Was Chemnitzer von Merkel erwarten

Die Kanzlerin kommt auch hinter verschlossenen Türen mit geladenen Gästen ins Gespräch. Darüber, wie die Runde zustande kommt, bleibt ihr Presseamt vage.

Beim Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vor zwei Wochen hatte es ein Chemnitzer, der vor dem Rathaus auf die Ankunft des Politikers wartete, so formuliert: "Ein Mann des Volkes gehört unters Volk." Ähnlich dürften die Erwartungen an den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel gelagert sein. Doch ein lockeres Bad in der Menge wie im Jahr 2002 auf dem Chemnitzer Marktplatz - damals war sie noch nicht Bundeskanzlerin - ist nicht geplant. Sie wird nach ihrem Besuch des Basketballteams Niners in der Hartmannhalle dort mit einer Gruppe geladener Gäste sprechen. Die Runde ist nicht öffentlich.

Auf Nachfrage von "Freie Presse" beim Bundespresseamt, wer diese Gäste sind, hieß es, man habe rund 20 Personen eingeladen. Neben dem Ministerpräsidenten und der Oberbürgermeisterin werden unter anderem Vertreter aus Zivilgesellschaft, Forschung und Bildung, Mittelstand, Kultur und Verwaltung teilnehmen. "Die Auswahl spiegelt die Herausforderungen, aber auch die Vielfalt des Engagements und die Stärken der Stadt wieder", so eine Sprecherin. Grundsätzlich wolle sich die Kanzlerin "einen Eindruck von dem Engagement zahlreicher Akteure aus verschiedenen Bereichen des städtischen Lebens für ein respektvolles und tolerantes Zusammenleben in Chemnitz verschaffen", hieß es weiter. Die Frage danach, wie die Gäste dieser Runde ausgewählt wurden, blieb unbeantwortet.


"Besuch kommt nicht zu spät"

Erwin Feige, Rentner aus dem Flemminggebiet, erwartet vom Besuch der Bundeskanzlerin, dass sich die komplizierte Situation, in der sich die Gesellschaft befindet, wieder etwas entspannt. Er glaubt nicht, sagt er, dass der Auftritt der Kanzlerin in Chemnitz zu spät kommt, "denn grundlegende Entscheidungen, die die Gesellschaft gespaltet haben, wurden vor Jahren getroffen, auch 2015 die Flüchtlingspolitik". Es sei nie zu spät, das zu korrigieren. Von Angela Merkel will er wissen, was sie davon hält, die Kanzlerschaft auf zwei Legislaturperioden zu beschränken. Bisher gibt es dafür keine Grenze. (su)


"Die Stadt braucht Impulse"

Thomas Schulze, Inhaber des Restaurants "La Bouchée", will der Kanzlerin auf den Weg geben, dass es wichtig wäre, sofort etwas für die Stadt zu tun, sie aus dem Schatten-Dasein zu holen, wie er sagt. Schulze denkt zum Beispiel an nationale und internationale Kongresse, deren Ausrichtung bewusst nach Chemnitz gegeben werden könnte. Es brauche die Impulse, um neues Publikum in die Stadt zu holen. Was er Merkel fragen würde? "Für welche Werte wir in den nächsten Jahren in Deutschland stehen", so Schulze. Zu stark habe man sich zuletzt auf die Industrieentwicklung konzentriert. (dy)


"Vorurteile sind verankert"

Franz Knoppe, Projektleiter des Festivals Aufstand der Geschichten, möchte die Kanzlerin fragen, was sie an der Stelle von Menschen tun würde, die Opfer rechter Gewalt geworden sind, aber angefeindet werden und kaum finanzielle Unterstützung bekommen. "Würde sie bleiben?", fragt Knoppe. Merkel habe das in Mecklenburg in den 1990ern erlebt, sie kenne das. "Was kann Sie tun?", fragt Knoppe. Außerdem will er ihr von Erlebnissen berichten, die zeigen, wie strukturell verankert Vorurteile bei der Polizei sind gegenüber Menschen, die für Chemnitzer Verhältnisse anders aussehen. (jpe)


"Gegensätze verstärken sich"

Birgit Leibner, Projektkoordinatorin Bürgerhaus City, erwartet, dass die Kanzlerin aus den Erfahrungen, die sie in Chemnitz macht, Arbeitsschritte für Ministerien und andere Entscheidungsgremien ableitet. Fragen möchte sie Merkel, wie sich das Auseinanderdriften der Gesellschaft, die sich verstärkenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, bekämpfen lassen. Weiterhin möchte sie wissen, warum nicht 2015 sofort langfristige Integrationsstrategien erarbeitet wurden. Integration - sie spreche aus Erfahrung - sei ein langer und langsamer Prozess, der Deutsche und Migranten einbeziehen müsse. ( jpe)


Demo, Sperrung, Parkverbot

In Teilen der Innenstadt ist heute Nachmittag mit erheblichen Behinderungen zu rechnen. Wegen einer von Pro Chemnitz angemeldeten Demonstration wird entgegen der ursprünglichen Planungen auch die Hartmannstraße voll gesperrt sein. Betroffen ist laut Rathaus der Bereich zwischen Theater- und Bergstraße in der Zeit von 14 bis 21 Uhr. Der Verkehr wird über den Falkeplatz und die Zwickauer Straße umgeleitet.

