Eine Berlinerin und ihr neues Leben in Chemnitz

Rund 4200 Menschen sind voriges Jahr für die Arbeit oder die Ausbildung in die Stadt gezogen. Eine 39-Jährige schwärmt von ihrer neuen Heimat und nennt nur einen Makel. Sind auch Sie neu in Chemnitz? Die "Freie Presse" ist gespannt auf Ihre Geschichte.

Chemnitz.

Chemnitz statt Berlin, Teilzeit statt Vollzeit, mehr Zeit und Ruhe statt Stress und Hektik: Innerhalb eines Vierteljahres hat Sandra Hübner ihr Leben komplett geändert. "Im Juni 2019 habe ich einen Neuanfang beschlossen", erzählt die 39-Jährige. Damals arbeitete sie als Kita-Erzieherin bei einem freien Träger. Ihre Tochter, mit der sie zusammen in Berlin-Marzahn lebte, begann eine Lehre und zog aus Berlin weg. Das sei der Startschuss für sie gewesen, noch einmal etwas Neues zu wagen, sagt die gebürtige Mecklenburgerin.

Im Internet machte sie sich auf die Suche nach einer Stelle. "Ich habe 'Jobsuche Erzieher' eingegeben und bekam Angebote aus München und Chemnitz", sagt Sandra Hübner. Dass sie sich letztlich gegen die bayerische Landeshauptstadt entschied, hat nicht nur mit den hohen Mieten dort zu tun. Sie habe im Internet weiter nach freien Stellen gesucht und immer wieder tauchte die Stadtverwaltung Chemnitz auf, erzählt die Ex-Berlinerin. "Viermal ploppte die Anzeige auf, da hat es klick gemacht", sagt Sandra Hübner. Sofort habe sie die Bewerbung geschrieben. "Sehr zeitnah" kam ein Angebot aus Chemnitz. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Im Juli kam sie zum Vorstellungsgespräch in die Stadt, unterschrieb Ende des Monats den Arbeitsvertrag. "Am 29. September bin ich nach Chemnitz gezogen, Anfang Oktober war mein erster Arbeitstag." Seitdem arbeitet sie in der Kita an der Moritzstraße. Schnell sei ihr aufgefallen, wie familienorientiert die Chemnitzer seien. Die Kinder würden gefördert, die familiären Strukturen seien sehr stark, sagt sie.

Sandra Hübner ist eine von 4238 Frauen und Männern zwischen 21 und 59 Jahren, die voriges Jahr nach Chemnitz gezogen sind; Flüchtlinge sind herausgerechnet. 2018 waren es annähernd ebenso viele, die sich in dieser Altersgruppe die Stadt als Lebensmittelpunkt aussuchten. 2009 - vor zehn Jahren - lag die Zahl der Neu-Chemnitzer viel höher. Damals kamen 5113 Menschen zwischen 21 und 59 Jahren in die Stadt.

Bei Familie und Bekannten traf ihre Entscheidung, den Kiez in der Weltmetropole gegen die unbekannte Stadt im Südosten zu verlassen, nicht nur auf Zustimmung. "Meiner Tochter ist es hier zu ruhig", sagt die Mutter. Ihr Hausarzt habe extremer reagiert. "Was? Du willst in die Hochburg der Braunen ziehen?", habe er entsetzt gefragt, erzählt die Erzieherin. Für sie ist es ein Vorurteil, das in Chemnitz überwiegend Rechte leben, sagt Sandra Hübner. Denn sie erlebe die Stadt komplett anders: "offen und modern".

Nachdem sie sich mehrere Wohnungen angeschaut hatte, zog sie in einen fünfgeschossigen Neubau in Kappel. "Der Wohnungsmarkt in Chemnitz ist wirklich sehr groß." Das habe sie so nicht erwartet. "Ich war erstaunt, wie modern und günstig die Wohnungen hier sind." In der Hauptstadt seien viele Unterkünfte noch unsaniert. Die Menschen hier seien freundlich, die Nachbarn kümmerten sich umeinander. Als sie eingezogen sei, habe jeder mal eine Kiste mit nach oben genommen, sagt sie. In ihrer Wohnung besuchen sie Freunde und Familie aus Berlin. Es sei mittlerweile sogar etwas kompliziert, die Besuche zu koordinieren, denn die Stadt komme gut an bei ihren Freunden, sagt Hübner.

