten musste er sich noch stark zurückhalten: Damals seien Ballonfahrten stark reglementiert und deswegen kaum möglich gewesen, sagt Köhler, der als Produktmanager arbeitet. Umso mehr legte sich der Chemnitzer nach der Wende ins Zeug. In den vergangenen 28 Jahren begab er sich nach eigenen Angaben 1100-mal in die Luft.

Mitstreiter fand er im Chemnitzer Verein für Luftfahrt. Die 16 Mitglieder, darunter vier ausgebildete Piloten, bieten auch Ausflüge gegen Bezahlung an. Der Schwerpunkt liege aber woanders, sagt Köhler. "Wir machen Sport mit wissenschaftlichem Anstrich." Der sportliche Teil, das sind Wettbewerbe für Ballonfahrer, bei denen es beispielsweise darum geht, einen Ballon zielgenau zu landen. Unter dem wissenschaftlichen Aspekt versteht Köhler das Nachfahren von Ballonrouten. Rund 750 Fahrten aus der Vergangenheit hat der Verein in alten Fahrtenbüchern recherchiert und teils wiederholt. Bei ihren Unternehmungen untersuchten sie auch die Windverhältnisse in der Region Chemnitz und publizierten ein Buch dazu.

Das bislang aufwendigste Projekt trägt den Titel Zeitreise. Die Vereinsmitglieder, darunter auch Köhlers Frau Berenice, haben es sich zum Ziel gesetzt, Veränderungen im Chemnitzer Stadtbild zu dokumentieren. Grundlage dafür sind Luftaufnahmen der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die sie unter anderem von einem privaten Sammler erhielten sowie im Stadtarchiv fanden. Mithilfe dieser Fotos und des Kartendienstes Google Maps versuchen sie zu ermitteln, wo genau und in welcher Höhe das Bild aufgenommen wurde. "Wir erstellen einen dreidimensionalen Wegpunkt, den wir mit dem Ballon ansteuern", erklärt der Vorsitzende.

Ist das Team mit dem Ballon auf Kurs, wird die Kamera gezückt und der Auslöser gedrückt. Etwa 60.000 Fotos sind bislang so entstanden, viele davon in den virtuellen Papierkorb gewandert. "Man muss den Mut finden zu löschen. Das ist eine große Aufgabe", sagt Köhler. Viele Aufnahmen seien unbrauchbar, sei es, weil der Blickwinkel wegen einer falschen Höhe nicht mit dem der Originalaufnahmen übereinstimmt oder weil die Sicht wegen Dunst oder starkem Gegenlicht schlecht war.

Dennoch: 130 Alt-Neu-Bildpaare haben die Mitglieder in ihre "Zeitreise"-Dokumentation aufgenommen. 78 davon werden ab 17. September in einer Ausstellung in der Galerie Roter Turm gezeigt. Es seien Amateuraufnahmen, die nicht allen Ansprüchen an gute Fotos genügten - aber die überraschende Erkenntnisse ermöglichten. So zeigten nebeneinandergelegte Bilder des Bereichs zwischen Brühl und westlichem Sonnenberg, dass sich die Bebauung zwischen 1926 und 2015 kaum verändert hat. Viele Gebäude sind noch erhalten, die Straßenanordnung ist unverändert. Große Umbrüche zeichneten sich dagegen im Zentrum ab, wo nur noch wenige Bauten von vor 90 Jahren stehen.

Köhler und seine Mitstreiter wollen das Projekt fortsetzen und hoffen, mit Unterstützung der Chemnitzer noch alte Luftbilder der Stadt zu finden. Die Gegenwartsfotos, kündigt der 58-Jährige an, werden sie weiterhin aus dem Ballon schießen - obwohl Foto-Drohnen mittlerweile verbreitet sind. Die dürften aber nicht überall fliegen und auch nicht in Höhen, die bei einer Ballonfahrt erlaubt sind. "Wir sperren uns nicht gegen moderne Technik", sagt Köhler und ergänzt. "Aber: Mit einer Drohne kann das jeder. Wir sehen unser Projekt als historische Aufgabe und dazu passt der Ballon."

"Freie Presse" zeigt in den kommenden Wochen in loser Folge mehrere Bildpaare aus dem Projekt. Die Ausstellung in der Galerie Roter Turm beginnt am 17. September.

 

Ziehen Sie im Bild unten den Schieber in der Bildmitte nach rechts oder links, um beide Ansichten zu vergleichen.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Rabensteiner
    17.08.2018

    Sehr schön und informativ. Allerdings sollte das "Schiebebild" (alt) die gleiche Auflösung haben, wie oben in der Dia-Schau. Der unschöne Moire-Effekt bei den alten Bilder stört. Bitte auch die Dia-Schau mit den alten Bilder (Staatslehranstalt) komplettieren.

    Übrigens: In der Ansicht das Schule von 1912 sieht man in Bildmitte noch das Feldschlößchen. Auf dem Gelände daneben fand 1905 die Gartenbau-Ausstellung statt, die aber nun - 1912 - schon überbaut ist.



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