Blick zurück und in die Zukunft

Das Gedenken an die Ereignisse im Herbst 1989 ist in Mittelsachsen nachdenklich ausgefallen. Redner wandten sich gegen den Missbrauch des Geschehenen durch Rechtspopulisten.

Freiberg.

Er war Gesicht und Stimme der Friedlichen Revolution in Freiberg, aber ihren 30. Jahrestag konnte er nicht mehr erleben: Gottfried Breutel, langjähriger Pfarrer der Petrikirche, verstorben 2014. Am Abend des 9. November 2019 versammelten sich rund 190 Menschen in der Petrikirche, um an ihn zu erinnern und an die Vielen, die das DDR-Regime zum Einsturz brachten. Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Petri-Nikolai gestaltete zusammen mit der Stadt und dem Mittelsächsischen Theater das Gedenken mit kritischem Blick auf die Gegenwart.

Pfarrer Michael Stahl erinnerte: Nach einem gewalttätigen Polizeieinsatz am Bahnhof am 4. Oktober 1989, wo die deutschlandweit bekanntgewordenen Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag durchrollten, kamen vier Tage später die ersten Menschen in der Petrikirche zum Fürbittgottesdienst zusammen. Am 25.Oktober, zur ersten Dialogveranstaltung, öffnete Pfarrer Breutel den Menschen die Petrikirche. Anfang November begannen die Großkundgebungen auf dem Obermarkt. Die Petrikirche blieb auch nach dem Fall der Mauer Zentrum der gesellschaftlichen Umbrüche in der heutigen mittelsächsischen Kreisstadt.

An die prägende Rolle von Pfarrer Gottfried Breutel erinnerte Bernd-Erwin Schramm, parteiloser Oberbürgermeister a. D.: "Es wäre an der Zeit, öffentlich sichtbar an diesem Haus ein Zeichen der Erinnerung an ihn und an die Friedliche Revolution in dieser Stadt zu setzen." Schramm erinnerte mit Blick auf die heutige Migrationsdebatte: "Menschen, die vor den Verhältnissen in ihrem Land flüchteten, waren Anlass der Friedlichen Revolution." Es sei "sehr merkwürdig, wenn sich heute ausgerechnet eine Alternative für Deutschland anschickt, die Wende zu vollenden".

Auch Schauspieler des Mittelsächsischen Theaters schlugen die Brücke zur Gegenwart. Sie erinnerten an die Rolle von Künstlern und Schauspielern, die sich vor 30 Jahren für Redefreiheit einsetzten. Dann lasen sie aus der "Sächsischen Erklärung der Vielen", die im April dieses Jahres von Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen veröffentlicht wurde - als Reaktion auf rechtspopulistische Demonstrationen. Den Blick in die Zukunft wagten vier Mitglieder der Jungen Gemeinde. Die Jugend, unter den Besuchern eher schwach vertreten, bekam viel Applaus. Für die Zukunft forderte sie "Respekt, damit die Menschen einander wieder zuhören", außerdem Verzicht auf übermäßigen Konsum, einen bewussten Umgang mit digitalen Medien und, passend zu 1989: "Keine Gewalt". Was fehlte, waren Stimmen von Zeitzeugen. Beim Gedenkmarsch mit Kerzen um den Obermarkt kamen aber Erinnerungen auf. Eine Demo-Teilnehmerin von damals erzählte, wie die Menschen ihre Kerzen anschließend mit nach Hause nahmen und noch im Fenster brennen ließen - so konnte jeder sehen, wer teilgenommen hatte.

Pfarrer Michael Stahl erinnerte auch an die negativen Erfahrungen nach dem Umbruch - Arbeitslosigkeit, geringe Löhne, Elitenaustausch. Er schloss mit einer persönlichen Stellungnahme: "Für mich und meine Familie wurde der Herbst '89 das Tor zur Freiheit. Deshalb trifft es mich auch persönlich, wenn die Erinnerung daran missbraucht wird."


Mikrowelle, Farbfernseher, Mischbatterie - Wofür Mittelsachsen ihr Begrüßungsgeld ausgaben

Stephan Lazarides, Geschäftsführer des MVZ "Der Arzt" Erzgebirge: Der Auerswalder erinnert sich gut daran, dass er vom ersten Begrüßungsgeld in Berlin eine Mischbatterie für die Badewanne kaufte. "Wir haben damals im Haus gebaut und wollten unsere mausealte Mischbatterie durch eine neue ersetzen", sagt Lazarides, der damals als Technologe in der Baumwollspinnerei Mittweida arbeitete, heute. Der Auerswalder weiß auch noch, wie üppig ihm das Angebot an Obst und Kaffee damals vorkam. Später fuhr die Familie mit dem Trabant nach Bayern. "Die Fahrt dauerte Stunden, es war hundekalt in der Pappe. In einer Turnhalle in Hof gab es noch mal Begrüßungsgeld. Wir legten es zusammen, kauften in Naila in einem Rundfunkladen eine kleine Stereoanlage." Noch mehr als diese Fahrten habe ihn aber eine andere beeindruckt: "Meine Frau und ich waren dabei, als kurz vor Weihnachten 1989 das Brandenburger Tor geöffnet wurde. Gemeinsam mit den Westberlinern haben wir Sekt getrunken. Das war damals eine Euphorie - auf beiden Seiten!" (gp)

Uta Siling, Apothekerin und Vorsitzende des Gewerberings Mittweida: Die damals 17-Jährige fuhr mit ihrer Familie zu Verwandten nach Franken. Wofür das Begrüßungsgeld draufging, weiß sie nicht mehr genau. "Aber eine der ersten Sachen, die ich damals gekauft habe, war ein Jeansrock. Das war ein großer Traum von mir - nach dem Mauerfall wurden solche Träume erfüllt." (lkb)

Evelyn Geisler, im Rathaus Hainichen für die Kultur zuständig: "Wir haben damals als Familie unser Geld zusammengelegt, denn die 100 Westmark gab es ja auch für Kinder", erzählt die heute 61-jährige, die zur Wendezeit an einer Schule tätig war. "Mit insgesamt 400 Mark konnten wir uns einen großen Wunsch erfüllen und endlich einen Farbfernseher kaufen. Vorher hatten wir nur schwarz-weiß in die Röhre geschaut. Weil noch Geld übrig war, leisteten wir uns zudem ein Kassettenradio. Das gibt es im Gegensatz zum Fernseher heute noch, und es funktioniert sogar." (fa)

Wolfgang Hein, Kämmerer von Kriebstein:Mit Frau und den zwei Söhnen passierte Hein im Dezember '89 die Grenze in Mödlareuth. "Noch Wochen vor dem Mauerfall hätte ich das nicht für möglich gehalten", so der heute 61-Jährige. Was die Familie vom Begrüßungsgeld kaufen würde, war vorher klar. "Wir hatten in der West-TV-Werbung eine Mikrowelle gesehen und waren begeistert", erinnert sich Hein. Das Gerät, im DDR-Handel nicht zu bekommen, habe dann lange Zeit seinen Dienst verrichtet. (jl)

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