Wie sich eine Zweijährige nicht unterkriegen lässt

Bei seiner Geburt erlitt das Mädchen bleibende Schäden. Seinen rechten Arm wird es nie normal bewegen können. Die Eltern fanden Hilfe.

Ronja rennt durch den Flur ins Wohnzimmer und springt dort in einen Sessel, dann greift die Zweijährige mit einem Lachen im Gesicht zum Handy ihres Vaters und läuft damit in ihr Zimmer. Dass das fröhliche Mädchen mit den Locken in ihrem Bewegungsdrang eingeschränkt ist, sieht man auch auf den zweiten Blick nicht. Doch Ronja kann nicht wie andere ihren rechten Arm benutzen, weil bei ihrer Geburt nicht alles glatt ging. Ronjas Eltern, Juliane und Cornelius Viertel, sprechen von einem Unfall.

Es war der 29. August im heißen Sommer vor zwei Jahren. Die Geburt war schon mehr als zwei Wochen überfällig, als sie künstlich eingeleitet wurde, erzählt Mutter Juliane Viertel. Doch das fast 4500 Gramm schwere Baby wollte trotzdem nicht so einfach auf die Welt kommen. "Es wurde mit einer Saugglocke aus dem Geburtskanal gezogen und blieb mit der Schulter hängen", schildert Cornelius Viertel die dramatischen Umstände von Ronjas Geburt. Dabei wurden das rechte Schlüsselbein des Neugeborenen gebrochen und im Halsbereich Nerven beschädigt. Während das Schlüsselbein heilte, blieben die Nerven verletzt. "Der Arzt sagte uns sofort nach der Geburt, dass der rechte Arm von Ronja geschädigt ist und dass man abwarten müsse", erinnert sich die Mutter. Ihr Mann begann zu recherchieren und fand heraus, dass seine neugeborene Tochter an einer Plexusparese leidet - einer Armlähmung, die durch geschädigte Nerven hervorgerufen wird. "Da wurde mir schlecht", sagt er rückblickend. Ronjas Mutter erinnert sich nicht gern an die Geburt. "Sie war traumatisch, schmerzhaft und dauerte sehr lange." Eigentlich sei Ronja für eine normale Geburt zu schwer gewesen. "Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich nicht auf einen Kaiserschnitt bestanden habe. Dann wäre diese Verletzung nicht passiert", sagt die 27-Jährige. Doch sie sei bei ihrer ersten Geburt unerfahren gewesen.

Geholfen habe den jungen Eltern der Verein Plexuskinder, sagen sie. Im Internet tauschen sich Betroffene und Angehörige aus, geben Tipps. Beim Jahrestreffen im Herbst 2016 schaute sich ein auf die Behinderung spezialisierter Handchirurg Ronja an und riet zur sofortigen OP, die wenige Wochen später in Aachen erfolgte. Der massive Eingriff, bei dem zerrissene Nerven wieder verknüpft wurden, habe Ronja sehr geholfen, sagt ihre Mutter. "Sie kann ihren Arm jetzt viel besser bewegen als vorher."

In welchem Maß Ronja einmal den Arm nutzen kann, könne man heute noch nicht sagen, erklären die Eltern. Sie tun alles, um ihrer Tochter ein soweit wie möglich normales Leben zu ermöglichen. Dreimal in der Woche wird Ronja physiotherapeutisch behandelt, ihre Eltern machen täglich mit ihr Übungen. Zweimal jährlich besuchen sie den Spezialisten in Aachen, nehmen dafür eine 14-stündige Autofahrt in Kauf. "Wir haben uns eingeimpft, dass Ronja ein normales Kind bleibt", sagt ihre Mutter. Die Zweijährige mache es ihnen auch einfach, erzählt ihr Vater. "Sie ist ein pflegeleichtes Kind, so gut wie nie krank, schon als Baby hat sie immer durchgeschlafen." Ob ihr großer Bewegungsdrang paradoxerweise damit zusammenhängt, dass sie körperlich eingeschränkt ist, wissen die Eltern nicht. Aber sie freuen sich darüber. "Ronja klettert gerne, sie mag es zu balancieren, fährt mit ihrem Laufrad", zählt ihr Vater auf. Auch einen Sportverein besucht sie.

Und bald bekommt Ronja einen Spielgefährten. Weihnachten erwartet Juliane Viertel Nachwuchs. Sie will dieses Mal auf Nummer sicher gehen und das Baby mit einem Kaiserschnitt zur Welt bringen, sagt sie.

Das Jahrestreffen des Vereins Plexuskinder findet heute ab 9 Uhr im Schullandheim im Küchwald, Küchwaldring 26 statt. Neben medizinischen und juristischen Vorträgen steht der Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt. www.plexuskinder.de

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