Mann erpresst 1,60 Euro von Behindertem - Bewährungsstrafe

Mit einer Straftat vom November 2018 hat sich jetzt das Amtsgericht befasst. Der Angeklagte stellte den Vorfall ganz anders dar als sein Opfer.

Reitbahnviertel.

Berichte von dem Fall hatten Ende November 2018 und noch einmal im Februar dieses Jahres für erhebliches Aufsehen gesorgt. Denn knapp drei Monate nach der Straftat hatte die Polizei mit Aufnahmen einer Überwachungskamera nach dem mutmaßlichen Täter gesucht, der sich daraufhin noch am selben Tag auf einem Revier meldete. Am gestrigen Dienstag saß der 31-jährige Chemnitzer im Amtsgericht auf der Anklagebank.

Er räumte ein, an jenem Abend des 24. November an der Reitbahnstraße einen schweren Fehler gemacht zu haben. Doch ein Verbrecher, dem die Staatsanwaltschaft nun räuberische Erpressung eines zu 100 Prozent Schwerbehinderten vorwirft, sei er nicht, so der als Werkzeugmechaniker Beschäftigte.


Was war passiert? Als der Beschuldigte gegen 19 Uhr an der Haltestelle Annenstraße aus einer Straßenbahn stieg, stand dort ein 32-Jähriger und wartete. Dass es sich um einen geistig Behinderten handelt, habe er nicht bemerkt, beteuerte der Angeklagte. Es kam zu einem Wortwechsel und Handgreiflichkeiten, an deren Ende der 32-Jährige dem Jüngeren seine gesamte Barschaft aushändigte - 1,60 Euro.

Der an der Haltestelle Wartende habe ihn "Pisser" genannt, behauptete der Angeklagte. Deswegen habe er ihn in eine Ecke des Wartehäuschens gedrückt und ihm mit der Faust gedroht. Daraufhin habe ihm dieser das Geld angeboten - wohl als Entschuldigung. "Es war ein Fehler, dass ich es eingesteckt habe", sagte der 31-Jährige. Wegen der geringen Summe habe er dem Vorfall keine Bedeutung beigemessen und sei erschrocken gewesen, als die Polizei Monate später sein Foto veröffentlichte. Bei seinem Opfer, das als Zeuge aussagte, entschuldigte er sich. "Ich habe falsch reagiert, aber weder mit einem Messer gedroht noch Geld gefordert", so der Angeklagte.

Doch der Zeuge bestritt, den Angeklagten beleidigt beziehungsweise überhaupt angesprochen zu haben. Dieser habe ihn angefahren: "Was guckst du so?" Nachdem er geantwortet hatte, er warte auf seine Freundin, sei der Unbekannte zurückgekommen, habe ihm eine Hand verdreht, ihn ans Wartehäuschen gedrückt und gedroht: "Zehn Euro raus, sonst stech' ich dich ab." Dazu habe er eine Bewegung gemacht, als ob er mit einem Messer zustechen würde. Nachdem er sein Geld herausgegeben hatte und der Angreifer damit geflüchtet sei, habe er zwei Mädchen gebeten, die Polizei und den Rettungsdienst zu rufen. An den Folgen des Vorfalls leide der Behinderte bis heute, wie seine Betreuerin bestätigte. Er habe Angst vor Straßenbahnfahrten und größeren Menschengruppen.

Der Verteidiger plädierte lediglich auf Nötigung anstatt räuberischer Erpressung und unterstellte, der von Geburt an geistig Behinderte übertreibe bei seinen Schilderungen der Tat. Dazu sei er infolge seiner intellektuellen Defizite gar nicht fähig, widersprachen die Betreuerin und das Gericht. Dieses folgte in vollem Umfang dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr und vier Monaten Haftstrafe - ausgesetzt zur Bewährung für zwei Jahre - sowie 1000 Euro Geldstrafe, die an einen Berufsförderverein zu zahlen sind. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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