Hebammen fehlen - Eltern protestieren

In der Stadt gibt es kaum noch freiberufliche Geburtshelferinnen. Ein Verein macht auf die Situation aufmerksam. Zahlen sprechen eine klare Sprache.

Der fünfte Anruf brachte Anne Hermann* Glück: Die junge Chemnitzerin fand eine Hebamme. "Sobald feststand, dass meine Schwangerschaft stabil ist, habe ich nach einer Hebamme gesucht. Da war ich in der elften oder zwölften Woche", erinnert sie sich. Ihre Geburtshelferin unterstützt sie bei den Vorbereitungen auf die Entbindung und steht ihr danach zur Seite. Während der Niederkunft ist sie nicht dabei. Dafür hätte sich Anne Hermann in einem frühen Stadium ihrer Schwangerschaft auf ein Krankenhaus festlegen müssen, in dem sie eine Beleghebamme sucht, die an einer Klinik tätig ist. Doch so früh wollte sich die junge Frau nicht entscheiden. "Es ist sicher schwieriger, eine Beleghebamme zu finden", sagt sie. In dem Krankenhaus, in dem sie bald entbindet, gibt es fest angestellte Hebammen. "Doch ob mit der, die mir zugeteilt wird, die Chemie stimmt, ist ungewiss", so Anne Hermann.

Auf die komplizierte Situation werdender Mütter in der Stadt auf der Suche nach einer Hebamme machte gestern der Verein Erlebnis Geburt bei einer Kundgebung vor dem Rathaus am Internationalen Hebammentag aufmerksam. Immer weniger Menschen wollten den Beruf ergreifen, so der Verein, der das Geburtshaus auf dem Kaßberg betreibt. Überstunden, Überlastung am Arbeitsplatz und schlechte Bezahlung werden als Gründe genannt. Damit nehme man künftigen Eltern ihr Grundrecht auf die freie Wahl des Entbindungsortes, sagte Claudia Graf-Pfohl von der Elterninitiative des Vereins. Da kaum noch freiberufliche Hebammen in der Geburtshilfe in Chemnitz tätig seien, sei dieses gesetzlich verbriefte Recht faktisch ausgehebelt, so die zweifache Mutter.


In der Stadt bieten derzeit drei freiberufliche Hebammen Geburtshilfe an, sagt Anett Schmid. Sie sei die einzige Hebamme, die außerklinisch im Geburtshaus tätig ist und zudem Hausgeburten betreut. Zwar arbeite sie derzeit eine weitere Hebamme ein, aber noch dürfe diese nicht allein bei Entbindungen tätig werden, sagt sie und nennt mehrere Gründe für die geringe Attraktivität des Berufes. So sei der Bürokratieanteil gewachsen, für Dokumentationen werde viel Zeit benötigt. Hauptproblem seien hohe Prämien der Haftpflichtversicherung für Hebammen, die Entbindungen begleiten. Sie betragen derzeit rund 6800 Euro pro Jahr, am 1. Juli steigen sie erneut um 800 Euro. Zwar gibt es dafür einen finanziellen Ausgleich von den Krankenkassen, aber der trage nicht die gesamte Summe.

Sinkende Entbindungszahlen im Geburtshaus seien die Folge. "Zu dritt haben wir früher 80 bis 90 Geburten pro Jahr betreut", sagt Anett Schmid. Allein werde sie es 2017 maximal auf 20 bis 25 bringen. Wöchentlich müsse sie zwei bis drei Frauen auf der Suche nach einer Hebamme abweisen. Derzeit ist sie als einzige in der Geburtshilfe im Dauerrufdienst. Im Juli/August wird sie eine Pause einlegen, bis Dezember eingeschränkt arbeiten. Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Wichtig sei, das Frauen- und familienorientierte Zentrum im Geburtshaus für die Stadt zu erhalten. "Es macht keinen Spaß als Alleinkämpferin", sagt Schmid. Ihre nächsten Kolleginnen als Geburtshelferinnen arbeiteten in Annaberg und Dresden. Zudem gehe Wissen und Erfahrung verloren, wenn immer weniger Hebammen in der Entbindungshilfe arbeiteten.

Sie glaube nicht, dass jungen Chemnitzerinnen bewusst ist, wie schwierig die Lage der Hebammen in der Stadt sei, sagt Kristina Lüder, Vorsitzende des Kreisverbandes Chemnitz des Deutschen Hebammenverbandes. Neben der hohen Versicherungsprämie und der wenigen Hebammen weist sie auf die hohe Arbeitsbelastung der angestellten Kolleginnen in den Krankenhäusern hin: "Es besteht die Gefahr, dass Frauen während der Geburt nicht mehr individuell betreut werden können."

An der medizinischen Berufsfachschule des Klinikums Chemnitz erlernen derzeit 19 Auszubildende den Beruf der Hebamme. Neun von ihnen sind am Klinikum angestellt, die anderen an zehn weiteren Krankenhäusern. Alle drei Jahre beginnt ein Jahrgang seine Ausbildung. Für die zehn Lehrstellen am Klinikum gab es vergangenes Jahr 150 Bewerber, 2013 waren es etwa 200, 2010 rund 300 Bewerbungen, so Pflegedirektor Konrad Schumann. "Die Bewerberzahl sinkt auffällig", sagt er.

In einer Klinik wolle sie nicht mehr arbeiten, sagte gestern eine junge Hebamme. Dort seien die Arbeitsbedingungen zu schlecht. Trotz aller Widrigkeiten macht sich die Chemnitzerin jetzt selbstständig. Zur Kundgebung sei sie gekommen, um Eltern zu unterstützen "und weil der Bedarf nach Hebammen da ist", betonte sie.

Die Initiatoren der Protestaktion hoffen nun auf Reaktionen aus der Politik. Nur die könne die Probleme lösen, sagte Claudia Graf-Pfohl. So könnte ein Haftungsfonds ein Schritt sein, das Problem der Versicherungsprämien in den Griff zu bekommen, hofft sie.

*Name von der Redaktion geändert.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...