Wie ein Gründerzeithaus gerettet wurde

Ein verfallenes Wohngebäude am Zöllnerplatz konnte an einen neuen Eigentümer vermittelt werden, der es sanieren will. Das soll auch mit Dutzenden anderen Gebäuden geschehen - ein schwieriges Unterfangen.

Schloßchemnitz.

Die beiden Gebäude am Zöllnerplatz 20 und 21 waren seinerzeit in desolatem Zustand. Die Außenwände drohten einzuknicken, das Gebäude einzustürzen, erinnert sich der Leiter des Stadtplanungsamtes Börries Butenop. Die Eigentümer hätten nichts unternommen, Investoren hätten sich nicht finden lassen, sagt er. Deswegen ließ das Rathaus die beiden Häuser im April 2014 abreißen.

Ein ähnliches Schicksal hätte irgendwann wohl auch dem Nachbargebäude mit der Hausnummer 19 gedroht. Das Gründerzeithaus aus den 1890er-Jahren steht seit mehr als zwei Jahrzehnten leer. Das Dach sei undicht, die Balken seien verfault und es habe Deckendurchbrüche gegeben, schildert Martin Neubert von der Agentur Stadtwohnen. Ein Abriss ist nun aber erst einmal vom Tisch: Mit der Firma Isi Home wurde ein neuer Eigentümer gefunden, der das Haus sanieren will.

Bis dahin war es ein langer Weg. Die Agentur Stadtwohnen, die sich seit 2012 in Chemnitz um die Wiederbelebung von Altbauten kümmert, habe 2014 zum ersten Mal Kontakt mit dem Eigentümer des Gebäudes aufgenommen, der in Hamburg lebt, sagt Sabine Hausmann. Er sei unschlüssig gewesen, habe vor dem anstehenden Verkauf einen Rückzug gemacht. Schließlich sei das Haus versteigert worden. Der neue Eigentümer sei aber nicht auffindbar gewesen, sodass es wieder an den alten Besitzer gegangen sei. Der habe sich schließlich doch noch zum Verkauf an Isi Home entschieden. Eine gute Wahl, findet ihr Kollege Neubert: "Das Haus zu sanieren, ist nichts für Enthusiasten, sondern etwas für Profis."

Das Unternehmen Isi Home aus dem hessischen Bebra setze seinen Schwerpunkt auf die Sanierung denkmalgeschützter Immobilien, sagt die für Vermietung zuständige Mitarbeiterin Sarah Gornigk. In Chemnitz habe man beispielsweise Gebäude an der Straße der Nationen und an der Sebastian-Bach-Straße erworben und zum Teil schon saniert. Am Zöllnerplatz 19 beginne nun die Projektierung, kündigt Gornigk an. Sie rechne damit, dass auf den rund 800 Quadratmetern Fläche neun Eigentumswohnungen geschaffen werden. Die eigentliche Sanierung beginne aber erst, wenn alle Wohnungen verkauft seien. Bis zur Fertigstellung vergehen deswegen wohl noch zwei, drei Jahre.

Stadtweit gebe es rund 300 derartige Gebäude aus der Gründerzeit, die zu verfallen drohen, sagt Stadtplanungsamtsleiter Butenop. Die Agentur Stadtwohnen kümmert sich um etwa 100 solcher Häuser, vorrangig in Schloßchemnitz und auf dem Sonnenberg; 60 davon stünden unter Denkmalschutz. Die Eigentümer stammten häufig aus anderen Städten und seien mitunter schwer auffindbar, sagt Neubert: "Um an sie heranzukommen, ist Detektivarbeit nötig. Das ist manchmal ein langer Prozess." Mittlerweile habe man aber zu fast allen Eigentümern einen Kontakt hergestellt. Von den 100 Gebäuden seien zehn fertig saniert worden. Bei weiteren 40 lägen Pläne vor. Es gebe aber auch Eigentümer, die unschlüssig seien, wie sie weiter vorgehen wollen. "Und einige Häuser sind in den Händen von Spekulanten", so Neubert.

Und denen helfe der aktuelle Immobilienmarkt, erklärt seine Kollegin Hausmann. Seit etwa zwei, drei Jahren kämen verstärkt Investoren aus anderen Städten nach Chemnitz, um hier Gebäude zu sanieren und Wohnungen zu verkaufen. Das wüssten auch die Eigentümer von unsanierten Häusern, die auf hohe Verkaufspreise spekulieren: "Einige warten jetzt erst mal ab." Frank Feuerbach aus dem Dezernat Stadtentwicklung und Bau ergänzt: "Es ist für Investoren mitunter schwer, zu einem Preis an die Häuser heranzukommen, zu dem man dann noch sanieren kann."


Chemnitz teilt Erfahrungen mit anderen Städten

Über Erkenntnisse, die die Stadt bei der Wiederbelebung von unsanierten Altbauten gewonnen hat, tauscht sich Chemnitz in dem internationalen Netzwerk "Alt/Bau" aus. Dem Verbund gehören außerdem die Städte Riga (Lettland), Turin (Italien), Seraing (Belgien), Constanta (Rumänien), Vilafranca del Penedès (Spanien) sowie Rybnik (Polen) an.

Im Vordergrund stehe Wissenstransfer, der bei Treffen in den Städten vollzogen werde, sagt Martin Neubert von der Agentur Stadtwohnen. Es gehe um Fragen wie: Wie finde ich die Eigentümer? Wie vermittle ich Gebäude? Dabei lerne man selbst dazu, so Neubert: So gebe es in Riga Projekte zur Zwischennutzung von Altbauten, die für Chemnitz interessant seien. (fp)

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