Diagnose: Hausärzte dringend gesucht

Fast 20 Praxen von Allgemeinmedizinern sind in der Stadt unbesetzt. Zwar wirbt jetzt eine Initiative um Nachfolger. Aber womöglich kommt sie zu spät.

Seit einem Dreiviertel Jahr ist die Hausarzt-Praxis im Rosenhof geschlossen. Die Medizinerin, die selbst krank ist, wird offenbar auch nicht so schnell zurückkehren. Bis Ende März 2017 bleibt die Praxis unbesetzt, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, die für die Koordination der Arztpraxen zuständig ist. Für die Patienten sind das keine gute Nachrichten. Zu ihnen gehört Ursula Prasse. Sie sucht schon seit August vorigen Jahres einen neuen Hausarzt, gefunden hat sie bis heute keinen. Dabei wäre sie dringend darauf angewiesen. Die 80-Jährige trägt einen Herzschrittmacher und müsste zur regelmäßigen ärztlichen Kontrolle. Tatsächlich aber geht Ursula Prasse nur im Notfall zur Vertretungsärztin. Denn auch sie nimmt keine neuen Patienten auf Dauer auf, berichtet Prasse. Kein Einzelfall, wie das Ergebnis der "Freie Presse"-Umfrage nach der Lebensqualität in Chemnitz zeigt. Der Hausarzt-Mangel ist auf den Fragebögen häufig genannt worden.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bestätigt die Sorge: 156 niedergelassene Allgemeinmediziner gibt es in Chemnitz. Derzeit sind 19 Praxen unbesetzt, vor einem Jahr waren es 14. Dabei sind die Standorte wie im Rosenhof, für die trotz langer Schließzeit die Zulassung nicht zurückgegeben wurde, in der Statistik noch gar nicht enthalten. Auch die Stelle von Matthias Gläß ist noch nicht dabei. Er praktiziert im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in der Markthalle und will im Sommer aufhören, bestätigt MVZ-Sprecher Jörg Kottwitz. Der zweite Hausarzt an dem Standort, Dr. Ullrich Müller, könne die Patienten in keinem Fall übernehmen. Er arbeite an der Kapazitätsgrenze, sagt der 68-Jährige selbst. Er gab vor drei Jahren seine Praxis in Wittgensdorf auf und ließ sich beim MVZ anstellen, um im aktiven Ruhestand zu bleiben, so Müller.

Kottwitz geht fest davon aus, dass für Gläß ein Nachfolger gefunden wird. Zwar stehen die Ärzte nicht Schlange, wie der Sprecher einräumt, doch gelingt es den MVZ im Regelfall, frei werdende Stellen wieder zu besetzen. Sie funktionieren nach dem Poliklinik-Prinzip, Ärzte arbeiten dort im Angestellten-Verhältnis. Wesentlich schwieriger ist die Nachfolge-Suche für die klassischen Hausarzt-Praxen, so der KV-Sprecher. Rund ein Drittel der Hausärzte geht in den nächsten Jahren in Rente. Die KV spricht schon jetzt von einem sich abzeichnenden "Versorgungsproblem im hausärztlichen Bereich", ohne genaue Daten nennen zu können: Die Mediziner arbeiten selbstständig und entscheiden frei, wann sie ihre Praxis zusperren. Die KV versuche, mit Informationsveranstaltungen und Projekten gegenzusteuern. Dazu gehöre ein Modellvorhaben für die Finanzierung des Medizinstudiums im Ausland. Außerdem bemühe sich die Vereinigung um ausländische Ärzte.

Darauf allein wollen sich die Chemnitzer Allgemeinmediziner nicht verlassen. Sie gründeten vor einem Jahr gemeinsam mit zwei Medizinischen Versorgungszentren und den drei Kliniken einen Weiterbildungsverbund. Demnach können Studenten nach ihrer dreijährigen Klinikausbildung zwei Jahre in einer Hausarztpraxis mitarbeiten - mit dem Ziel, diese zu übernehmen, erklärt Dr. Claudia Kühnert. Die 63-Jährige ist eine der Initiatoren des Verbundes und hofft selbst, so einen Nachfolger für ihre Praxis an der Brückenstraße zu finden. Der Verbund wirbt auf Messen sowie an Unikliniken in Dresden und Leipzig um Medizinstudenten für Chemnitz und für den Beruf: Der Hausarzt werde an den Unis vernachlässigt, im Studium sei die Allgemeinmedizin kein Wahlfach, so Kühnert.

Sie bescheinigt der Initiative einen guten Start. Fünf junge Mediziner seien im Weiterbildungsverbund beschäftigt. Einer arbeitet ab Herbst in ihrer Praxis. Eine Bleibe-Garantie indes gibt es in keinem Fall, weiß Kühnert. Es könne trotzdem passieren, dass sich die jungen Ärzte am Ende gegen Chemnitz und für eine Klinikstelle entscheiden.

Und der Zeitfaktor spiele eine entscheidende Rolle: "Bis die heutigen Assistenten uns ersetzen können, dauert es mindestens drei Jahre. Ob wir das schaffen? Eher nicht", sagt Kühnert. Sie prognostiziert ähnlich wie die KV eine Hausarzt-Lücke für die kommenden Jahre. "Wir haben mit unserer Initiative erst angefangen, als uns das Wasser bis zum Hals stand. Das war fünf Jahre zu spät."

