Pannenbahn nach Leipzig wird Thema im Stadtrat

Die Stadt soll laut einem Vorstoß von Rot-Rot-Grün Druck auf den Betreiber machen. Doch der Antrag findet nicht nur Beifall.

Reisen bildet, das gilt auch für Politiker. Für nicht wenige Mandatsträger genügte zuletzt schon ein einziger Trip mit der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) nach Leipzig oder von dort nach Chemnitz, um zu verstehen, was sich hinter den seit Monaten nicht enden wollenden Klagen etlicher Fahrgäste verbirgt - über Verspätungen, Zugausfälle, veraltete Wagen.

Dieser Tage erwischte es Peter Patt, einen der Chemnitzer CDU-Landtagsabgeordneten. Mit schätzungsweise 200 weiteren Reisenden wartete er auf dem Leipziger Hauptbahnhof auf den Zug nach Chemnitz. Eine Stunde lang, vergeblich. "Dass da nicht mal eine Ansage erfolgt und keiner automatisch informiert, ist nicht nachvollziehbar", schimpfte er wenig später in einem Schreiben an den für die Strecke zuständigen Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS).

Nachdem sich Ende vergangenen Jahres bereits die vier Chemnitzer Bundestagsabgeordneten gemeinsam an den VMS gewandt und auf eine Lösung gedrängt hatten, wird sich in der kommenden Woche nun auch der Chemnitzer Stadtrat mit dem Thema beschäftigen. Auf eine gemeinsame Initiative von SPD, Linken und Bündnis 90/Grüne hin soll die Stadtverwaltung beauftragt werden, über den VMS Druck für mehr Qualität auf der Strecke zu machen. Dazu sollen die Verträge mit der MRB nachverhandelt und obendrein vorsorglich geprüft werden, inwieweit sie nötigenfalls vorzeitig beendet werden können.

"Es geht darum, Druck zu machen - nicht nur individuell durch einzelne Abgeordnete, sondern auf einer möglichst breiten Basis", erläutert SPD-Fraktionschef Detlef Müller den Vorstoß. "Unser Ziel ist es, dass wir möglichst schnell zu spürbaren Verbesserungen kommen."

Offen ist, inwieweit andere Fraktionen sich dem Antrag anschließen werden. Die größte Fraktionsgemeinschaft CDU/FDP hat sich noch nicht entschieden. Sie glaubt, dass der Antrag wenig bewirken wird, und verweist darauf, dass die MRB unlängst bereits Nachbesserungen in Aussicht gestellt hat. Der Mutterkonzern Transdev hatte angesichts der öffentlichen Kritik angekündigt, die bis zu 30Jahre alten modernisierten Reichsbahnwagen auf der MRB-Strecke von und nach Leipzig schrittweise durch neueres Wagenmaterial zu ersetzen. Im Übrigen seihen im Falle einer Vertragskündigung hohe Kosten zu befürchten, deren Finanzierung völlig offen sei, heißt es aus der Fraktion weiter.

Der VMS äußert sich derzeit nur zurückhaltend zum Stand der Dinge. Mit den beteiligten Partnern und politischen Vertretern würden weiterhin Gespräche zur baldigen Verbesserung der Betriebsqualität geführt, ließ Geschäftsführer Harald Neuhaus gestern ausrichten. Über Ergebnisse wolle man aber erst dann sprechen, wenn diese vorliegen.


Kommentar: Populistischer Vorstoß

Ohne Frage ist die wichtigste Zugverbindung von und nach Chemnitz alles andere als zeitgemäß. Der Betreiber bringt dort Waggons auf die Schiene, die geradewegs nach Hilbersdorf gehören - ins Eisenbahnmuseum.

Und dennoch entbehrt der Vorstoß von SPD, Linken und Bündnisgrünen nicht eines gewissen Populismus. Die Räte sollten wissen, dass es wenig bringt, mit der Kündigung des Betreibervertrages zu drohen, ohne dass ein verlässlicher Ersatzanbieter bereitsteht. Und den wiederum wird es nicht geben, so lange die öffentliche Hand nicht bereit ist, mehr Geld für die Betreibung der Strecke auszugeben. Nur dann wird es spürbare Verbesserungen geben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
10Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    1
    Zeitungss
    17.05.2018

    @HHCL: Danke für Ihren untertützenden Beitrag, wird leider wenig zur Abhilfe beitragen, die rote Garde ist auch nicht faul, auch wenn es dort nicht um Fakten, sondern um die persönliche Zukunft geht. Alles braucht seine Zeit. Der Sachse ist besonders leidensfähig, wie die Vergangenheit gezeigt hat und liegt gerade bei diesem Thema bundesweit im Trend. Fakt ist doch sicherlich, dass diese Verwaltungsblasen ohne eigentlichen und fachlichen Sinn kein Mensch braucht. Mir persönlich sind noch ein funktionierender ÖPNV in Erinnerung, wo solche Luftblasen noch keinen Einfluß hatten, der Bürger kam, sogar mit einem Einheitsfahrschein von A nach B. Danke noch einmal für Ihre beiden Beiträge.

