Chemnitz von seiner sportlichen Seite

Am Wochenende war die Stadt ganz auf Fahrradfahren eingestellt. Auch jenseits der Rennstrecke prägten Zweiräder das Bild. An der Hartmannstraße gab es ein ungewöhnliches Rennen und in Reichenhain steppte der Bär.

Von 25.000 Besuchern an allen drei Tagen der Deutschen Meisterschaften im Straßenradsport sprechen die Veranstalter. Wer nur im Zentrum und im Start- und Zielbereich am Hartmannplatz war, kann das vielleicht kaum glauben. Wer aber auch an der Strecke war, hat sie gesehen, die jubelnden Massen. Vor allem in Reichenhain entlang der Gornauer Straße, der Bergwertung, stand ein Zuschauer am anderen, der den Radsportlern mit Kuhglocken, Rasseln und La-Ola-Wellen einheizte. Viele Anwohner hatten auch ihre Vorgärten geschmückt.

Aber nicht nur Straßenradfahren war angesagt. Während gestern die Herren elf Runden um die Stadt absolvierten, lieferten sich Eisschnellläufer Nico Ihle (zweimaliger Weltcup-Sieger) und Bahnradfahrer Joachim "Joe" Eilers (Doppelweltmeister im Keirin und über 1000 Meter Zeitfahren) ein ungewöhnliches Rennen. Ihle wich dafür auf Inlineskates aus, Eilers ging mit seinem sieben Kilogramm schweren Carbonrad an den Start. Beide legen in ihrer Disziplin normalerweise die 100 Meter unter 10 Sekunden zurück. Beim Grillen in Ihles Garten seien sie auf die Idee zum Wettkampf gekommen, berichtete Eilers. Dreimal fuhren sie eine Strecke von 100 Metern auf der Hartmannstraße bis ins Ziel. Wenn Ihle verliert, würde er das Rad von Eilers putzen, hieß es vor dem Start. Eilers versprach im Gegenzug, bei Niederlage Ihle zum Essen, vielleicht auch zum Grillen einzuladen. Den ersten Lauf gewann Eilers deutlich, der zweite ging ebenso deutlich an Ihle. Für die Entscheidung beim dritten Lauf wurde ein Zielfoto benötigt. Ergebnis: Nico Ihle muss Eilers' Rad putzen - er hatte knapp verloren.

Auch, wer kein Leistungssportler ist, konnte sich am Wochenende testen. Das Rahmenprogramm rund um die Innere Klosterstraße bot dazu Gelegenheit. Am Hochrad-Parkour hatte André Pahl sichtlich Spaß. "Man muss mit dem Popo lenken und sitzt verkrampft", sagte er lachend, als er von dem Gefährt stieg. Der 41-Jährige wurde in der Stadt geboren, trainierte bei Wismut Karl-Marx-Stadt fünf Mal die Woche Radrennen. Heute lebt er in Stuttgart, verband als Radsport-Begeisterter aber den Familienbesuch mit dem Rad-Ereignis.

Ähnlich handhabte das auch Sebastian Steinbach. Der 34-Jährige lebt in Bielefeld, wurde auch in Karl-Marx-Stadt geboren. Er verband ebenso Familienbesuch mit Rad-Event - und probierte, im Mini-Oval, das am Düsseldorfer Platz aufgebaut war, zu fahren. Das sei überraschend anstrengend, sagte er danach, "vor allem mental".


Umfrage: "Es ist ganz toll hier"

Claudia Günther (39) aus Chemnitz feuerte gestern die Fahrer am Gornauer Berg an. Am Samstag hatte sie an der Stadtsportrunde teilgenommen. "Ich fand super, dass in Reichenhain so viel geschmückt war und auch die Normalos angefeuert wurden", sagte sie. Darum habe sie gestern dort Stellung bezogen. "Die Bergwertung ist eben das Interessanteste". Dass man ihn einmal hoch fährt, könne sie verstehen. Aber elf Mal? "Das ist wirklich krass."

