Warum ein 18-Jähriger in seiner Freizeit Hühner züchtet

Tom Seifert aus Grüna widmet sich einem für sein Alter eher ungewöhnlichen Hobby. Wie das Federvieh seinen Lebensstil verändert hat.

Grüna.

Ein kräftiger Pfiff genügt, und Tom Seifert hat die Aufmerksamkeit seiner Hühner sicher. Das Federvieh schart sich um den 18-Jährigen, denn es weiß: Jetzt gibt es Futter. "Die sind gut dressiert", scherzt der Jugendliche, während er Essensreste aus einem Eimer verteilt.

Er müsse nichts mehr wegschmeißen, seit er vor einem Jahr angefangen habe, Hühner zu halten, sagt er. Ein ungewöhnliches Hobby für einen Menschen seines Alters - erst recht, wenn man bedenkt, dass er familiär keine Berührungspunkte mit der Tierhaltung hatte. Niemand aus seiner Familie habe in der Landwirtschaft gearbeitet, und während seiner Kindheit lebte er im Chemnitzer Zentrum. Als die Familie nach Grüna zog, gab es genügend Platz, um die schon seit längerer Zeit gehegte Idee umzusetzen und einen Stall zu bauen. Dabei bekam Seifert Hilfe von seinem Vater, um die Haltung der Tiere kümmert er sich aber komplett eigenständig.

Die Idee für die Hühnerzucht sei ihm "aus dem Nichts" gekommen, sagt der 18-Jährige. Ihn reize aber vor allem die Möglichkeit, sich mit Nahrungsmitteln selbst zu versorgen. So hält er sich neben seinen 29 Hühnern auch einige Enten und Kaninchen. Außerdem baut er Kartoffeln an. Ihm ist es wichtig, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Das sei anfangs noch gar nicht seine höchste Priorität gewesen, sagt er. "Es kam durch Gespräche mit einem befreundeten Bauern, der mir auch Ratschläge für die Haltung gegeben hat. Er sagte, er würde seine Tiere zwar gern anders halten - dann könne er aber kein Geld mehr verdienen."

Jener Bauer zeigte dem Jugendlichen auch, wie das Schlachten und Ausnehmen der Tiere funktioniert. Seifert schaute einige Male zu, bis er es sich selbst zutraute. "Es hat Überwindung gekostet, aber man darf dort nicht mit zitternden Händen stehen." Anders als in der industriellen Tierhaltung gehe er mit Bedacht vor. Seifert sagt, er fahre mit dem zur Schlachtung vorgesehenen Tier weit weg von der übrigen Schar und setze immer Betäubungsmittel ein. "Dann muss es so schnell wie möglich gehen."

Der Grünaer findet, dass jeder, der Fleisch isst, einmal selbst geschlachtet haben sollte. "Man muss wissen, wie viel Arbeit in so einem Stück Fleisch steckt." Ihm selbst sei es inzwischen lieber, nur noch einmal pro Woche einen Sonntagsbraten zu essen, und ansonsten eher auf Fleisch zu verzichten. "Das, was üblich ist, ist nicht gut für den Menschen und auch nicht fürs Tier."

Nicht nur deshalb kommt es bisher eher selten vor, dass Seifert seine eigenen Tiere schlachtet. Lieber ist es ihm, wenn die Hühner einen natürlichen Tod sterben - auch, wenn die älteren Hennen irgendwann keine Eier mehr legen werden. Die Tiere seien ihm so sehr ans Herz gewachsen, dass er es nicht übers Gewissen brächte, sie zu töten, nur weil sie ihm nicht mehr nutzen.

Er freue sich jeden Morgen aufs neue, wenn er seine Hühner sehe, erzählt Seifert. Der Anblick der Küken auf der sattgrünen Wiese beruhige ihn. Als er seinen Freunden von seinem neuen Hobby erzählte, hätten die schnell Ansprüche angemeldet, dass sie die Eier probieren möchten. "Sie sind dann immer überrascht, dass das Eigelb meiner Eier wirklich gelb ist und nicht orange wie bei vielen Eiern aus dem Supermarkt."

Zum 1. August wird Seifert eine Ausbildung zum Pferdewirt in Graditz bei Torgau anfangen. Wie es dann mit seinen Hühnern weitergeht, ist noch nicht abschließend geklärt. Er wird in einem Wohnheim leben, hofft aber darauf, in der Umgebung einen Ort zu finden, wo er die Tiere halten kann. In jedem Fall verfolgt er langfristig das Ziel, komplett zum Selbstversorger zu werden. Am liebsten wäre es ihm, dabei auch abgeschieden auf dem Land zu leben. "Um ehrlich zu sein, ist mir Grüna noch zu nah dran an der Stadt", sagt er. Für eine Übergangszeit werden sich seine Eltern um die Tiere kümmern - dieses Versprechen hat er ihnen abgerungen.

Sowohl die Hühner als auch die Eltern werden bereits darauf vorbereitet. Seine Mutter und sein Vater bekommen von Tom Seifert erklärt, was sie bei der Haltung beach- ten müssen. Und die Hühner gewöhnt er allmählich an den Klang einer Plastikpfeife - denn durch die Finger pfeifen kann in seiner Familie nur er.

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