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Von weitem sieht der Zug, der zwischen Chemnitz und Leipzig verkehrt - im Bild auf dem Bahrebach-Viadukt - gut aus. Doch von Nahem betrachtet, fehlt es häufig am Service. So haben sich Fahrgäste zuletzt über defekte Toiletten geärgert. Mitunter sind auch die Lokführer nicht pünktlich.

Foto: Andreas SeidelBild 1 / 2

Chemnitz-Leipzig: Schon wieder Ärger mit den Pannenzügen

Verspätungen, fehlendes Personal, verstopfte Toiletten - Fahrgäste hadern mit der Regiobahn. Derweil ist die schnelle Elektrifizierung der Strecke alles andere als sicher. Weshalb der Chef der Verkehrsbetriebe jetzt eine weitere Hängepartie befürchtet.

Von Mandy Fischer
erschienen am 09.10.2017

Peter Ulbig* ist auf den Zug angewiesen. Täglich pendelt er mit der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) von Chemnitz nach Leipzig. Häufig seien die Züge schonzu spät gewesen, schildert er. Am Freitag und Samstag wartete er gleich zwei Tage hintereinander vergebens auf eine pünktliche Abfahrt. Ulbig wollte die jeweils erste Bahn nehmen - 4.21 Uhr ab Hauptbahnhof. Doch es sei kein Lokführer da gewesen, sagt er. Außerdem waren die Fahrzeuge nicht beheizt, so Ulbig. "Die Reisenden standen vor dunklen, kalten Zügen."

Zugbegleiter hätten eifrig telefoniert, damit doch noch ein Lokführer kommt. Mit einer halben Stunde Verspätung sei der Freitag-Zug gestartet. Beim Halt in Bad Lausick seien die Passagiere beschimpft und ermahnt worden, schnell einzusteigen - schließlich habe der Zug schon Verspätung. Der Vorfall reiht sich ein in eine ganze Pannenserie bei den veralteten Fahrzeugen. Zu hohe Einstiege, fehlende Klimaanlagen, schwergängige Türen hatten schon mehrfach Kritik ausgelöst.

Steffen Kolbe*, ebenfalls regelmäßiger Pendler auf der Strecke, ärgerte sich vor wenigen Tagen, weil im Zug von Leipzig nach Chemnitz alle Toiletten defekt gewesen seien. Auf Beschwerden von Fahrgästen habe das Personal unangemessen reagiert. Die Passagiere hätten die Verstopfung der Toiletten selbst verursacht. Den Bitten, an einem Bahnhof für einen Toilettengang zu stoppen, sei nicht nachgekommen worden. Das habe vor allem Eltern mit Kindern in Bedrängnis gebracht, schildert Kolbe. Er beobachtete, dass der Zug nicht etwa aus dem Verkehr gezogen wurde, sondern wieder zurück nach Leipzig gefahren sei.

Wie es zu den Pannen am Wochenende kommen konnte, weshalb offenbar Lokführer-Personal fehlte, darauf konnte der Kundenservice der MRB gestern keine Antwort geben. Auch die Fragen zum Toiletten-Ärger blieben vorerst unbeantwortet. Sie seien "zur Klärung an die entsprechenden Fachabteilungen weitergeleitet" worden, hieß es Ende vergangener Woche. Eine Rückmeldung wurde für diese Woche in Aussicht gestellt.