  • 3
    1
    HHCL
    17.05.2018

    @Zeitungss: Da gebe ich Ihnen recht. Für Wartung wird es dann bei dieser ausgeschriebenen Sparvariante aber eben nicht reichen. Warum sollte die MRB den Bestellern diesen Service schenken; so funktionieren Verträge einfach nicht. Auch das hat man so bestellt und eben geliefert bekommen. Darüber redet oder schreibt aber fast keiner. Es reicht nur für populistisches Gehampel; und das ganz ohne AfD.

  • 4
    4
    Zeitungss
    17.05.2018

    Das ewige Leiden mit der Strecke DC-LL. Es ist nun einmal so, wenn Schuster ein Krankenhaus leiten. Die alleinige Ausbildung am Taschenrechner reicht nicht aus, was für das Krankenhaus und den Bahnbetrieb gleichermaßen gilt. Der verwendete "Mercedes" von Siemens entspricht der BR 2016 der ÖBB und bildet dort das Rückgrat der Dieseltraktion bei entsprechender Wartung der Fahrzeuge. Sie laufen dort ganz einfach zuverlässig. Von jeden Arbeitnehmer wird heute Fachwissen möglichst zum Nulltarif verlangt. Welche Bedingungen gibt es denn für einen Auftritt in den Führungsetagen des VMS ???? Wegen fehlenden Fachwissen können die sich nicht einmal selbst verteidigen, also großes Schweigen, wie der FP zu entnehmen ist. @HHCL, Sie haben es in Ihrem Beitrag gut auf die Reihe gegracht, es wird sich allerdings beim VMS und den anderen 4 Vereinen nichts ändern. Bahnfahren klappte den Umständen entsprechend immer recht gut, bis die Fachkäfte der Neuzeit mit ihren Vereinen der Sache ein Ende gesetzt haben. Der VMS könnte einmal eine Liste der Landräte und Bürgermeister, welche sich dort tummeln und ÖPNV spielen, veröffentlichen um deren Arbeit auch einmal öffentlich würdigen zu können.

  • 7
    0
    Steuerzahler
    17.05.2018

    @HHCL: volle Zustimmung! Treffend formuliert! Mit Einschränkungen und Behinderung versuchen die Verantwortlichen in der Verwaltung den ÖPNV zu beleben, während viele das Angebot gar nicht nutzen können und auf Ihren PKW angewiesen sind.

  • 10
    3
    Deluxe
    17.05.2018

    @698236: Um bei Ihrem hübschen Bild zu bleiben: Das Problem ist, daß hier ein tadellos funktionierender, grundhaft instandgesetzter Trabant von einem defekten, unzuverlässigen und offenbar schlecht gewarteten Mercedes durch die Gegend gezogen wird. Und nun soll der Trabant die Schuld daran haben. Das haut so nicht hin.

  • 14
    2
    HHCL
    17.05.2018

    @Deluxe: Ich gebe ihnen da völlig Recht. Hier wird unglaublich viel Unsinn verbreitet um die eigene Verantwortung abzuschieben und die Freie Presse übernimmt mir hier auch in vielen Fällen viel zu unkritisch irgendwelche Äußerungen der verantwortlichen Politiker. Der Kommentar zu diesem Artikel lässt ein wenig hoffen. Vielleicht befragt man die Damen und Herren auch mal, warum sie sich in der Ausschreibung für dieses Billigmodell entschieden haben. Es war schon im Vorfeld in der Presse zu lesen, dass man dann Reichsbahnwaggons nutzen wird. Vielleicht erläutert man mal, warum der VMS sich nicht äußert. Ich vermute er müsste die eigene Unfähigkeit eingestehen und das führt zu wackligen Stühlen in Chefetagen. Da schweigt man vermutlich lieber und sitzt weiterhin bequem. Die Kritik trifft meist allein die MRB, die die Strecke so billig betreibt, wie sie bestellt wurde. Dazu noch das Gemecker über die alten DDR-Waggons. Die hat man so bestellt! Diese fahren übrigens noch auf vielen anderen Strecken, z.B. als IC bei der Deutschen Bahn (ehemalige nun weiß lackierte InterRegio-Waggons, die wiederum aufgemotzte DR-Waggons waren). Dort stört das keinen; hier braucht man es um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Die DB-Triebzüge waren übrigens auch nicht viel besser. Die waren auch nur über Treppen zu besteigen und auch nicht sauberer und bequemer. Die waren außerdem teilweise unglaublich laut, aufgrund der Triebwagenbauweise und nicht nur beim Bremsen wie die DDR-Wagen sondern während der ganzen Fahrt. Man muss dem Steuerzahler aber trotzdem erklären, warum man für eine Strecke, die mit Millionenaufwand für Neigetechnikzüge ausgebaut wurde, nun Züge fahren, die das nicht können und daher 10 Minuten länger brauchen als zur Wiedereröffnung der Strecke. Da man gerade dabei ist, Verkehrsbetrieben Druck zu machen: Vielleicht auch mal bei der CVAG! Die Zuverlässigkeit auf einigen Nebenlinien, also alles mit einer Taktfrequenz von 30 Minuten und mehr, ist unter aller Kanone. Ich habe jetzt mehrfach die Linie 43 nutzen müssen. Oft kommen die Busse mit über 10 Minuten Verspätung, teilweise fallen ganze Fahrten aus. Für Leute, die pünktlich irgendwo sein müssen, ist das unbenutzbar. Die Besteller dürften die gleichen sein wie beim MRB. Ich freue mich schon auf den nächsten Artikel, wo die Autogeilheit der Chemnitzer kritisiert wird. Das Auto ist bei dieser ÖPNV in Chemnitz und Umgebung dringend notwendig; kümmert euch darum, wenn ihr weniger Autos hier haben wollt. Nichts brauchbares anbieten und Jammern, dass der Bürger nicht mitspielt, ist das Letzte; aber offenbar das einzige, was die Rathausspitze kann.

