Heilmittel gegen Ärztemangel gesucht

Nach dem Willen des Stadtrates soll die Wirtschaftsförderung CWE nicht nur Unternehmen nach Chemnitz locken, sondern auch Mediziner. Kritiker sind skeptisch.

Kaum freie Termine für neue Patienten bei Haus- und Fachärzten, lange Wartezeiten in den Praxen, viele Mediziner kurz vorm Ruhestand: Damit die medizinische Versorgung der Chemnitzer flächendeckend gewährleistet bleibt, soll sich auch um dieses Thema künftig die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft CWE kümmern. Das hat der Stadtrat vergangene Woche beschlossen.

Das von der SPD, den Linken und der Fraktionsgemeinschaft Volkssolidarität/Piraten eingebrachte und von den Grünen unterstützte Papier sieht vor, zunächst zu analysieren, wie es in den einzelnen Stadtteilen mit Haus- und Fachärzten aussieht und welche Praxen in absehbarer Zeit möglicherweise schließen werden. Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Weiterbildungsverbund "Initiative Hausärzte für Chemnitz" und dem Klinikum sollen Rathaus und CWE dann Lösungen suchen, wie drohende Lücken vermieden werden können.

Kritiker monieren, diese Aufgabe sei weder Sache der Stadt noch ihrer Wirtschaftsförderung. "Das Einzige, was hier helfen könnte, ist mehr Geld von Bund und Land für die medizinische Versorgung", sagt CDU-Stadtrat Alexander Haentjens. "Daran können wir von Chemnitz aus aber nichts ändern."

Das jedoch lassen die Initiatoren nicht gelten. "Es geht nicht um mehr Geld, sondern darum, die wohnortnahe hausärztliche Versorgung weiterhin sicherzustellen", erläutert Susanne Schaper, die Vorsitzende der Linksfraktion im Stadtrat. Fast 30 Prozent der Chemnitzer Hausärzte seien schon jetzt älter als 60 Jahre. Ähnlich die Bedenken von Jörg Vieweg (SPD). "Wenn wir als Kommune nicht jetzt handeln, haben wir in fünf bis zehn Jahren ein ernstes Problem", sagte er. Die medizinische Versorgung - eigentlich Sache der Kassenärztlichen Vereinigung - werde mehr und mehr zur Aufgabe der kommunalen Vorsorge.

Wie eine Unterstützung bei der Suche nach niederlassungswilligen Ärzten und anderem medizinischen Fachpersonal aussehen könnte? Susanne Schaper regt an, die bislang eher auf Industrie, produzierendes Gewerbe und Handel ausgerichtete CWE solle auch auf Medizinermessen Präsenz zeigen, damit angehende Ärzte den Weg nach Chemnitz finden. Auch um Jobs für deren Familienangehörige könnten sich die Wirtschaftsförderer kümmern - beispielsweise über die von ihnen ohnehin betreuten Stellenbörsen.

Ein weiterer Ansatz: Das Klinikum bildet über den eigenen Bedarf hinaus sogenannte Weiterbildungsassistenten aus - Ärzte, die sich zum Allgemeinmediziner qualifizieren und später eine eigene Praxis gründen oder übernehmen können - im Idealfall in Chemnitz.

CWE-Chef Sören Uhle hatte auf den Vorstoß der Stadträte bereits vor Wochen eher reserviert reagiert. Seine Gesellschaft sei auf Industrieunternehmen ausgerichtet und habe weder medizinische Kompetenz noch freies Personal, gab er zu bedenken. An der Debatte im Stadtrat beteiligte er sich nicht.

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1Kommentare
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    gelöschter Nutzer
    30.01.2017

    "Die medizinische Versorgung - eigentlich Sache der Kassenärztlichen Vereinigung"

    Warum "eigentlich"? Wenn es deren Aufgabe ist, muss man das von denen auch einfordern, und zwar massiv. Warum bekommen die also nicht massiven Druck von den Landes- und Kommunalpolitikern? Warum versuchen die nun ein Problem zu lösen, was eigentlich gar nicht deren Problem ist?

    Vor ein paar Tagen konnte man in der fp lesen, die Kassenärztliche Vereinigung sehe zum Beispiel keinerlei Bedarf an zusätzlichen Hautärzten in Chemnitz, obwohl man Termine erst in frühestens einem halben Jahr bekommt. Es kann doch nicht sein, dass denen solch eine Aussage, die nichts mit der Beschreibung der Realität zu tun hat, nicht sofort um die Ohren fliegt. Sämtliche Politiker der Stadt und des Landes müssten denen die Tür einrennen und die Bevölkerung ebenfalls. Es kann doch nicht sein, dass diese Vereinigung in Pippi-Langstrumpf-Manier die Bevölkerung für blöd verkaufen kann. Wer besetzt dieses Gremium eigentlich?

    Beim Hausärzte-Problem muss dann eben soviel Druck aufgebaut werden, dass diese Vereinigung endlich mal in die Gänge kommt und sich nicht mehr auf (uralten?) Statistiken verstecken darf.



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