Kulturhauptstadt 2025 - Wie Chemnitz überzeugen will

Erstmals hat die Stadt Details ihrer offiziellen Bewerbung vorgestellt. Noch vor Ende des Jahres fällt eine Entscheidung.

Es ist etwa 60 Seiten dick, voll gepackt mit Hinguckern und raffiniert verpackten Botschaften, und es liegt seit einigen Tagen in Berlin auf dem Tisch der Kulturstiftung der Länder: die "Bid Book" genannte offizielle Bewerbung der Stadt Chemnitz für den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025". Erste Einblicke in dieses derzeit noch nur einem überschaubaren Kreis Auserwählter vorbehaltenen Druckwerks wurden am Sonntag mehreren hundert Interessierten erstmals öffentlich gewährt, im Rahmen der Tage der Industriekultur.

Schon die ersten Seiten haben es in sich: Auf ein großes Foto von Karl Marx' berühmter, an der Brückenstraße großformatig und in mehreren Sprachen verewigter Aufforderung "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" folgt der Text des Kraftklub-Songs "Karl-Marx-Stadt". Auch ein großes Foto einer der von Ausschreitungen begleiteten rechten Demonstrationen im August 2018 findet sich in dem Heft - platziert neben einer etwa gleich großen Aufnahme einer aus dem Ruder laufenden Demo der sogenannten Gelbwesten-Bewegung in Paris. Die Botschaft: Seht her, so etwas kann überall aufbrechen in Europa.

"Aufbrüche" - das ist das zentrale Leitmotiv der Chemnitzer Bewerbung. Denn davon habe die Stadt schon viele erlebt, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. "Das können wir, auch wenn es manchmal hart ist." Die Stadt habe Wert gelegt auf eine authentische Bewerbung - denn nur eine solche, so die Überzeugung, habe Aussicht auf Erfolg.

Eine weitere Besonderheit: Die Bewerbung ist in vielerlei Hinsicht ein Gemeinschaftswerk. Zahlreiche Städte und Gemeinden aus der Region rund um Chemnitz sind mit im Boot, auch etliche internationale Partner wurden bei der Erarbeitung mit einbezogen - von Israel bis in die Partnerstädte Manchester und Wolgograd. In der Stadt selbst, so Ferenc Csák, Projektleiter der Bewerbung, sei über die vergangenen Jahre hinweg eine umtriebige Community entstanden, die die Begeisterung für die Kulturhauptstadt-Idee eint.

Csák, seit 2015 Chef des kommunalen Kulturbetriebs, gilt als einer der Väter der Bewerbung. Als Beauftragter der ungarischen Regierung hat er bereits den Weg der südungarischen Stadt Pécs zur Kulturhauptstadt 2010 erfolgreich mit geebnet. Mit einem Etat von 91 Millionen Euro rangiere Chemnitz im Mittelfeld der deutschen Bewerberstädte (darunter Dresden, Nürnberg, Magdeburg), sagte Csák. Etwa ein Drittel davon werde die Stadt selbst aufbringen. Für die Umsetzung solle ein eigenes Unternehmen gegründet werden.

Doch auch wenn am Ende ein anderer Bewerber das Rennen machen sollte, wird den Plänen zufolge eine Reihe der über die Kulturhauptstadt-Initiative angeschobenen Vorhaben umgesetzt werden. "So oder so wird sich die Stadt an vielen Orten verändern", betonte Csák mit Verweis auf Vorhaben etwa rund um den Schloßteich und entlang des Chemnitz-Flusses. Eines der spektakulärsten Projekte dürfte ein sogenannter Sky-Walk sein - eine Verbindung für Fußgänger und Radfahrer entlang des Bahnbogens am Rande der Innenstadt und über das Viadukt an der Annaberger Straße.

Zunächst aber werden Chemnitz und die anderen Bewerberstädte sich am Dienstag in Berlin offiziell vorstellen. Ab Freitag dann soll das Chemnitzer "Bid Book" jedermann im Internet herunterladen und studieren können. Im Dezember schließlich entscheidet eine Jury, welche der deutschen Bewerberstädte den Sprung in die nächste Runde schaffen und eine ausführliche Bewerbung einreichen dürfen.

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