Wie geht es der Welt mit Corona? Ihre Erfahrung zählt!

Eine Pandemie hat nicht nur gesundheitliche Folgen. Sie verändert das ganze Leben. Wie stark sich das auswirkt, welche Orte der Erde und welche gesellschaftlichen Gruppen besonders betroffen sind, das will eine Studie herausfinden, an der Sie teilnehmen können.

Chemnitz/Berlin. Rücksichtslose Jugend? Von wegen! Immer wieder spielten in den Monaten der Pandemie Berichte und Bilder von jungen Leuten eine Rolle, die sich auf illegalen Partys angeblich nicht um Abstands- und andere Schutzregeln scherten. Doch bilden diese Momentaufnahmen wirklich das Verhalten dieser Altersgruppe ab? Nein! Das fanden Forscher heraus, die seit März mit einer weltweiten Umfrage dem "Leben mit Corona" auf der Spur sind - und der Frage, wie die Pandemie Verhalten und Gesellschaft verändert.

Federführend ist das "International Security and Development Center" (ISDC) in Berlin. Es befasst sich seit Jahren mit den Auswirkungen von Krisen in unterschiedlichen Staaten und Regionen dieser Erde auf die Bevölkerung.

Bislang wurde die Umfrage bereits von mehreren deutschen und internationalen Zeitungen und Magazinen unterstützt. Auch die "Freie Presse" bietet Ihren Lesern hiermit Möglichkeit zur Teilnahme. Die Fragen sind so gestaltet, dass sie überall auf der Welt funktionieren, in Demokratien ebenso wie in autoritären Staaten, in reichen wie armen Ländern.

Eine erste Auswertung bis Oktober erhobener Daten räumte zum Teil mit klischeehaften Vorstellungen auf. So ergab sich, dass junge Erwachsene nicht etwa mit einer besonders großen Ignoranz auf die Pandemie reagieren, sondern selbst aktiv Maßnahmen ergreifen zum Schutz gegen den Virus, etwa durch gründliches Händewaschen, das Nutzen von Desinfektionsspray, Masken (auch vor der Pflicht) oder Einweghandschuhen. Zwar würden Verhaltensmaßregeln am stärksten unter Über-45-Jährigen befolgt, doch seien die Unterschiede zu jungen Altersgruppen marginal.

Mehr noch: Junge Leute erklärten laut der Umfrage eine größere finanzielle Opferbereitschaft als ältere. Ein großer Anteil der Altersgruppe bis 25 Jahre gab an, bis zu einem Drittel des jährlichen Einkommens abgeben zu wollen, wenn die Pandemie dadurch zu stoppen sei. Bei den Über-45-Jährigen reichte die verbreitetste Opferbereitschaft bis zu knapp einem Viertel des Einkommens.

"Die Pandemie ist in vielerlei Hinsicht ein Gleichmacher", sagt Anke Hoeffler, die an der Universität Konstanz eine von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung geförderte Professur in Sachen Konflikt- und Entwicklungsforschung innehat und an der Studie beteiligt ist. "Wir können alle den Virus kriegen. Wir alle haben eine Oma oder ältere Verwandte", seien in diesen Aspekten also gleich. "Gleichzeitig sehen wir aber, wie ungleich unsere Gesellschaft ist", zum Beispiel bei der Qualität des Heimunterrichts, die stark vom Elternhaus abhängig sei, oder jener Kluft, die zwischen mancher Aufgabe und deren Wertschätzung bestehe. "Die Frau bei Aldi an der Kasse ist viel größerem Risiko ausgesetzt als andere, gewürdigt wird das aber nicht", sagt Hoeffler.