Die Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf 35 Wochenstunden kommt ihr dabei entgegen. Sie habe als Erzieherin fünf Jahre voll gearbeitet. Nun wollte sie weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben. "Ich bin ein künstlerischer Mensch, male und schreibe." An Chemnitz gefallen ihr die kurzen Wege, die Entspanntheit und Ruhe. Kürzlich habe sie Burg Rabenstein besucht und ist begeistert, dass es dort ein Mittelalterfestival gibt. Auch die Möglichkeiten zum Klettern in der Stadt findet sie toll. Einer Freundin sei die Architektur aufgefallen. "Altes und Neues nebeneinander. Das hat ihr gefallen." Es sei generell die kulturelle Vielseitigkeit, die Chemnitz auszeichne. "In dieser Stadt steckt so viel Kreativität. So viel Farbe und buntes Licht", sagt Sandra Hübner. Nur eines benötige Chemnitz. "Das alles hier muss viel bekannter gemacht werden."

Nach vier Monaten ist Sandra Hübner in der ihr vorher fremden Stadt angekommen. "Ich habe hier niemanden gekannt", sagt sie. Doch sie habe neue Freunde und somit Anschluss gefunden. "Ich vermisse nichts."

Neu in Chemnitz Sind Sie kürzlich in die Stadt gezogen? Oder kennen Sie jemanden, der in jüngerer Zeit nach Chemnitz gekommen ist? Die "Freie Presse" ist gespannt auf Ihre Geschichte. Bitte melden Sie sich per E-Mail an red.chemnitz@freiepresse.de.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    0
    gelöschter Nutzer
    01.02.2020

    Die Stadt ist tatsächlich "weltoffen und liebenswert" für alle die sich auch. "weltoffen und liebenswert" benehmen.

  • 3
    4
    Lesemuffel
    01.02.2020

    Immerhin habe ich mit meinem Thread 8 Rote Daumen getroffen, die sich ärgern, dass Ihre Stadt "weltoffen und liebenswert" "" "ist.

  • 5
    4
    gelöschter Nutzer
    01.02.2020

    Das es den Chemnitzern keinesfalls an selbstbewussten mangelt hat man 2018 gesehen als über 16000 Menschen auf der Straße waren.

  • 22
    1
    Klemmi
    31.01.2020

    Ein schöner Artikel. Das es den Chemnitzern am Selbstbewusstsein mangelt, ist kein Geheimnis mehr. Mich wundert es auch nicht, war die Stadt doch immer wieder Zielscheibe reißerischer Schlagzeiten wie "Aschenputtel des Ostens", "Grauen eines jeden Investors" oder billige TV-Komik à la Wochenshow mit "Captain Chemnitz". Zuletzt standen oder stehen die Chemnitzer stellvertretend, auch für Nazis die aus Berlin, Bayern oder NRW kamen und wieder gangen, am Pranger. Ohne die eigene Neonaziszene zu vertuschen. Schade, dass man bei der Forderung nach Differenzierung selbst in Pauschalisierungen schlittert- um den Hausarzt zu erwähnen. Was Chemnitz zuviel an Selbstkritik hat, haben die beiden größeren Schwestern zuwenig. Auch dort gibt es Dreckecken und Probleme, welche Stadt ist perfekt? Auch möchte ich es gern nochmal erwähnen: Die Chemnitzer haben Kampfgeist und Willen, nur verkaufen sie es nicht großspurig. Die Chemnitzer haben den Erhalt des Viadukts durchgebracht, in Leipzig war es für die Bahn selbstverständlich ein historisches Brückenbauwerk denkmalgerecht zu ertüchtigen. Ohne die Chemnitzer, wäre die Bahnstrecke nach Leipzig im Bundesverkehrswegeplan weiterhin von sekundärer Bedeutung. Als Fazit kann ich Frau Hübner nur über das Statement zu meiner Heimatstadt danken und ihnen alles Gute und viele schöne Momente hier wünschen.

