Ein schöner Ort zum Leben - mit einem großen Manko

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Kapellenberg

Einst lebten hier die wohlhabendsten Chemnitzer: Herbert Eugen Esche und andere Fabrikanten ließen sich im Stollberger Viertel, wie der Stadtteil damals hieß, Anfang des 20. Jahrhunderts repräsentative Villen errichten. Und auch 50 Jahre später, nachdem etliche Neubaublöcke entstanden waren, sei es ein sehr angenehmes Wohngebiet gewesen, erinnert sich Jürgen Ulrich.

Der heute 74-jährige gelernte Hauer arbeitete damals beim Bergbauunternehmen Wismut und konnte mit seiner Familie 1969 auf den Kapellenberg ziehen. "Wir hatten mit unseren drei Kindern eine wunderbare Vier-Raum-Wohnung, Kindertagesstätten, Schulen und mehrere Kaufhallen in der Nähe, den Stadtpark vor der Tür", erinnert er sich und vergleicht mit heute: Der Stadtpark lockt immer noch zu Spaziergängen im Grünen, die Valentina-Tereschkowa-Schule ist jetzt Grundschule und die frühere Maxim-Gorki-Oberschule Domizil des Chemnitzer Schulmodells. Auch Kitas gibt es neben neuen Seniorenpflegeheimen nach wie vor in dem Stadtteil, der vom Durchschnittsalter seiner Bewohner her der zweitälteste von Chemnitz ist.

Doch gerade jetzt, da viele Kapellenberger nicht mehr so gut zu Fuß sind und kaum noch Auto fahren können, haben sich die Einkaufsmöglichkeiten deutlich verschlechtert. 2014 schloss der Edeka-Markt an der Parkstraße, Anfang 2016 der Getränkemarkt an der Goethestraße und auch der frühere Penny-Markt an der Neefestraße stand ein Jahr lang leer. Inzwischen gibt es dort zwar einen neuen Markt mit verkürzten Öffnungszeiten, aber der Weg ist vielen Bewohnern des Gebietes am Goetheplatz zu weit. "Sie müssten ja mit vollen Einkaufsbeuteln bergauf laufen", erklärt Jürgen Ulrich. Für viele bleibe daher nur die Fahrt mit der Straßenbahnlinie 4. die zum Glück auf der Stollberger Straße hält, zur Kappel-Kaufhalle an der Irkutsker Straße. Doch mit den alten, nicht barrierefreien Tatra-Bahnen ist selbst das beschwerlich. "Viele freuen sich auf die neuen Skoda-Bahnen", sagt Ulrich.

Er ist der Sprecher der Bürgerinitiative Kapellenberg, die sich 2014 gegründet hatte, um die Schließung des Edeka-Marktes an der Parkstraße zu verhindern. Seit das misslang, setzen sich die Mitglieder für eine neue Einkaufsmöglichkeit am Goetheplatz ein. Einen Teilerfolg errangen sie im Juli 2018, als neben einem Neubau mit Eigentumswohnungen an der Stollberger Straße/Ecke Parkstraße eine neue Filiale der Bäckerei Voigt mit Café eröffnet wurde. Wegen eines neuen Marktes steht die Bürgerinitiative in Kontakt zum Baudezernat der Stadt und bemüht sich derzeit um ein Gespräch mit der Konsumgenossenschaft Leipzig. "Wir hoffen, dass es uns gelingt, ein Modell im Sinne der Anwohner zu finden", erklärt Ulrich.

"Der Mensch braucht eine Begegnungsstätte, wo er seine Nachbarn trifft. Das muss keine Riesen-Kaufhalle sein", sagt Manfred Schramm, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative. Der jetzt 76-jährige Pastor im Ruhestand ist 2008 aus Frankfurt (Oder) zu seinen Kindern auf den Kapellenberg gezogen. Auch ihm gefallen das Umfeld mit viel Grün und die Nähe zum Zentrum. Außerdem empfinde er die Evangelisch-Freikirchliche Brüdergemeinde am Goetheplatz als Bereicherung für das religiöse Leben in Chemnitz.


Das ist Kapellenberg

Der heutige Stadtteil Kapellenberg entstand erst 1992/93 in Umsetzung eines Stadtratsbeschlusses zur Neugliederung der Stadtteile. Er ist nach der gleichnamigen, 331 Meter hohen Erhebung benannt. Früher trug das Gebiet den Namen Stollberger Viertel. Im heutigen Kapellenberg leben auf 1,14 Quadratkilometer Fläche konstant etwa 5300 Einwohner, deren Durchschnittsalter mit rund 57 Jahren nach dem Yorckgebiet das zweithöchste in Chemnitz ist. (mib)

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