Endlich wieder die Freunde sehen

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Alle Kinder dürfen wieder Kitas und Grundschulen besuchen. Die Stimmung bei Eltern, Erziehern und Lehrern schwankte am ersten Tag zwischen Freude und Sorgen.

Um Punkt sechs Uhr am Montagmorgen ist es soweit: Zum ersten Mal seit neun Wochen darf die Kita "Glückskäfer" im Wohngebiet Fritz Heckert wieder für alle Kinder öffnen. Nach und nach trudeln die Schützlinge mit ihren Eltern ein, schälen sich aus ihren Winteranzügen und entern die Spielzimmer. Manchen fällt der Abschied am ersten Tag noch schwer, andere können es kaum erwarten, endlich ihre Freunde wiederzusehen.

"Zuhause war es ziemlich langweilig", berichtet ein Junge, der mit seinen fünf Jahren zu den erfahrenen Kita-Gängern gehört. "Meine Eltern mussten unter der Woche arbeiten und hatten dann weniger Zeit zum Spielen." Nun sitzt er wieder bei seinen Freunden, obstknabbernd planen sie ihren ersten gemeinsamen Tag nach der Corona-Pause. Eine Garage aus Holzklötzen könnten sie bauen, schlägt einer der Jungs vor - wird aber schnell überstimmt: Im Garten lockt eine zentimeterdicke Schneedecke.

Auch bei den Eltern herrscht große Freude über die Öffnung. "Die Kita-freie Zeit war für unsere Kinder sehr schwer", sagt Sadeq Jaafar. "Ihre Freunde durften sie die ganze Zeit nicht sehen." Sie habe durchaus Bedenken gehabt, gibt Katja Nerenz zu. "Die Infektionsgefahr beschäftigt mich." Ihr dreijähriges Kind hat sie trotzdem in die Kita gebracht. "Meine Tochter hat jeden Tag gefragt, wann sie zurück zu ihren Freundinnen darf", so die Mutter.

Kita-Leiterin Ina Friedel kann die Sorgen der Eltern gut verstehen. Am Ende habe bei den meisten aber die Freude überwogen. "Nach der Entscheidung vergangene Woche haben mich viele Eltern angerufen, die ihr Glück kaum fassen konnten", erzählt die Sozialpädagogin. Am Montag sei dann alles nach Plan verlaufen: 141 Kinder konnte Friedel begrüßen, das entspricht nahezu der Vollauslastung. Wie schon im Frühjahr werden die Kinder in mehreren Gruppen betreut, die sich untereinander nicht begegnen.

"Von einer 40-prozentigen Auslastung in der Notbetreuung sind wir hoch auf nahezu 100 Prozent", sagt Katja Keller, die als Fachberaterin der Kindervereinigung Chemnitz für die Kita "Glückskäfer" verantwortlich ist. Zwar habe man auf Erfahrungswerte aus der ersten Öffnungswelle im Frühjahr zurückgreifen können. "Trotzdem ist es schwer für uns, alles zu planen, wenn die Verordnungen immer erst am Freitag vor der Öffnung kommen", so Keller.

Das kritisiert auch Kay Herrmann, Kita-Fachbereichsleiter für die Awo Chemnitz. "Die letzten Dokumente hatten wir erst am Samstag zusammen, weshalb wir die Eltern und Mitarbeiter leider erst sehr kurzfristig informieren konnten." Eine ebenfalls kurzfristige Änderung begrüßt der Awo-Vertreter ausdrücklich: Am Freitag hatte die Stadt mitgeteilt, dass sie künftig jedem Erzieher zwei Antigen-Schnelltests pro Woche anbietet. "Das ist ein tolles Zeichen, über das wir uns sehr freuen", so Herrmann.

Auch bei den städtischen Kitas ist der erste Tag im eingeschränkten Regelbetrieb gut verlaufen. "Die Kinder sind alle wieder gut bei uns angekommen", sagt Tibor Patosch von der Kita Tschaikowskistraße 9. "Da hat sich meine Anspannung in Luft aufgelöst." Die positive Rückmeldung aus den Einrichtungen bestätigt Franziska Jahn vom Stadtelternrat Chemnitz. "Für die meisten Eltern lief die Öffnung problemlos ab", sagt die Vorsitzende. Nach Angaben der Stadt haben am Montag rund 11.200 Kinder eine Kita in Chemnitz besucht. Das liegt nahe an der Vollauslastung.

In den Grundschulen war der Andrang am ersten Öffnungstag ähnlich groß: Mehr als 95 Prozent aller 233 Schüler der Grundschule des Evangelischen Schulzentrums auf dem Sonnenberg saßen am Montagfrüh wieder in ihren Klassenzimmern. Zehn Kinder seien von ihren Eltern nicht in den Unterricht geschickt worden, sagte Geschäftsführer Stefan Meyer. "Das hat oft mit Unsicherheit zu tun. Diese Eltern wollen noch abwarten, wie sich die Fallzahlen entwickeln." Die Stimmung sei gut gewesen. "Schüler und Lehrer sind froh, wieder gemeinsam zu lernen." Schüler zuhause würden mit Kopien des Lernstoffs versorgt. In der Schule wird nicht nur in der Hofpause, die jede Klasse einzeln antritt, auf die Trennung der Gruppen geachtet. Auch beim Mittagessen und im Hort sei jede Klasse für sich unterwegs.

Das bestätigt Tilo Oeser, Leiter der Grundschule Borna. Nahezu alle Kinder kamen am Montag wieder in den Unterricht. "Wir freuen uns, dass sie wieder da sind." Sie betraten das Schulgebäude nach Klassen getrennt über den Haupteingang oder die Turnhalle. Nahezu alle Kinder werden auch wieder den Hort besuchen. Auch hier hat jede Gruppe eine Erzieherin. "Aber sobald eine ausfällt, bricht das System zusammen", warnt Oeser. Dass seine Kollegen und er nun wieder Kontakt zu rund 20 Haushalten pro Klasse haben, darüber sei er nicht gerade glücklich. Das Landesamt für Schule und Bildung verweist auf die Möglichkeit für Lehrer, sich einmal wöchentlich testen zu lassen. Seit Anfang Januar sei das mit Schnelltests möglich.

Ute Kleinert, Leiterin der Grundschule Grüna, will sich im Lehrerkollegium umhören, wer sich testen lassen möchte und danach eine Testung organisieren. Auch in der Schule am Stadtrand waren am Montag nahezu alle Schüler anwesend. "Überwiegend alle waren gut drauf", so Kleinert. Nun gehe es zunächst darum, herauszufinden, wie der Wissensstand bei den Kindern sei.

Unter den Eltern herrsche grundsätzlich eine gewisse Erleichterung, dass die Kinder wieder in die Schule gehen können, sagt Thomas Brewig, Vorsitzender des Kreiselternrates. "Aber die Angst schwingt mit, dass es nicht dauerhaft ist und es wieder in den Lockdown geht."

Brewig kritisiert, dass zu wenig getestet wird. "Man hätte Lehrern und Schülern flächendeckend Tests anbieten müssen." Knackpunkt für ihn sei die Hortbetreuung. "Dort sind die Klassen wegen des Personalmangels häufig gemischt." Das System getrennter Gruppen im Unterricht sei sinnlos, wenn sich die Kinder nachmittags begegneten. Das Rathaus erklärt auf Anfrage, dass die Klassenzusammensetzung im Unterricht auch bei der Betreuung im Hort gilt. Dort, wo das nicht möglich sei, müssten auch im Hort feste Gruppen gebildet werden. Diese würden jedoch neu zusammengesetzt.

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