Einzelhandel in und um Burgstädt: Es geht um die Wurst

In Mühlau fehlt ein Supermarkt, in Burgstädt gibt es zu viele, sagen Experten. Das Ungleichgewicht sorgt für Ärger.

Mühlau/Burgstädt/Lichtenau.

Seit 2004 ist die Thüringer Rostbratwurst europaweit eine geschützte Marke. Nur in Thüringen produzierte Bratwurst darf sich so nennen. Darüber wacht ein Herkunftsverband.

Das Rezept ist geheim. Doch generell besteht die Wurst aus Schweinefleisch mit einem hohem Muskelfleischanteil. Der Fettgehalt darf maximal 25 Prozent betragen. Sie muss ein Gewicht zwischen 100 und 150 Gramm haben und im Naturdarm abgefüllt sein. Sie darf gebrüht und ungebrüht angeboten werden. Die Gewürzzugabe ist nicht festgelegt, sondern variiert regional unterschiedlich. Salz und Pfeffer gehören überall dazu. Aber Knoblauch, Kümmel und Majoran wird von Suhl bis zum Eichsfeld unterschiedlich beigemengt. Zur Traditionspflege hat sich ein Verein "Freunde der Thüringer Bratwurst" gegründet. Jetzt gibt es sogar in Mühlau eine Außenstelle. Dort verkauft Bernd Hübner in der ehemaligen Fleischerei die Spezialität.


Hübner stammt aus einer Fleischerei-Familie. Im 19. Jahrhundert hatten seine Vorfahren an der Unteren Hauptstraße das Haus mit Fleischerei und Schlachthaus gebaut. Bis 1958 war das Geschäft in privater Hand. Dann übernahm die Handelsorganisation (HO). Nach der Wende versuchten private Fleischereien dort bis 2010 einen Verkauf. Seitdem steht der Laden leer. Nach der Lehre in Chemnitz hatte sich Hübner zum Diplomingenieur qualifiziert und übernahm im Konsum-Fleischkombinat leitende Funktionen. Nach der Wende blieb er der Branche treu und leitete eine Landfleischerei in Thüringen mit 85 Beschäftigten. "Dort wurde die Liebe zur Thüringer Bratwurst entfacht", sagt der 64-Jährige. Hübner trat 2007 in den Verein ein, der heute etwa 250 Mitglieder hat. "Weltweit", ergänzt er. So auch in Japan, den USA und in China.

Weil es keinen Fleischer mehr in Mühlau gab, hatte Hübner die Idee mit dem Wurstverkauf. Als er voriges Jahr in Ruhestand ging, meldete er das Gewerbe an. Je nach Bestellung ordert er im Monat etwa 350 bis 450 Bratwürste. Die Bäckerei im Nachbargebäude bietet seinen Service mit an. Außerdem kommt drei- bis viermal pro Jahr ein Direktvermarkter aus Niederfrohna.

Mit diesem Angebot trifft der Rentner den Nerv der Mühlauer. In der Fragebogenaktion der "Freien Presse" wird der Mangel an Einzelhandelsgeschäften mehrfach angesprochen. "Außer drei Bäckern gibt es hier nichts", sagt Inge Kühn aus Mühlau. Die 80-Jährige müsse stets in Nachbarorte, um Lebensmittel zu kaufen. Selbst die Industrie- und Handelskammer (IHK) bescheinigt Mühlau ein Defizit bei der Nahversorgung - rein quantitativ, sagt Vize-Geschäftsführer Bert Rothe. Mit 0,05 Quadratmetern je Einwohner Verkaufsfläche für Lebensmittel könne man nicht von gesicherter Nahversorgung sprechen.

In Burgstädt ist der Versorgungsgrad mit 0,71 indes besonders hoch und beträgt fast das Doppelte des Bundesdurchschnitts von 0,4 Quadratmetern je Einwohner. Selbst Burgstädter kritisieren die Überversorgung: "Auf engstem Raum haben wir mehrere Discounter", sagt Sylvio Rau. Jetzt werde sogar ein neuer Supermarkt gebaut. Das Ungleichgewicht sei nicht gut, fügt er hinzu. Kleinere Orte hätten das Nachsehen.

Gut ist laut IHK auch die Nahversorgung in Hartmannsdorf und Claußnitz (beide 0,46). Abstriche sind in Taura (0,38) und Lichtenau (0,31) zu machen. So vermissen vor allem die Einwohner von Köthensdorf Fleischer, Bäcker und Einzelhandel. Auch in den Lichtenauer Ortsteilen Garnsdorf, Auerswalde, Ottendorf und Oberlichteau wird Bedarf angemeldet.

Die Handwerkskammer Chemnitz beobachtet einen Trend in Mittelsachsen: Es gibt immer weniger Fleischer und Bäcker, aber insgesamt steigende Umsätze, sagt Sprecher Robert Schimke. Waren es 1990 104 Fleischer in Mittelsachsen, so sind es heute noch 70. Bei Bäckern sank die Zahl der Betriebe im gleichen Zeitraum von 131 auf 90.

Aber IHK-Vizechef Rothe gibt zu bedenken, dass das Betreiben von Lebensmittelmärkten in kleinen Gemeinden oder Ortsteilen betriebswirtschaftlich sehr schwierig sei. Zudem verweist er darauf, dass die Kommunen in der Ansiedlungspolitik Fehler gemacht haben und noch machen. An falscher Stelle - autokundenorientiert, auf der grünen Wiese, abseits von Wohngebieten - seien Standorte genehmigt worden. "Über die Existenz von Grundversorgern entscheiden letztendlich die Einwohner mit ihrem Kaufverhalten", erläutert Rothe. Wer die Angebote im eigenen Ort nur nutze, wenn beim Großeinkauf an anderer Stelle eine Kleinigkeit vergessen wurde, sei mitverantwortlich, wenn der örtliche Händler wegen fehlender wirtschaftlicher Tragfähigkeit schließen müsse, fügt er hinzu.

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