Servicemängel bei den Pannenzügen - damit ist Mathias Korda schon häufig konfrontiert worden. Der Geschäftsbereichsleiter beim Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) würde die mitunter als "Museumszüge" verspotteten Fahrzeuge gern sobald wie möglich von der Schiene nehmen. MRB betreibt die Strecke Chemnitz-Leipzig seit Ende 2015 im Auftrag des VMS. Allerdings, so Korda, wäre es fahrlässig gewesen, zu diesem Zeitpunkt neue Züge anzuschaffen, die dann nur acht Jahre gefahren wären. Hintergrund: Der Freistaat hatte die Elektrifizierung der Strecke bis 2023 in Aussicht gestellt. Der VMS habe 2014 sogar den "wohlgemeinten Rat" erhalten, so der Bereichsleiter, auf Luxuslösungen zu verzichten und sich auf eine Übergangszeit einzurichten. Seither sind drei Jahre vergangen - und die schnelle Elektrifizierung scheint gar nicht mehr so sicher. Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig stellte beim jüngsten Bahngipfel in Chemnitz sogar klar, dass das Vorhaben keine Priorität gegenüber anderen im Bundesverkehrswegeplan angemeldeten Bahn-Projekten hat. Damit scheint der von Politik und Wirtschaft seit langem geforderte Fernbahnanschluss in weite Ferne zu rücken. Nicht unbedingt, sagt der Konzernbevollmächtigte der Bahn für Sachsen. Die IC-Linie, die ab 2019 Rostock, Berlin und Dresden miteinander verbindet, könnte ab 2022 über Chemnitz weitergeführt werden, schlug er vor. Für Korda nicht mehr als ein Trostpflaster: "Wir wollen keinen Placebo-Zug nach Rostock." Bis zur Klärung, wie es mit der Strecke weitergeht, wird es keine neuen Fahrzeuge geben. Korda: "Ich weiß ja gar nicht, ob ich Diesel- oder Elektrozüge bestellen soll. Wir wollen natürlich alle Elektro."

Auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Als stellvertretende Vorsitzende der VMS-Verbandsversammlung hatte sie nach der anhaltenden Kritik am Betreiber kürzlich ein Umdenken angekündigt. Es werde nach Alternativen gesucht, sagte sie, ohne bislang näher darauf einzugehen. Die Chemnitzer Fernbahnanbindung sollte Hauptanliegen der vier neu gewählten Bundestagsabgeordneten sein, gab Ludwig ihnen mit auf den Weg nach Berlin.

Doch bis sich die neue Bundesregierung gefunden hat, wird Stillstand herrschen, befürchtet Korda. Derzeit wisse niemand, ob sich mit einem womöglich neuen Minister die Prioritäten verschieben. Momentan jedenfalls werde zur Umsetzung des Bundesverkehrswegeplanes überhaupt nicht verhandelt. Sämtliche Termine, die für dieses Jahr bereits vereinbart waren, wurden abgesagt, so Korda.

*Namen von der Redaktion geändert.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
3
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 09.10.2017
    16:23 Uhr

    hkremss: @Hankman: Die Frage ist leicht zu beantworten. Es hat eine Ausschreibung stattgefunden und die MRB hat die Ausschreibung gewonnen. Das Angebot der MRB erfüllte auf dem Papier die Anforderungen. Die Kriterien, die sie beschreiben, waren offensichtlich für die Ausschreibung nicht relevant. Das gleiche gilt auch für die Strecke Dresden-Hof. Ob sich die Bahn mehr für den Ausbau der Strecke interessieren würde, wenn sie selbst dort fährt, ist spekulativ und zu bezweifeln. Der Regionalverkehr funktioniert anders als der Fernverkehr. Aber in einem haben sie natürlich recht: Der VMS hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, denn man hätte durchaus klimatisierte Wagen fordern können und dann wären uns zumindest die alten RB-Wagen erspart geblieben.

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  • 09.10.2017
    11:55 Uhr

    Hankman: Vielleicht ist die Frage naiv. Aber wieso hat der VMS den Auftrag dann an die MRB vergeben? Wäre es nicht vernünftiger gewesen, der Deutschen Bahn die Strecke zu überlassen? Die hätte wahrscheinlich die nötigen Fahrzeuge im Bestand gehabt - oder zumindest hätte im Fall einer Neubestellung die Möglichkeit bestanden, sie nach acht Jahren anderweitig zu nutzen. Einfach angesichts der Größe des Konzerns und seines Netzes. Und: Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber könnte es nicht sein, dass sich die Bahn mehr für den Ausbau der Strecke engagieren würde, wenn sie dort auch den Personenverkehr betreiben dürfte ...? Fazit: Der VMS hat sich hier nicht mit Ruhm bekleckert.

    0 9
     
  • 09.10.2017
    05:35 Uhr

    Klemmi: Und auf die Idee neue Wagen zu bestellen, z.B. in Form von Doppelstockwagen kommt keiner? Diese gibt's auch als Steuerwagen, die Barrierefreitheit wäre einigermaßen hergestellt, automatische Türen und- oh Wunder- können mit Dieselloks und/oder Elektroloks gefahren werden. Ganz unabhängig vom Ausbauzustand.

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