Eine Besonderheit im Verhältnis Alt und Jung, die die Umfrage bisher zutage förderte, scheint auf den ersten Blick widersprüchlich. "Die Alten sind am meisten gefährdet, aber - obwohl sie das wissen - weniger gestresst von der Pandemie als die Jungen", berichtet die Professorin. Ihr Erklärung: "Es sind die Jungen, die am meisten unter den Einschränkungen leiden." Die Sorge der Alten fokussiere auf die eigene Gesundheit, während bei jüngeren Menschen viele Faktoren Stress verursachen. Die Studienergebnisse zeigten ein Zusammenwirken ökonomischen, sozialen und emotionalen Drucks. Die bereits ausgewerteten, im ersten Pandemie-Halbjahr erhobenen Daten belegten auch, dass die Bereitschaft, auferlegten Maßregeln zu folgen, abnahm, nachdem die Zahl coronabedingter Todesfälle einen Scheitelpunkt überschritten hatte.

Eine Anfälligkeit für Corona-Leugner- oder Verharmloser-Thesen habe man nicht explizit abgefragt, sagt Hoeffler. In anderen Ländern seien die auch gar nicht so stark vertreten wie in Deutschland. Gerade in Baden-Württemberg macht die Professorin eine Heimstätte "so komischer Leute mit Alu-Helm" aus. Aber im aktualisierten zweiten Fragenkatalog, den Teilnehmer jetzt beantworten können, gibt es einen Satz Fragen, die sich auf Ver- beziehungsweise Misstrauen beziehen - auch gegenüber dem Staat. Zur Frage "Wie sehr vertrauen Sie derzeit ...?" können Umfrage-Teilnehmer zu: Familie, Nachbarn, religiösen Organisationen, Medien, Gesundheitsexperten, Polizei, Gerichten, Landesregierung und Bundesregierung urteilen - auf einer Skala, die vierstufig von "voll und ganz" bis "überhaupt nicht" reicht. Auch zu der Frage, ob eine Experten-, eine Armee- oder eine von einem starken Staatsoberhaupt geführte Regierung besser Herr der Lage wäre als eine demokratische, kann man sich äußern. "In Lateinamerika etwa sieht man, dass mit jeder weiteren Krise eine starke Regierung mehr Vorzug bekommt", sagt Anke Hoeffler. Aber auch aus diesen Fragen zum Staatsvertrauen könne man nur mittelbar Korrelationen ableiten zur Anfälligkeit gegenüber den Thesen vorn Corona-Leugnern, schränkt die Professorin ein.

ISDC-Forscher Wolfgang Stojetz vom Leitungsteam der "Leben-mit-Corona-Studie" betont, dass die Umfrage in den letzten Monaten etwas "deutschlandlastig" geworden sei, mit allein 13.000 Datensätzen. Doch freue er sich auf weitere Antworten aus Sachsen, besonders wegen der schwierigen, wenngleich lokal unterschiedlichen, Pandemie-Situation. "Da ist interessant, wie Leute das lokal wahrnehmen, und wie unterschiedlich sie urteilen", sagt Stojetz.


Wie verändern sich Ihr Wohlbefinden, Ihre sozialen Kontakte, Ihre Arbeitssituation? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des International Security and Development Center (ISDC) aus Berlin untersuchen diese Fragen im Rahmen der Online-Umfrage "Leben mit Corona". Das Projekt läuft seit März 2020 und wird auch von der Bundesregierung finanziell gefördert. Die Umfrage dauert ca. 15 Minuten und alle Daten werden streng vertraulich behandelt. Nach Abschluss der Studie wird die "Freie Presse" über die Ergebnisse speziell aus Sachsen berichten. Sie können an der Studie teilnehmen, indem Sie hier klicken.

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    2
    Ohm
    30.01.2021

    Man liest in der FP und und anderen Zeitungen, hört in Rundfunk und Fernsehen zu 80 Prozent nur noch ein Thema. Corona von allen Seiten beleuchtet und Jeder muß was dazu kundtun. Langsam reicht es doch mal, wir haben den Mist nun mal am Hals und gut ist´s. Da muß man das nicht noch über Monate tagtäglich mit Tabellen und Kommentaren neu aufwärmen. Ein kurzer Artikel über den Stand der Dinge und die weitere Prognose würde reichen. Nicht die Zeitung mit Corona komplett überladen.