  • 7
    19
    Interessierte
    31.01.2020

    Wenn man neu ist in Chemnitz , findet man in der Stadt sicherlich einige Ecken , die schön sind , und auch das Schloßteichgelände ist dann schon mal schön , wenn man nicht ganz genau hinguckt und man auch nicht weiß , was alles mal war ….
    Aber wenn man seit Jahrzehnten um diesen Schloßteich läuft und beobachtet , wie die ehemals ´blühenden´ Landschaften vernichtet werden , dann findet man das gar nicht so schön …
    Was neu ist , sind die Sitzgelegenheiten wie hier und vorne an der Ecke Krankenkasse , das sit doch schon mal schön ...

    Auch unsere Stadt war mal schön mit vielen ´blühenden` Landschaften und Staudenanlagen , und auch viel Kunst und Skulpturen , was und welche zwischenzeitlich abhanden gekommen sind …
    Und sauber war sie vor allem auch ; und man dachte , mit dem goldenen und glänzenden Westen wird es noch sauberer , aber umgekehrt ist es der Fall …
    Nach der Wende wurden die Säulen und Gebäude mit Plakaten beklebt und bunt und mit Schriften beschmiert , das gab es vor der Wende nicht ..
    Und neuerlich wird sogar in die Ecken und Pfeiler und Durchgänge uriniert , das ist gar nicht so schön , aber das hat sie sicherlich ´alles` noch nicht so richtig bemerkt …
    Aber es ist schon mal gut , das wir Chemnitzer freundlich und gar nicht Rechts sind , wo doch die Rechten aus allen Bundesländern mobilisiert werden , nach Chemnitz zu kommen und anschließend wieder dahin gehen , wo sie hergekommen sind - und dann dort in Erscheinung treten …

  • 12
    16
    gelöschter Nutzer
    31.01.2020

    Besonders nachdem viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer nach dem Stadtfestmord Gesicht gezeigt haben hat Chemnitz enorm an Ansehen gewonnen in der Welt.

  • 33
    3
    701726
    31.01.2020

    Unsere Heimatstadt ist liebenswert und dazu kann auch jeder Chemnitzer beitragen.
    Der Wohnungsmarkt bietet große Auswahl an Wohnungen an der Nahverkehr stimmt ( mit kleinen Verbesserungen) Chemnitz hat ein tolles kulturelles Angebot
    und wenn die Schmierfinken stärker bekämft und bestraft würden hätten wir eine noch saubere Stadt. Ausflugsmöglichkeiten toll und Sport Schwimmen und Sauna auch möglich.
    Was ich mir wünschen würde, wenn die Regierung und die Medien auf Chemnitz rumtrampeln, das mal laut auf den Tisch gehauen wird. ( wie man im Volksmund sagt)

  • 43
    3
    CPärchen
    31.01.2020

    Herzlich willkommen :)

    Es klingt so schizophren. Wir Chemnitzer selbst meckern und meckern. Auswärtige dagegen finden viel Lob für die Stadt. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein würde uns sicher gut tun.

    Und es zeigt sich wieder mal: Suchmaschinenoptimierung macht Sinn.

  • 42
    8
    Lesemuffel
    31.01.2020

    Mal etwas Freundliches über unsere freundliche, liebenswerte Stadt. So hätte ich mich auch äußern können. Ich schicke diese Artikel gleich an meine westdeutschen Verwandten, die das verzerrte Bild von der Stadt aus BILD - Zeitung, und anderen Gazetten oder Monitor "verinnerlichen". Es muss allerdings den Chemnitzern wehtun, die ihre Stadt auch gern verunglimpfen, wenn Frau Hübner keine "Hochburg der Braunen", sondern eine "offene und moderne" Stadt erlebt.