Kritik wegen Kostenerhöhung in Pflegeheimen der Region

Eine Frau aus Taura muss für die Betreuung 375 Euro mehr als bisher monatlich bezahlen. Pflegekasse und Betreiber rechtfertigen den Anstieg.

Taura/Burgstädt.

Tobias Stegemann* lässt seine Mutter im DRK-Pflegeheim Am Taurastein betreuten. Bisher ist er mit der Betreuung zufrieden. "Doch jetzt flatterte eine Entgelterhöhung ins Haus", sagt er. Seine Mutter habe mit Schreiben vom 8. August angekündigt bekommen, dass sich die Kosten erhöhen. Bis zum 30. August sollten sie bzw. die Angehörigen unterschreiben. Das sei viel zu kurzfristig und noch dazu in der Urlaubszeit, ergänzt er.

"So eine Erhöhung ist sittenwidrig. Die jetzt Pflegebedürftigen haben unser Land aufgebaut mit Blut, Schweiß und Tränen", sagt Stegemann. Die Pflegekosten spiegeln in erster Linie die Personalkosten in einem Pflegeheim wider. Die machen rund 70 bis 80 Prozent der Kosten eines Heimplatzes aus. Laut Experten liegt die Preiserhöhung daran, dass seit Beginn des Jahres 2019 Auswirkungen des Pflegestärkungsgesetzes III zu spüren sind. Mit einem Tariflohn für Altenpfleger soll dem Mangel an Pflegekräften und dem steigenden Bedarf entgegengewirkt werden. Eine bessere Bezahlung soll einen Anreiz schaffen, um mehr Menschen in Pflegeberufe zu holen.

Trotzdem sind die Pflegeheimplätze in Sachsen günstiger als in anderen Bundesländern. Das geht aus dem neuen Pflegereport der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor (siehe Titelseite). Einmal im Jahr müssen Heime gegenüber den Pflegekassen ihre Sach- und Personalausgaben begründen, um sie finanziert zu bekommen. Früher konnten die Pflegekassen zu teure Erhöhungen zurückweisen. Doch das Gesetz regelt jetzt, dass das nicht mehr geht: Pflegekassen dürfen Tarifbezahlung für Pflegekräfte nicht mehr mit dem Argument ablehnen, unwirtschaftlich zu sein. Die Kassen finanzieren aber weiterhin den gleichen Anteil, der im Gesetz festgeschrieben ist. Deswegen müssen gestiegene Kosten die Bewohner finanzieren.

Der Träger der Tauraer Einrichtung mit über 60 Plätzen, der DRK-Kreisverband Chemnitzer Land, bestätigt, dass eine Entgelterhöhung zum 1. September notwendig wurde. Seit 2015 habe es keine Erhöhung mehr gegeben, die Kostensteigerungen bei externen Dienstleistungen wie Wartung, Wäsche sowie bei Energie, Wasser, Reinigung und anderen Positionen seien bisher intern abgefangen worden, sagt Geschäftsführer Frank Reimann. Die größte Änderung ergebe sich jedoch aus den gestiegenen Personalkosten. Ohne diese Anpassung wäre das hohe Pflegeniveau künftig nicht mehr sicherzustellen. "Wir haben Wartelisten für unsere Heime - doch das Personal fehlt. Hier müssen wir einfach handeln", sagt Reimann. Der Kreisverband setze mit einer eher geringen Platzzahl in seinen Einrichtungen auf eine familiäre Atmosphäre und Gemütlichkeit für seine Bewohner und liege damit nicht unbedingt im aktuellen Trend, erläutert er. Eine Erweiterung der Bettenkapazität durch den Neubau von Pflegeheimen hält er für nicht lösungsorientiert beim bestehenden Mangel an Fachpersonal.

Für die betroffene Familie wurde angekündigt, bei Pflegegrad 2 statt bisher 1006 dann rund 1465 Euro zu zahlen. "Doch im Schreiben wird nicht ausgewiesen, warum sich der Betrag so drastisch erhöht", sagt der Sohn. Aufgeschlüsselt wurden Gesamtkosten in Höhe von 2235 Euro, die sich aus Leistungen der Pflegekasse, Pflegesatz, Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten jeweils pro Tag zusammensetzen. Der Zuzahlungsbetrag nach der Verhandlung liegt bei 1381 Euro, also 375 Euro mehr als bisher.

DRK-Chef Reimann erklärt, dass die Beträge mit den Pflegekassen und Sozialleistungsträgern vereinbart werden. "Wir legen alle Kostenpositionen detailliert vor und weisen diese konkret nach", ergänzt er. Bevor Kostenverhandlungen beginnen, würden alle Bewohner von den vorgesehenen Steigerungen informiert. Der Heimbeirat, ein Gremium der Bewohner, könne nach ausreichender Information und Rückfragen schriftlich dazu Stellung nehmen und müsse diesen Antrag mit unterzeichnen. Das habe auch mit der betroffenen Familie stattgefunden, so Reimann. In Verhandlungen würden Wirtschaftlichkeit und Angemessenheit der Entgelte geprüft.

Das bestätigt Hannelore Strobel, Pressesprecherin der Gesundheitskasse AOK. Das Pflegestärkungsgesetz habe diese notwendige Personalausstattung und -bezahlung festgeschrieben, dies führe teilweise zu deutlich höheren Kosten für die Pflegebedürftigen.

Das DRK-Heim in Taura habe seit 2014 dreimal die Pflegesätze verhandelt. "Immer lag der Preis der Pflegeeinrichtung im Durchschnitt aller stationären Einrichtungen des Landkreises", so Strobel. 2016 sei letztmalig eine Steigerung des Pflegesatzes von 7,25 Prozent erfolgt - allerdings mit einer außergewöhnlich langen Laufzeit von 29 Monaten, so Strobel. Für die Bewohner habe dies eine lange Preisstabilität bedeutet. Aktuell liege die Einrichtung damit preislich weiterhin im Mittelfeld der verhandelten vollstationären Pflegeeinrichtungen in Mittelsachsen. Von einem Wechsel in ein anderes Pflegeheim rät die AOK-Sprecherin ab, denn in anderen Einrichtungen gebe es ähnliche Kostenverhandlungen. Im Internet (www.pflegenavigatordirekt) kann man vergleichen. Dort ist nachzulesen, dass im ASB-Pflegeheim Burgstädt ab 1. September ab Pflegegrad 2 das Entgelt 1403 Euro beträgt. Die Einrichtung des Arbeiter-Samariter-Bundes hat laut Leiterin Ines Röder 74 vollstationäre und 6 Kurzzeitpflegeplätze. Wie auch in Taura gibt es keine freien Plätze sondern eine Warteliste. Die letzte Entgelt-Anpassung habe im Juni 2018 stattgefunden. Für das Jahr 2020 sei die nächste Pflegesatzverhandlung mit den Kassen geplant, so Röser.

Laut Pflegenavigator ist im näheren Umkreis noch das Recenia-Pflegeheim des Unternehmens Azurit in Hartmannsdorf. Dort beträgt der Eigenanteil ab Pflegegrad 2 rund 1683 Euro. Es gibt 98 Bewohner. Fragen zu Preiserhöhungen, Auslastung und weitere Details beantwortet die Heimleitung auf Anfrage nicht.

* Name von der Redaktion geändert.

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