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5Kommentare
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    1
    TheBeastFromTheEast
    30.03.2016

    Tja, finnas, warum wohl läuft es in Schweden oder Norwegen besser ? Ob´s an der höheren Geburtenrate, der Zuwanderung liegen könnte ? Wobei ich die von Ihnen genannten Gesundheitsminister nicht von Verantwortung freisprechen möchte. Sicher hat "die Politik" uns einen Bärendienst erwiesen, indem Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung konsequent ignoriert wurden. Genutzt hat´s am Ende niemandem: Nicht den Patienten, die - auf dem "flachen" Land - fast keinen Arzt mehr finden, nicht den wirtschaftsschwachen Regionen, die vielleicht noch als Bären- oder Wolfs-Habitat eine Zukunft haben, aber nicht als wirtschaftliche Mittel- oder Unterzentren, und vor allem nicht der Gesellschaft insgesamt. Die unbesetzten Arzt-Stellen sind nach meiner Meinung genauso ein Symptom, wie der Mangel an Ausbildungswilligen, an Fachkräften etc. Da lob ich mir die vorausschauend "Besorgten", die sicher auch für diese Problematik Verantwortliche finden, um sie an symbolischen Galgen aufzuknüpfen - aber wahrscheinlich auch wieder keine Lösungen. Ganz schön schlau !

  • 0
    0
    finnas
    30.03.2016

    Es ist nicht alles von der Politik verursacht, was im Gesundheitswesen nicht läuft. Auch Standesvertretungen u.a.haben ihren Anteil. Seehofer hat es einmal so formuliert:" Das Gesundheitswesen ist ein Haifischbecken." Aber die Hauptschuld liegt bei der Politik. Warum läuft es in Schweden oder Norwegen besser?
    Die Gesundheitsminister der vergangenen Jahrzehnte glänzten m.o.w.alle durch mangelndes Durchsetzungsvermögen, fehlenden Weitblick, Unfähigkeit und mangelnden Handlungswillen. Dazu kamen ideologische Verkrustungen. Seehofer war froh, als er das Ressort los hatte. Andrea Fischer hat manches gut gemeint, war aber der Gesundheitslobby nicht gewachsen, Ulla Schmidt war zu beratungsresistent und Bahr als überzeugter Neoliberaler glaubte, alles regelt sich über den Markt, auch die Gesundheitsversorgung. Gröhe schließlich tut fast gar nichts. Weder in der schon vor Bahr absehbaren Hebammenproblematik noch auf die Hausärzteentwicklung wurde angemessen reagiert, abgesehen von ein paar hilf- und wirkungslosen Anreizen. Wie handlungsunwillig Gröhe ist, zeigt sich am besten am Problem der Krankenhaushygiene. Er weigert sich, zwingende Vorschriften für Pflegesätze zu erlassen. Das erlaubt Kliniken, auf diesem Gebiet massiv Personal einzusparen - zu Lasten der Patienten, zu Lasten der Hygiene . Dass inzwischen Tausende an Krankenhauskeimen erkranken und sterben, juckt den Mann scheinbar nicht. Ein deutschlandweites Problem, alle Fachleute laufen Sturm, aber Herr Gröhe weigert sich, hart durchzugreifen.
    Was Wunder, wenn alles andere auch den Bach hinunter geht.
    Wie planlos im Gesundheitswesen agiert wird, haben nach der Wende angehende Ärzte erfahren können.
    Obwohl die Altersstruktur der Ärzteschaft in den neuen Bundesländern bekannt und damit kommender Bedarf absehbar war, fanden Absolventen der Unis nur sehr schwer Ausbildungsstellen als Assistenzarzt. Keine Klinik wollte welche ausbilden. Wenige Jahre später hat man sich um sie gerissen, da fehlten sie plötzlich. Egal, es kam ja Zuwanderung aus dem Ausland, damals aus Rumänien und Russland - inzwischen aus Syrien.

  • 1
    3
    TheBeastFromTheEast
    30.03.2016

    Jawoll, die Politik hat versäumt, genügend Hausärzte zu backen ! Daß sich Ärzte überlegen, wo sie welche Praxen eröffnen, und sich damit nicht nur wirtschaftliche Chancen eröffnen, sondern auch finanzielle Risiken eingehen - wer kann das verdenken ? Daß ein angehender Arzt dabei auch über den Tag hinaus denkt, und sich überlegt, wo er mit einem steten Patientenstamm rechnen kann, dabei auch die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt - Überraschung ? Selbstverständlich: Schon heute finden auch Handwerks- und Baubetriebe kaum noch Nachwuchs. Klar: Auch daran ist "die Politik" schuld - nicht die Bevölkerungsentwicklung. Übrigens: In der u.a. von mir mitbetreuten Flüchtlingsgruppe "auf dem Dorf" finden sich unter ca. 20 Erwachsenen 2 Ärzte, die sich sehr für Initiativen wie die im Artikel beschriebene interessieren. Aber: "Die brauchen wir nicht - die woll´n wir hier nicht." Oder ?

  • 6
    0
    HüAn
    30.03.2016

    Der Hausarztmangel ist schon seit mindestens 10 Jahren bekannt und die Politik hat nichts dagegen getan. Und so lange der Hausarzt auch deutlich weniger verdient, als der Facharzt, wird auch die Initiative des Weiterbildungsbundes nichts bringen. Vor allem wenn die angehenden Ärzte den Vergleich zwischen Facharzt und Hausarzt sehen. Das geht schon beim Bestellsystem los: Beim Hausarzt kommen am Tag manchmal bis zu 30 unbestellter Patienten-dadurch lange Wartezeiten und Frust der Patienten-Fachärzte haben ein Bestellsystem-da kommen wirklich nur akuteste unbestellte Patienten dran (wenn überhaupt!)-meist werden sie zum Hausarzt geschickt. Auch Hausbesuche leisten Fachärzte nicht. Der Hausarzt arbeitet auch noch meist 2 Stunden nach seinem offiziellen Sprechstundenende...auf Grund der vielen Patienten, die der Facharzt nicht behandelt hat.

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    4
    aussaugerges
    30.03.2016

    Alles Absicht für den Osten.



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