Bereits ab dem Morgen gelten am Schloßteich umfangreiche Parkverbote. Betroffen sind Teile der Promenaden-, Schloß- und Theunertstraße. Das Ordnungsamt kündigte an, dort nötigenfalls Fahrzeuge abschleppen zu lassen. Zudem sind die Parkplätze an der Polizeidirektion, hinter der Hartmannhalle und am Arndtplatz gesperrt.

Über Einschränkungen bei Bus und Bahn informiert der Verkehrsbetrieb CVAG im Internet unter www.cvag.de, bei Facebook und Twitter sowie über die elektronischen Anzeigen an den Haltestellen.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 3 Bewertungen
2Kommentare
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  • 7
    5
    saxon1965
    16.11.2018

    Wenn man Helmuth Kohl als "Kanzler der Einheit" bezeichnet, obwohl es ja eher eine Übernahme war, so muss man letztlich Angela Merkel als "Kanzlerin der Teilung" bezeichnen.
    Durch ihre unbeirrbare Politik, weit entfernt von demokratischen Gesetzmäßigkeiten, wie bei ihrer Entscheidung der unkontrollierten Aufnahme von Flüchtlingen oder durch ihre Mentalität des Aussitzens von unbequemen Themen, dazu zähle ich auch den verspäteten Besuch heute in Chemnitz, trug sie sehr zur Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft bei.
    Es schaffte in kürzester Zeit Die "Ein Thema Partei" AfD Wähleranteile, wo zu andere Parteien Jahrzehnte brauchten, die Extremen in diesem Land bekamen Zulauf und nicht zuletzt steht selbst Europa vor einer Zerreisprobe.
    Für mich ist A. Merkel eine Kanzlerin der Großindustrie und der Finanzoligarchen, jedoch keines Wegs eine Kanzlerin "zum Wohle des deutschen Volkes".

  • 5
    4
    OlafF
    16.11.2018

    Wer redet noch über Frau Merkel? Ihre Zeit ist vorbei, sie sollte sich ruhig einmal etwas gönnen und in den Ruhestand gehen. Vielleicht erwartet sie noch ein schöner Posten in der Verwaltung der EU. Hier kenne ich jedenfalls niemanden mehr, der ihr glaubt. Das Vertrauen der Menschen in ihre Politik ist hierzulande aufgebraucht und mit Deutschlands Unterschrift unter den Migrationspakt werden sich noch mehr Menschen von ihr verraten und verkauft fühlen. Dass sie eine Audienz gewährt um den Kontakt zu „ihren Bürgern″ aufzunehmen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass lange Zeit kein Interesse bestand die Ursachen der kochenden Volksseele zu erforschen.
    Vielleicht fehlte ihr aber auch bisher einfach der Mut mit Kritikern in den Dialog zu treten. Es war ja auch viel angenehmer sich mit Ja-Sagern zu umgeben und sich selbst zu beweihräuchern.
    Die Menschen sind auf der Suche nach neuen Führungspersonen, welche Antworten haben auf die Herausforderungen der Zukunft, Menschen wie Boris Palmer aus Freiburg, Personen die sich unverblümt auch einmal gegen den Trend in ihrer Partei äußern und eigene Argumente präsentieren. Welche den Mut haben der AFD die Themen wegzunehmen und aufhören die Menschen ständig zu moralisieren.
    Oder wie wäre es einmal mit Simone Lange. Kann sie nicht einmal kurz aus Flensburg vorbeischauen und mit den Fehlern ihrer Partei abrechnen, bevor diese Partei hierzulande unter die 5 %Hürde fällt und in der Bedeutungslosigkeit versinkt?
    An Frau Wagenknechts Stuhl wird ja leider gerade recht erfolgreich gesägt, die hatte sich wohl etwas „zu weit hinausgelehnt″. Aber unvorstellbar, da liegen Welten dazwischen…
    Wie wäre es mit Hamed Abdel-Samad (Islamkritiker), ach ja geht ja auch nicht. Selbst ihm ist es hierzulande zu unsicher geworden, da Menschen bei uns wegen ihrer Kritik, um ihr Leben fürchten müssen.
    Solche Leute gehören nach Chemnitz, sie verkörpern Hoffnung und Aufrichtigkeit, indem sie die Probleme beim Namen nennen, anstatt sie zu verschleiern.
    Wo bleiben die Konservativen? Gibt es dort niemanden, der in der Bevölkerung bekannt ist und gleichzeitig Hoffnung verkörpert. Wo stecken sie? Da wird noch einiges Wasser die Chemnitz hinunterfließen.



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