Chemnitz: Stadtrat entscheidet über Namen für Platz

Nach dem Nein des Stadtrats zu einem nach Altkanzler Kohl benannten Platz lässt Rot-Rot-Grün heute über einen neuen Vorschlag abstimmen. Auch er ist umstritten.

Die Diskussion verlief von Anfang an neben der Spur. Zwei Monate nach dem Tod des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl hatte sich Mitte August die Fraktionsgemeinschaft CDU/FDP im Stadtrat mit dem Vorschlag zu Wort gemeldet, einen Platz oder eine Straße nach ihm zu benennen; beispielsweise am neuen Technischen Rathaus. Um an diesen überragenden Politiker zu erinnern, wie es der Chemnitzer CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Dierks formulierte.

Der Vorstoß kam nicht völlig überraschend - auch in anderen Städten gab es ähnliche Überlegungen. Gleichwohl fühlten sich andere Fraktionen überrumpelt; vor allem SPD, Linke und Grüne. "Bislang war es immer üblich, einen Konsens zu suchen, bevor ein solcher Vorschlag öffentlich gemacht wird", erinnerte SPD-Fraktionschef Detlef Müller vor der entscheidenden Abstimmung vor rund einem Monat. Zudem habe man seit 1990 in der Stadt bewusst darauf verzichtet, Straßen und Plätze nach Politikern der jüngsten Geschichte zu benennen. Das Ende vom Lied: Das unter den Chemnitzern ohnehin umstrittene Vorhaben fand nicht die erforderliche Mehrheit.

Heute Nachmittag soll nun auf Antrag von Rot-Rot-Grün ein neuer Anlauf genommen werden, dem Platz vor dem Neubau an der Bahnhofstraße einen Namen zu geben, der künftig auch als postalische Adresse dient. Die Anregung dazu hatte Müller bereits bei seinem Auftritt im November geliefert: Friedensplatz. Von einem "Vorschlag zur Güte"sprach er damals. Damit, so begründete der SPD-Fraktionschef, hebe man nicht einzelne Personen hervor, sondern werde allen gerecht, die bedeutende Beiträge für Frieden und Freiheit in Europa geleistet haben.

Eine Verlegenheitslösung? Offenbar nicht. Denn Überlegungen, an einem innerstädtischen Platz ein solches politisches Signal für den Frieden oder für Europa zu setzen, gab es nach Informationen der "Freien Presse" schon länger. "Dass das nun mit der Diskussion um eine mögliche Kohl-Ehrung zusammenfällt, ist eher Zufall", bestätigt Susanne Schaper, Fraktionschefin der Linken. "Durch die angespannte Lage in der Welt gewinnt ein Friedensplatz aber zusätzlich an Aktualität."

Bei der Initiative nicht mit ins Boot genommen wurden Vertreter der AG Straßennamen, die in zurückliegenden Jahren bei ähnlichen Entscheidungen durchaus konsultiert wurden. "Ich habe erst jetzt ein Schreiben vom Vermessungsamt erhalten", sagt Ulrich Sacher, der einst im Stadtarchiv tätig war und bis zuletzt dem "Tisch der Heimat- und Denkmalpflege" angehörte, der angesichts des fortschreitenden Alters seiner Mitglieder mittlerweile aufgelöst ist. So recht anfreunden könne er sich weder mit Helmut-Kohl- noch mit Friedensplatz. "Mir wäre es lieber gewesen, der Platz würde beispielsweise nach dem früheren Stadtbaurat Fred Otto benannt", so Sacher. Ihm verdanke Chemnitz viele markante Bauten aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts - vom Stadtbad bis zum heutigen Museum Gunzenhauser. "Otto hätte sehr gut zum künftigen Sitz der Bauverwaltung gepasst", findet Sacher.


"Ein bisschen einfallslos"

Simone Müller, 46 Jahre: "Friedensplatz sollte eher ein Platz im Zentrum heißen. Für mich ist die Fläche vor dem Technischen Rathaus auch kein richtiger Platz, da es davor Straßen gibt. Dass er nicht nach Helmut Kohl benannt wird, finde ich richtig. Über ihn hat man so viel Negatives gehört."

Hainer Wünsch, 65 Jahre: "Helmut Kohl hätte es verdient, dass der Platz nach ihm benannt wird. Aber Friedensplatz klingt auch nicht schlecht. Ich denke allerdings, dass die Stadt größere Probleme hat als diese Namensgebung. Die wird zu sehr aufgebauscht. Die Erweiterung des Innenstadtrings und des Südrings sind viel wichtiger."

