Daheim in der Fremde

Romy Morin aus Zschopau verschlug es nach Kanada. Vincent Brown ging den umgekehrten Weg. Dass sich beide in ihrer neuen Umgebung wohl fühlen, liegt auch an Hobbys.

Zschopau/Drummondville.

Noch immer steigt Vincent Brown gern in sein Auto. Doch er tut es nicht, um sich durch den dichten Verkehr seiner Geburtsstadt Toronto zu kämpfen, wo er bis 2016 lebte. Stattdessen rollt er damit jetzt durchs mittlere Erzgebirge. "In Kanada gibt es immer nur Ampeln und Stoppschilder. Hier kann ich durch zehn Dörfer fahren, ohne einmal stehen bleiben zu müssen", sagt der 35-Jährige.

Natürlich ist er nicht zum Spaß unterwegs. Wochentags führt der morgendliche Weg des studierten Informatikers von seinem Haus in Krumhermersdorf nach Limbach-Oberfrohna, wo er als Programmierer arbeitet. Nach der Arbeit geht es oft in die Natur.

Er hat das Wandern für sich entdeckt - mit seinen beiden Töchtern. "In einer Großstadt können die Mädchen gar nicht alles wahrnehmen", sagt der Familienvater. Doch daran dachte Brown nicht, als er 2009 nur mal kurz einen Freund besuchen wollte. Er hatte es damals auf einen Plausch abgesehen, fand aber die Liebe seines Lebens. Denn zufällig war an dem Tag auch eine junge Frau aus Zschopau dabei, die in Toronto ein Auslandssemester absolvierte. Drei Jahre später, nachdem sie ihr Studium in Weimar abgeschlossen hatte, heiratete das Paar in Toronto und bekam Nachwuchs.

Als "Liebe auf den ersten Blick" bezeichnet auch Romy Morin das Treffen mit ihrem kanadischen Mann Pascal Morin. Dabei sei es nur ein Zufall gewesen, der die beiden 2001 in einem Internet-Chat zusammenführte. Im Sommer 2002 verbrachte er seinen Urlaub in Chemnitz - ihr zuliebe. "Es folgten noch zwei andere Urlaube, dann heirateten wir", berichtet die 37-Jährige, die in Zschopau verwurzelt ist. Dort verlebte die damals noch Romy Bauer heißende gebürtige Karl-Marx-Städterin auch ihre Freizeit.

Mit ihrem Mann Pascal, den beiden Töchtern und dem 16-jährigen Sohn Drew lebt Romy Morin heute im kanadischen Drummondville. Der Jugendliche gehört dort, im Süden der kanadischen Provinz Quebec, zu den großen Eishockey-Talenten. Als Torhüter bringt er die gegnerischen Spieler mit seinen Paraden immer wieder zur Verzweiflung - und träumt sogar von einer Karriere in der Profi-Liga NHL. Und seine Familie hofft, dass es Sohn Drew möglichst weit bringt. Ein aufregendes Abenteuer, bei dem kaum Zeit für Heimweh bleibt, auch wenn der letzte Besuch in Zschopau mittlerweile bereits sieben Jahre zurückliegt.

Für Vincent Brown liegt das "alte Leben" nicht ganz so weit zurück, doch auch er vermisst es kaum. Wie bei Romy Morin sind es auch in seinem Fall in erster Linie die Kinder und der Sport, warum die Glücksgefühle dem Heimweh keine Chance lassen. Auch der 35-Jährige greift zum Schläger, hat es aber damit nicht auf einen Puck abgesehen, sondern auf kleine weiße Bälle. Schon daheim in Toronto habe er Golf gespielt, allerdings nur sporadisch. Auf der Zschopauer Anlage wurde das Feuer dagegen entfacht: "Im Frühjahr 2017 bin ich mal hingefahren, und noch am gleichen Abend war ich Mitglied." Dreimal pro Woche wird trainiert, was sich auszahlt. So konnte er sich im vorigen Herbst für den Internationalen BMW-Cup qualifizieren. Und auf dem Golfplatz traf er seinen heutigen Arbeitgeber. Doch vor allem genießt es Brown, mit seinen Töchtern zu spielen, mit denen er meist Englisch redet. Sonst sagt er aber stets auf Deutsch Sätze wie: "Viele denken bei Kanada an Natur, aber für mich war es ein Leben in der Großstadt." Erst im mittleren Erzgebirge scheint der 35-Jährige die Freiheit der Landschaft zu genießen, was nicht heißen soll, dass er hier für immer bleiben will: "Vielleicht will ja eine meiner Töchter später zum Beispiel nach Tokio ziehen, und ich denke mir, das ist ja auch ein schöner Ort."

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