Geschützter Jugendstilbau steht neuer Straßenbahn im Weg

Auf den Plänen für die neue Oberschule ist das markante Haus bereits verschwunden. Nur die Mieter wissen von nichts.

Als die Stadtverwaltung kürzlich den Siegerentwurf für die geplante Oberschule an der Hartmannstraße präsentierte, staunte mancher nicht schlecht. Nicht nur der Architektur wegen, sondern auch angesichts der Umgebungspläne, auf denen der Neubau verzeichnet war. Auf denen nämlich fehlt ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft: das mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshaus Hartmannstraße 17, vis-à-vis der Handwerkerschule. Der fünfgeschossige Jugendstilbau - zwischen Veranstaltungszentrum Luxor und Kaßbergstraße das einzige Gebäude überhaupt auf dieser Seite der Straße - steht unter Denkmalschutz. Sachverständige heben die markante Fassade mit zwei straßenbildprägenden Erkern und das gut sichtbare Ornamentband über den Fenstern im ersten Obergeschoss hervor.

"Der Denkmalschutz scheint eine immer geringere Rolle zu spielen", wundert sich Andreas Eckert, geschichtsinteressierter Chemnitzer. Viele Baudenkmale seien seit 1990 im Zuge des Stadtumbaus bereits verschwunden, bedauert der 60-Jährige. "Da wäre es doch schade, wenn man das Wenige, was vom alten Chemnitz noch vorhanden ist, jetzt auch noch opfert."

Doch genau das droht in diesem Fall. Das allerdings hat weniger etwas mit der geplanten neuen Oberschule zu tun, sondern mit dem ebenfalls beabsichtigten Bau einer Straßenbahnlinie in Richtung Leipziger Straße, Röhrs-dorf und Limbach- Oberfrohna. "Die Immobilie Hartmannstraße 17 liegt im ersten Bauabschnitt des Chemnitzer Modells Stufe 4", bestätigt eine Sprecherin des Rathauses. Ziel des für das Projekt zuständigen Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) und der Stadt Chemnitz sei es, die Planungsleistungen für den ersten Bauabschnitt noch dieses Jahr auszuschreiben. Anfang kommenden Jahres soll dann mit den konkreten Planungen begonnen werden, heißt es.

Damit würde dann auch das Aus für den Jugendstilbau näher rücken. "Auf Grundlage der Ergebnisse der Vorplanung sollen Ende 2019 erste Abstimmungen mit den Eigentümern geführt werden", so die Sprecherin. Eine abschließende Regelung werde im Rahmen des anschließenden Planfeststellungsverfahrens zu treffen sein.

Verunsicherung auch unter den Bewohnern. "Weder wir noch der Hauseigentümer wissen, wie es hier weitergehen wird", sagt ein junger Mann aus einer der oberen Etagen. Das Haus sei seines Wissens voll vermietet, der drohende Abriss ein Dauerthema unter den Nachbarn.

Seitens des Verkehrsverbundes heißt es, erst wenn feststehe, wo und wie genau die künftige Trasse verlaufe, könne beurteilt werden, ob der Abriss eines oder gar mehrerer Gebäude notwendig sein wird. "Sollten im Ergebnis des Planfeststellungsverfahrens Abrisse erforderlich sein, werden die jeweiligen Eigentümer selbstverständlich entschädigt", betont VMS-Sprecherin Jeanette Kiesinger.

Mit dem Bau der Straßenbahntrasse nach Röhrs-dorf und Limbach- Oberfrohna soll die nächste Ausbaustufe des Chemnitzer Modells in Angriff genommen werden. Es verbindet das städtische Straßenbahnnetz mit den Bahnstrecken im Umland. Mit der neuen Strecke würden erstmals auch Stadt-Umland-Bahnen in Richtung Nordwesten verkehren.

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1Kommentare
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  • 14
    4
    Hinterfragt
    24.07.2018

    Wird da im Rathaus mit zweierlei Maß gemessen oder gar gemauschelt ...?
    Als der Eigentümer eines Jugendstilbaus an der Zwickauer Straße einen freien Giebel mit Werbung versehen wollte pochte man auf die baudenkmal/-jugendstilspezifische Situation der Hausfassade und verwehrte die Gestaltung des Giebels, hier schert man sich einen Dreck darum, dass Jugendstil und Baudenkmal! Ein Schelm der dabei an ... denkt.



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