Richard Einhaus (74) aus Bochum war zum ersten Mal in Chemnitz. Sein Enkel Frederick startete gestern beim Rennen der Herren. "Es ist ganz toll hier", sagte Einhaus, der sich mit seiner Frau die Stadt ansah. Er habe erwartet, dass überall Hochhäuser stehen und alles im DDR-Einheits-Stil gebaut sei. Jetzt sei er angenehm überrascht, "die Stadt macht einen sehr guten Eindruck", sagte er. Darum kaufte er sich in der Tourist-Info gleich eine Chemnitz-Mütze.

André Rosenkranz (30) aus Dresden schaute sich gestern das Rennen auf einer Decke sitzend an der Hartmannstraße an. Die Veranstaltung mache einen guten Eindruck "und kommt bei den Leuten gut an", lobte er. Der Anreiz, die Top-Profis zu sehen, habe ihn nach Chemnitz gelockt. Er nehme regelmäßig am 24-Stunden-Mountainbike-Rennen in Rabenstein teil. Rennrad, Trekking-Rad und Stadtrad fahre er aber auch.

Simone Scheumann (51) aus Chemnitz verfolgte gestern das Rennen im Start- und Zielbereich und schoss viele Fotos von den Profis. Sie fahre selbst viel Rad, nehme auch an Veranstaltungen wie der Zwönitztal-Radtour teil, darum interessierten sie die guten Fahrer. Die Meisterschaft sei gut besucht und gut organisiert. Das ganze Rennen verfolgte sie jedoch nicht an der Hartmannstraße, "denn wir wollen selbst später noch die Strecke abfahren und vom Rand aus zuschauen", sagte sie.


Aufgeschnappt am Rande der Strecke

Langfinger: Bei der Einschreibung zum Rennen der Frauen am Samstag berichtete das Team Gesundshop24, dass ihr Auto Donnerstagnacht an der Brückenstraße aufgebrochen wurde. Zwei Räder wurden gestohlen. "Ich musste das Einzelzeitfahren am Freitag ohne mein Zeitfahrrad bestreiten. Es lief nicht so gut", sagte Sportlerin Svenja Failenschmid aus Freiburg. Laut Polizei beläuft sich der Schaden auf 10.500 Euro. Und einen weiteren Diebstahl gab es: Am Freitagvormittag nahmen Unbekannte ein E-Bike, das in einem Fahrradständer im Rosenhof abgestellt war, mit. Der Wert des Rades beträgt rund 1900 Euro.

Hochradfahren: Der Anbieter des Hochrad-Parkours an der Inneren Klosterstraße, Rolf Flören aus Mönchengladbach, war zwar nicht unzufrieden, bemerkte aber trotzdem: "Es ist kein knallvolles Fest."

Panne: Der Start der Frauen am Samstag verzögerte sich um 30 Minuten. Was war passiert? Der Bus, der die Streckenposten verteilt, hatte eine Panne und verlor Öl. Bevor das Rennen beginnen konnte, musste die glitschige Spur entfernt werden.

Post: Wie ging die Post mit den Sperrungen um? Da die Briefzusteller generell mit Fahrrädern unterwegs sind, gelangten sie zu den Häusern. Die Paketzusteller versuchten, abhängig von den Schleusen, alle Kunden zu erreichen. "Sollten wir nicht zu allen gelangen, versorgen wir die Kunden am Montag mit ihren Sendungen", sagte eine Sprecherin der Deutschen Post.

Sanitäter: Am Hartmannplatz war ein Zelt aufgebaut, das innen wie ein Krankenhaus aussah. Acht bis zehn Patienten wurden am Tag versorgt, sagte Christian Homburg von der Medizinischen Task Force der Stadt Chemnitz. Sie hatten Schnittverletzungen, Quetschungen und Sonnenbrand. Auch zwei gestürzte Rennfahrer mussten behandelt werden.