Christine Hielscher, 77 Jahre: "Helmut Kohl hat die Einheit gebracht,

einen Platz nach ihm zu benennen, wäre in Ordnung gewesen. Friedensplatz ist auch schön, aber bei einem so mächtigen Gebäude wie dem Technischen Rathaus passt der Name nicht so richtig. Ich habe aber auch nichts gegen ihn."

Ralf Müller, 46 Jahre: "Es gibt doch mit Sicherheit eine Persönlichkeit aus Chemnitz, nach der man diesen Platz hätte benennen können. Ich kann jedoch keine nennen, denn ich komme nicht aus der Stadt, bin hier zu Besuch. Der Name Friedensplatz ist aber schon ein bisschen einfallslos. Die Idee dahinter würde mich interessieren." (hfn)

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4Kommentare
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  • 1
    0
    cn3boj00
    07.12.2017

    Ich korrigiere mich: Laut offiziellem Stadtplan, wie er auf der offiziellen Seite der Stadt Chemnitz veröffentlicht ist, heißt die Fläche dort "Am Roten Turm", ob das einen Park oder Platz bezichnet bleibt offen. Weiß das tatsächlich jemand?

  • 1
    2
    Interessierte
    06.12.2017

    Also der Park vor der Stadthalle ist der ´Stadthallenpark`, wir wollen es mal nicht ganz übertreiben ...

    Und die Stadträte haben sicherlich keine anderen Probleme , denen sind die wahrscheinlich die Hände gebunden in vielen Dingen , und um etwas zu machen für ihr gutes Geld , lassen die sich wohl so etwas einfallen ...

  • 8
    0
    cn3boj00
    06.12.2017

    Wieso kann die Adresse nicht einfach weiterhin Bahnhofstraße lauten? Ein Platz im straßenbaulichen Sinne ist doch in der Regel eine öffentliche Fläche, an der mehrere Straßen münden bzw. diesen einsäumen oder der von mehreren Gebäuden umgeben ist.
    Auch ist das technische Rathaus nicht unbedingt eine Einrichtung, die man mit Frieden und Freiheit verbindet, und wenn es schon darum gehen soll, warum nicht Freiheitsplatz? Und wenn die Stadt unbedingt einen Friedensplatz braucht, könnte man den Platz vor der Stadthalle ("Stadthallenprk") so nennen, der eher die Voraussetzungen für einen Platz erfüllt.
    Dieses kleinliche Gezänk zwischen den Fraktionsgemeinschaften über Kleinigkeiten ist bezeichnend. Haben die Stadträte keinen anderen Probleme?

  • 7
    2
    Interessierte
    06.12.2017

    Es ist mir ein Rätsel , wieso man aus diesem Vorplatz bzw. Eingangsbereich einen ´Platz` machen kann oder will ...
    Und ich frage mich , was an einem Herrn Kohl ( positiv ) überragend gewesen sein soll ...

    "Bislang war es immer üblich, einen Konsens zu suchen, bevor ein solcher Vorschlag öffentlich gemacht wird"
    ( daran sollte man in vielen anderen ( politischen ) Situationen auch einmal festhalten ...

    ^Zudem habe man seit 1990 in der Stadt bewusst darauf verzichtet, Straßen und Plätze nach ´Politikern` der jüngsten Geschichte zu benennen.
    ( sonst würde sich auch einiges wiederholen ...

    ^Menschen - die bedeutende Beiträge für Frieden und Freiheit in Europa geleistet haben.
    ( haben wir den neben der Freiheit nun auch Frieden ?

    ^Der Platz - würde nach Stadtbaurat Fred Otto benannt
    ( und warum nicht nach Kellnberger , wo er doch so viel in der Stadt getan hat und das sein ´ wohl letztes` Gebäude ist
    Fred-Otto-Platz - könnte man dann ja´ den Stadtbad-Vorplatz oder den Gunzenhauser-Vorplatz benennen

    Und wie wäre es denn mit : Conti-Platz
    Oder zur Erinnerung auch : Am Conti-Biotop

    Ansonsten würde auch ´Bahnhofstraße X` genügen
    Oder man nennt die Haltestelle : Am Gewerbehaus
    Welche Geschichte hat denn diese Haus , man ist doch heute immer so sehr an den historischen Gebäuden und auch ´Standorten` der Stadt interessiert , also an dem , was die DDR überlebt hat ...
    So wie auch an der Kattunfabrik
    So wie auch an der Mädchenschule
    So wie auch an der Villa Dresdner Straße ... u.v.m.



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