Chef setzt auf besonderen Informatiker

Ein 22-Jähriger arbeitet als Computerexperte. Er ist der einzige Angestellte einer noch jungen Firma. Kennengelernt hat der Inhaber seinen Mitarbeiter im Autismuszentrum.

Etwas fällt im Gespräch mit Philipp Junghannß sofort auf: Er schaut sein Gegenüber nur selten an, vermeidet so gut wie jeden Blickkontakt. Der 22-Jährige ist Autist - und Fachinformatiker für System-Integration. 30 Stunden pro Woche arbeitet er in einem kleinen Unternehmen im Stadtteil Gablenz, das sich auf Computerdienstleistungen spezialisiert hat. "Wir programmieren Webseiten, suchen und beheben Fehler auf Heimcomputern und helfen Kunden beim Austausch von Komponenten", sagt sein Chef Alexander Haase.

Der 39-Jährige führt die Firma mit dem Namen "Nerds Club IT Service", die er im September gegründet hat, nur nebenbei. Hauptberuflich verdient er seine Brötchen im Autismuszentrum an der Stadlerstraße, wo er 2007 auch Philipp Junghannß kennenlernte. Als sogenannter Einzelfallhelfer begleitete er den damaligen Teenager täglich ins Johannes-Kepler-Gymnasium, das dieser nach der zehnten Klasse mit dem Realschulabschluss verließ. "Danach haben wir uns nie aus den Augen verloren."

Dabei blieben Haase die Fähigkeiten seines ehemaligen Schützlings rund um das Thema Computer nicht verborgen. "Er ist ein Autodidakt, der wie ein Staubsauger alles Wissen um sich herum aufsaugt", sagt er. Und der dabei gegenüber anderen nicht immer besonders diplomatisch ist. So habe er eine Ausbildung als Programmierer bei der Deutschen Bahn in Erfurt noch innerhalb der Probezeit nach zweieinhalb Monaten abbrechen müssen - zu oft sei er seinen Kollegen sprichwörtlich über den Mund gefahren. "Dabei hatte ich oft recht", so Junghannß, der dann im Förderzentrum an der Flemmingstraße seine Lehre absolvierte.

Die Idee, Philipps Potenzial irgendwie zu nutzen, hatte Alexander Haase zu dieser Zeit schon im Kopf. Er schrieb ein Konzept und legte es dem Integrationsamt, der Industrie- und Handelskammer und der Arbeitsagentur vor, die das Gehalt, das Junghannß bezieht, fördert - allerdings befristet. Auch bei der Einrichtung der beiden Büroräume in Gablenz sei ihm entgegengekommen worden. Mehr Sorgen macht dem Chef und seinem Angestellten vielmehr die Auftragslage. "Das ist das klassische Henne-und-Ei-Problem. Wenig Kunden, kaum Wachstum. Und ohne Wachstum keine Aufmerksamkeit und kaum Kunden. Das muss man erst einmal durchbrechen", so Junghannß.

Dennoch soll das Unternehmen wachsen und finanziell bald auf eigenen Füßen stehen. Alexander Haase steht in Kontakt mit zwei weiteren Menschen mit autistischer Behinderung, die nach dem Ende ihrer Ausbildung ebenfalls angestellt werden sollen. Und auch er selbst wolle mittelfristig seine Arbeit im Autismuszentrum zugunsten seiner Firma aufgeben.

Er könne sich vorstellen, mit dieser künftig auch in der Entwicklung tätig zu sein - speziell im Bereich von Alltagshilfen für Menschen mit Autismus. Als Beispiel nennt er "Google Glass": Die Gesichtserkennung der 2011 entwickelten und wegen des Datenschutzes umstrittenen Brille helfe in den USA mittlerweile autistischen Kindern und Erwachsenen, momentane Befindlichkeiten und Gefühle anderer Menschen besser einzuordnen - etwas, das Betroffenen erfahrungsmäßig große Schwierigkeiten bereite. "So etwas könnte man auch für hier adaptieren", so Haase, der dieses Problem seines bislang einzigen Angestellten ebenfalls kennt. "Wenn ich mir heute Abend meinen Bart abrasieren würde, dann liefe er morgen einfach an mir vorbei."

Junghannß bestätigt das. Während er mit der zeitlichen Strukturierung seines Alltags überhaupt keine Probleme habe und deshalb beispielsweise auch nicht zu spät bei der Arbeit erscheine, komme er mit Veränderungen allgemein schlecht klar, ebenso wie mit der räumlichen Orientierung. So habe ihm vor einiger Zeit ein Supermarkt als Fixpunkt dafür gedient, den Weg von seiner Wohnung zum Büro zu finden. "Irgendwann war der plötzlich weg, und ich wusste nicht mehr so richtig, wo ich bin." Mittlerweile wohne er in Altchemnitz und fahre mit der Straßenbahn - was dank der Haltestellendurchsagen auch gut klappe. "Und wenn da mal etwas dazwischenkommt, dann habe ich mein Handy dabei."

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