Eine kostenlose Rikscha-Fahrt, die zum Umdenken anregen soll

Vom Bahnhof in die Innenstadt konnten sich Chemnitzer und Besucher der Stadt kutschieren lassen. Wer strampelt sich da ab? Und wie kam das an?

Rund 56 Prozent aller Wege legt der Chemnitzer mit dem Auto zurück. Das geht aus einer Mobilitätsumfrage von 2013 hervor; neuere Ergebnisse werden für Ende 2019 erwartet. Selbst wenn der zu erledigende Weg kürzer als ein Kilometer ist, wird er demnach in fast einem Fünftel der Fälle noch mit einem Auto erledigt. Vom Hauptbahnhof bis zur Zentralhaltestelle ist es rund ein Kilometer zu Fuß. Ein kurzer Weg, für den der eine oder andere bestimmt dennoch das Auto oder ein Taxi nehme, vermutet Gundula Dobrig.

Am Mittwochmorgen baute die Projektleiterin der Chemnitzer Waldorfschule gemeinsam mit Schüler Mario Wallenhorst einen Stand auf dem Bahnhofsvorplatz auf. Ihr Angebot: eine kostenlose Fahrt mit der Rikscha in die Innenstadt. Eine Idee, die die Schülerfirma Pamoja (Miteinander) entwickelt hat. Die Schüler sammeln mithilfe verschiedener Projekte Geld, das sie für eine Partnerschule in Nairobi spenden. Für die Rikscha-Fahrt, die im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche angeboten wurde, gab es eine Aufwandsentschädigung von der Stadt.

Das allein sei es aber nicht, was sie antreibe, sagte Dobrig. "Der ,Fridays-for-Future'-Gedanke spielt eine große Rolle. Wir wollen den Leuten zeigen, dass es umweltfreundliche Wege gibt, sich fortzubewegen." Wallenhorst ergänzte: "Man kann nicht komplett auf das Auto verzichten. Aber man sollte die Leute motivieren, auch mal das Rad zu nutzen. Da muss aber auch die Stadt mitziehen", meinte er in Bezug auf Radwege. Er wohne im Erzgebirge, pendele mit der Bahn in die Stadt und fahre viel Rad, berichtete der 18-Jährige.

Im vergangenen Jahr hatten er und seine Mitstreiter die Rikscha-Fahrt schon einmal angeboten und ihre Gäste vom Radfahren überzeugen wollen. "Einige haben gesagt: ,Viel zu umständlich.' Oder gefragt: ,Warum soll ich auf meinen Komfort verzichten?' Andere meinten aber auch, es fehle an durchgehenden Radwegen", erinnerte sich Wallenhorst. Rund 60 Personen habe er damals kutschiert, berichtete der Schüler. So viele wurden es am Mittwoch nicht. Bei kühlen Temperaturen und Nieselregen hatten er und Dobrig am Vormittag kaum Glück, Interessenten für die zwei Plätze in der modernen Rikscha mit E-Motor zu finden. Ein älteres Paar verwies auf sein Auto, mit dem es unterwegs sei. Eine Frau fand die Idee toll, sagte, es sei aber nichts für sie. Ein Taxifahrer informierte sich am Stand, las, dass das Angebot kostenlos war und murmelte: "Das ist der Fehler."

Schließlich fand sich doch noch ein Fahrgast: Chipo Mugova aus Simbabwe wollte zum Omnibusbahnhof und freute sich über die Rikscha-Fahrt. "Das habe ich noch nie gemacht. Ansonsten wäre ich gelaufen", sagte sie beim Einsteigen. Wallenhorst fuhr sie über die Carolastraße dorthin, zeigte ihr unterwegs das Opernhaus. Wieder zurück am Bahnhof nahm er einen Palästinenser, der etwas Zeit am Bahnhof zu überbrücken hatte, auf eine kleine Stadtrundfahrt mit. Der Mann machte Selfies und hob den Daumen beim Aussteigen.

Bis zum Nachmittag war Wallenhorst etwa 15-mal unterwegs, deutlich seltener als vor einem Jahr. Enttäuscht sei sie nicht, sagte Projektleiterin Dobrig: "Wir wussten ja, dass die Chemnitzer schwer zu knacken sind." Die, die sich für das Angebot interessierten, hätten die Idee gelobt und geraten, die Fahrt gegen Geld anzubieten: "Einige haben sich das für die Fahrt nach Hause nach einem Opernbesuch gewünscht."


Radtour und Bewegungsangebot für Familien - was die Mobilitätswoche noch bietet

Mobi-Tag: Am Freitag zwischen 7.30 und 16 Uhr wird die Henriettenstraße vor dem Andrégymnasium umgenutzt. Statt Autoverkehr gibt es Stationen mit Sportangeboten und Infostände von Vereinen, sozialen Trägern und das Projekt Fahrradkino. Um 11 Uhr können Bürger mit Schülern und Verkehrsplanern der Stadtverwaltung diskutieren.

Radtour: Der ADFC lädt am Sonntag, 9 Uhr, zu einer gemeinsamen Radtour ein. Über Ziel und Länge einigen sich die Teilnehmer vor Ort. Treff ist am Johannisplatz.

Spaziergang: Zwei Vereine bieten am Sonntag, 14 Uhr, einen Spaziergang über den Sonnenberg an, bei dem über umweltfreundliche Mobilitäts-Modelle informiert und über ihre Vor- und Nachteile diskutiert wird. Treffpunkt ist der Alberti-Park.

Familien in Bewegung: In einem Abenteuerlabyrinth können Kinder am Sonntag ab 14 Uhr im Küchwald Punkte sammeln und gegen eine Fahrt mit der Parkeisenbahn eintauschen. (lumm)

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