Pflege und Essen auf Rädern: Beim Essen auf Rädern der Volkssolidarität habe es 25 von über 600 Kunden gegeben, die am Sonntag nicht erreicht werden konnten, sagte Sprecher Stephan Ullrich am Freitag. Doch es gab eine Lösung: Sie erhielten am Samstag ein kaltes Menü für Sonntag. Bei der "Häuslichen Krankenpflege Katrin Klein" in Bernsdorf konnten vier Personen nicht versorgt werden. "Das war lange im Voraus bekannt, die Familien sind eingesprungen", sagte Pflegedienstleisterin Franziska Pilz.

Mehr über die Rad-Meisterschaft lesen Sie auf der Seite 3 Sport.


Kommentar: Genau so!

Was für ein schönes Wochenende. Nicht nur das Publikum im Start- und Zielbereich, vor allem die Massen entlang der Bergwertung an der Gornauer Straße haben diesen Deutschen Meisterschaften einen würdigen Rahmen gegeben. Aber auch die Gäste beim Parksommer und beim Lichterlabyrinth auf dem Brühl sorgten für ein Wohlfühl-Wochenende. Am Freitag und Samstag hätten es mehr Zuschauer beim Radrennen sein können. Besonders in der Innenstadt war nicht viel los. Ein Besucher aus Stuttgart sagte, er finde gerade das entspannend, denn bei ihm zu Hause wäre es bei einem solchen Event übervoll. Vielleicht fühlten sich manche abgeschreckt von den Sperrungen. Das Gerücht, man komme gar nicht mehr in die Stadt und könne nirgends parken, machte die Runde. Wer aber da war, hat ein schönes Wochenende erlebt und erzählt nun weiter, dass Chemnitz Großveranstaltung kann.

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2Kommentare
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  • 2
    0
    Interessierte
    26.06.2017

    Hierzu kam heute Morgen ein Beitrag im Info ...
    Und man spricht immer von der ´selbsternannten` Sportstadt , auch im SF mußte das ein Herr Thierfelder so vorlesen ..
    Waren wir nicht einmal eine ´Sportstadt`, bevor sich das andere Städte angeeignet haben ?

    Um 8.42
    http://www.mdr.de/mediathek/radio/mdr-aktuell/mdr-aktuell-radio-zum-nachhoeren-100.html#

    Tja ,Blackadder: , wenn wir DD oder L wären , wäre das sicherlich anders gelaufen , aber wir kommen ja erst hinter Zwickau und Freiberg und Görlitz und Bautzen , man versteht nur nicht , warum sich das ein Rathaus bieten läßt ?

    Und dann werden die Leute auch noch gefragt , warum sie sich das ansehen ( weil sie Fans sind und sonst nicht viel los ist , war die Antwort )

    Und der Täve wurde im Riverboat gefragt , warum die Leute damals so begeistert waren und an den Straßen standen ( das muß man sich mal vorstellen )

    Warum standen denn die Berliner an der avus ?
    Aber das ist natürlich etwas ´ganz` anderes ?..

  • 7
    2
    Blackadder
    26.06.2017

    Es sehr schönes Sportereignis, auch gut organisiert und die vielen Besucher und begeisterten Chemnitzer haben ja auch gezeigt, dass die Stadt mit ihren Bürgern zum großen Teil dahinter steht, ABER eine Schande war die Berichterstattung in den überregionalen Medien. Da wird bei heute und Tagesschau lieber berichtet, wie sich Fußballnationalmannschaft Segway-fahrend erholt und für ein Spiel trainiert, anstatt über die Deutsche Meisterschaften im Straßenradsport. Eine direkte Übertragung der Rennen gab es auch nirgens. Einzig das Morgenmagazin hatte heute früh einen Bericht - vielen Dank dafür. Man kann nur sagen: wir haben unseren Teil getan, schade, dass eben andere Sportarten wichtiger sind, auch wenn er gerade nichts zu berichten gibt.



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