  • 4
    7
    Hinterfragt
    17.05.2018

    Evtl, sollten die Abgeordneten bei anderen Problemen in Deutschland mal selbst betroffen sein, damit sich dort etwas tut und das ist weitaus wichtiger als ein Reisezugwaren! Und wenn sich suizidale Personen auf die Gleise werfen oder irgendwelche Idioten Gegenstände u.a. auf die Gleise legen, kann der Betreiber der Bahnen auch nichts dafür!

  • 12
    0
    774029
    17.05.2018

    Wieso werde ich nicht den Eindruck los, dass es hier ständing nur um das Eigeninteresse unserer Politiker geht. Es liegen bisher unzählige Beschwerden von betroffenen Kunden vor, bei denen sich nichts getan hat. Immer nur, wenn einer der Stadtverordneten, Landtags- oder Bundestagsabgeordneten persönlich betroffen ist, erfolgt ein öffentlicher Aufschrei und das Thema wird in den Gremien medienwirksam aufgegriffen. @Deluxe hat recht mit seiner Aussage, dass derartige Ausschreibungen nicht nur nach dem Preis der Leistung vergeben werden dürfen. Das gleiche Problem findet sich bei Bauleistungen wieder, welche aus eben diesen Gründen im Nachhinein stets teurer werden als ursprünglich veranschlagt.

  • 15
    0
    698236
    17.05.2018

    Wenn ein Trabant von den Verantwortlichen bestellt und mit Steuergeldern bezahlt wird, dann darf kein Mercedes erwartet werden. Dies musste allen Verantwortlichen vor der Vergabe an die MRB bekannt gewesen sein.

  • 19
    3
    Deluxe
    17.05.2018

    Wie oft soll der Unsinn eigentlich noch wiederholt werden, die Probleme dieser Strecke lägen am Wagenmaterial? Die ständigen Pannen und Ausfälle liegen NICHT an den Reichsbahn-Waggons (die übrigens grundhaft saniert und modernisiert sind und bei denen man erfreulicherweise auch mal ein Fenster öffnen kann), sondern an den deutlich jüngeren Lokomotiven, die reihenweise ausfallen. Eine defekte Lok hat aber nunmal nichts mit dem Alter der Waggons zu tun. Die Lokomotiven der Baureihe 223 wurden ab 2002 bis 2011 bei Siemens gebaut. Das sind noch ziemlich neue Loks, die offenbar große technische Probleme haben. Aber offenbar möchte man die Zugausfälle lieber den Waggons anlasten - wahrscheinlich, weil die aus der DDR stammen. Die VEB Waggonbau Ammendorf/Niesky/Görlitz/Bautzen sind aber am Problem des heutigen Verkehrssystems wirklich nicht schuld, auch wenn es einigen Leuten offenbar sehr Recht wäre. Ich würde sagen: Qualität ist, wenn ein Reisezugwagen nach 30 Jahren immer noch rollt. Und was auf dieser Strecke nicht funktioniert, hat am Ende mit unserem System zu tun. Wer öffentliche Daseinsvorsorge mit dem Grundsatz der Gewinnmaximierung betreibt, der darf sich nicht wundern... Ändern wird sich erst etwas, wenn wir als Gesellschaft bereit sind, diese Dinge ohne betriebswirtschaftliche Gewinne zu betreiben. Zugunsten eines Gewinnes für das Gemeinwohl, die Umwelt und ggf. die Volkswirtschaft, der in Euro nicht zu beziffern ist, aber einen gehörigen Mehrwert für alle mit sich bringt.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...