Geboren im Jahr der Wende

Mauerfall 89: Die einstige Bobsportlerin und heutige Polizistin Miriam Wagner gehört zu der ersten Generation, die von der deutsch-deutschen Teilung nicht mehr selbst betroffen war. Hat das Thema ihr Leben dennoch geprägt?

In der DDR, sagt Miriam Wagner, wäre es in ihrem Beruf wahrscheinlich viel einfacher gewesen. "Die Leute hatten mehr Respekt vor der Polizei, die Lage ist weniger eskaliert. So gesehen könnte man sich das schon vorstellen." Sie macht eine Pause, überlegt eine Weile. "Aber mit dem Wissen von heute ein System zu vertreten, mit dem man sich nicht identifizieren kann ... Nein. Mit dem Wissen von heute muss ich sagen: da würde ich nicht als Polizistin arbeiten wollen."

Seit August ist Miriam Wagner 30 Jahre alt. Sie wurde im August 1989 geboren - und gehört damit, wenn man das so sagen mag, zur Generation Mauerfall. Den jungen Menschen also, die einerseits die deutsche Teilung nur noch vom Hörensagen kennen. Die andererseits kurz danach aufgewachsen sind. Einer Zeit, die geprägt war von den mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung erkämpften Freiheiten ebenso wie von der Deindustrialisierung ganzer Landstriche. Was bei vielen Menschen für Unsicherheit sorgte, für Langzeitarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. "So", hieß es oft, "habe ich mir die Wiedervereinigung aber nicht vorgestellt."

Auch Miriam Wagners Kindheit blieb von dem Thema nicht unberührt. "Die Kleinstadt Gößnitz, aus der ich komme, war verkehrsgünstig gelegen", erzählt sie. "Es gab dort also einen großen Bahnhof und entsprechend viel Industrie. Meine Eltern haben in der DDR gut verdient. Nach der Wiedervereinigung aber wurden die Werke erst aufgekauft und dann geschlossen. Wir waren drei Kinder, meine Mutter also nicht flexibel. Dann sieht es schlecht aus mit Arbeit."

So blieb die Mutter zu Hause, kümmerte sich um Miriam und ihre Geschwister. "Es war auf einmal viel da, gab viele Angebote, aber kein Geld", weiß Miriam Wagner über diese Zeit. "Ich als Kind habe das aber nicht gemerkt. Ob jemand Markenklamotten hatte oder nicht, spielte ja damals noch nicht die große Rolle wie heute." Miriam erwies sich als so sportlich wie ihre Mutter und ihre Geschwister, 2004 kam sie aufs Sportgymnasium in Chemnitz. Erste Erfolge stellten sich ein, in ihrer Jugend errang sie Deutsche Meistertitel im Mehrkampf oder Dreisprung. Doch für die große Leichtathletikkarriere erwies sie sich als etwas zu muskulös, und als der Wintersport Nachwuchs suchte, sattelte sie um. Sie weiß noch, wie sie das erste Mal die Bobbahn in Altenburg hinunterraste. Zunächst als Bremserin, nach einiger Zeit wurde sie Pilotin. "So viel Adrenalin und Schiss gleichzeitig, das gibt es sonst nirgendwo."

Doch je mehr Routine sich einstellt, umso mehr kann man eine Fahrt auch mal genießen. Und so schlug sie quasi zwei Fliegen mit einer Klappe, als sie in die Sportfördergruppe der Polizei aufgenommen wurde. "Es war schon immer mein Wunsch", sagt sie. "Es hätte nichts anderes für mich gegeben." Wieso? "Da gibt es verschiedene Aspekte. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Der ist sehr hoch veranlagt. Dann helfe ich gern Menschen. Aber ich möchte gern Recht durchsetzen."

Heute als Streifenpolizistin im Südwesten von Chemnitz. Dort, sagt sie, ist die Lage ruhig. Selbst die Ereignisse vom August 2018 wirkten sich auf ihre Arbeit nicht aus, versichert sie. Ihren Job macht sie gern. "Weil ich mich mit dem jetzigen System identifizieren kann. Es ist menschlicher, freier, gibt heute jedem die Möglichkeit, sich zu entfalten und etwas aus sich zu machen. Das finde ich gut: Die Freiheit, der zu sein, der man ist - und sein will."

Wie lesenswert finden Sie diesen Artikel? Ø 3.3 Sterne bei 4 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...