Tod eines Motorradfahrers - 72-Jähriger steht vor Gericht

Warum musste ihr Sohn so jung sterben? Die Klärung dieser Frage im Verhandlungssaal verlangt den Eltern viel ab. Zeugen verlängern ihre Qualen.

Die Schilderungen der Zeugen und die nüchternen Nachfragen des Richters, des Staatsanwalts und der Anwälte sind schon für Außenstehende schwer zu ertragen: Wie weit ist der Motorradfahrer durch die Luft geflogen? Welche Fahrbahnseite sind er und seine Maschine entlang gerutscht? Wo ist sein Körper liegen geblieben? Die Eltern, die als Nebenkläger mit am Tisch des Staatsanwaltes Platz genommen haben, müssen gleich mehrfach mit anhören, wie ihr Sohn seine letztlich tödlichen Verletzungen erlitten hat. Seine Mutter bricht dabei in Tränen aus. Wenige Tage später war er im Krankenhaus gestorben, im Alter von 35 Jahren. Ihr Sohn und seine feste Freundin hatten doch noch so viel vor, sagt sein Vater.

Fast 20 Freunde des verunglückten Bikers füllen den Verhandlungssaal im Amtsgericht bis auf den letzten Platz, um den Eltern beizustehen und selbst zu erfahren, warum ihr Kumpel so jung sterben musste. Wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist seit gestern ein 72-Jähriger, der an jenem Freitagabend im Juni 2016 mit dem Fahrrad die Frankenberger Straße in Hilbersdorf überquerte. Dabei soll er die von rechts aus Richtung Ebersdorf kommende Kawasaki übersehen haben, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.


Beim Zusammenstoß auf der rechten Spur der stadtwärtigen Fahrbahn und dem anschließenden Sturz erlitt der Motorradfahrer mehrere schwere Verletzungen, darunter ein offenes Schädel-Hirn-Trauma. Auch der Radfahrer musste wegen Schulter-, Unterarm- und Beinbrüchen wochenlang im Krankenhaus behandelt werden. An den Folgen leide er noch heute, berichtete der 72-Jährige. Die Krankenkassen haben ihm noch höheren Pflegebedarf bescheinigt als zuvor.

Den Unfall beschrieb der Angeklagte nicht als Folge von Unaufmerksamkeit, sondern wie ein Ereignis aus heiterem Himmel. Immer wieder beteuerte er, auf der Fußgängerinsel auf dem Grünstreifen in der Mitte der Frankenberger Straße angehalten und nach rechts geschaut zu haben, als er mit dem Fahrrad vom Einkaufen im Penny-Markt an der ehemaligen "Panzerkreuzung" kam und weiter zu seiner Ex-Frau fahren wollte, um den gemeinsamen Enkel zu empfangen. Zum Zeitpunkt des Unfalls war er nach eigenen und Polizeiangaben völlig nüchtern. Er habe weder ein Fahrzeug kommen sehen noch kommen hören, versicherte er mehrfach. Dann, als er die beiden Fahrspuren schon beinahe überquert hatte, habe es plötzlich einen Schlag gegeben und er sei bewusstlos geworden. Worte des Bedauern sprach er nicht.

Zwei Autoinsassen, die den Unfall von der Gegenfahrbahn aus mitbekommen hatten und dem Motorradfahrer Erste Hilfe leisteten, konnten als Zeugen kaum etwas über den Unfallhergang aussagen. Auch ein Beamter vom Verkehrsunfalldienst der Polizei hatte lediglich Spuren gesichert. Drei weitere Zeugen blieben der Verhandlung unentschuldigt fern, sodass diese nicht abgeschlossen werden konnte. Zum Fortsetzungstermin sollen die Zeugen durch die Polizei vorgeführt werden und zudem jeweils 150 Euro Ordnungsgeld zahlen. Den Eltern des Motorradfahrers stehen damit mindestens noch ein weiteres Mal schmerzliche Schilderungen bevor.

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