Mit Laufband und Gang-Labor: TU Chemnitz geht neue Wege

In einem neuen Technikraum ist ein großes Laufband vor eine große Leinwand gestellt worden. Darauf kann man zum Beispiel durch den Wald spazieren. Dass es nicht in die echte Natur geht, um Bewegung zu erforschen, hat mehrere Gründe.

Marie Klass läuft gut. Weder vom Rauschen der Wellen unter ihr, noch vom leichten Wanken der Hängebrücke, über die sie gerade geht, lässt sich die 24-jährige Studentin irritieren. Sie hält souverän das Gleichgewicht, wofür sie mit beiden Beinen etwa gleich viel Kraft aufwendet. Auch die Koordination mit den Händen funktioniert, denn ab und zu muss die junge Frau einen Vogel verscheuchen, der auf sie zufliegt. "Die Beinstellung beim Gehen passt auch", sagt Nils Pixa. Er muss es wissen, denn er hat Marie die ganze Zeit genau beobachtet.

Beide - weder Studentin noch der Mitarbeiter der TU Chemnitz - müssen für diese Analyse der Gangart aber tatsächlich auf einer wackeligen Brücke zwischen meterhohen Felswänden über das Wasser laufen. Diese Situation wird nur simuliert - im neuen Labor zur Echtzeit-Ganganalyse der TU Chemnitz. Die komplette Technik wurde von einer Spezialfirma in Amsterdam gefertigt, hat 650.000 Euro gekostet und wurde zu je 50 Prozent gefördert vom Land Sachsen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nach monatelangen Vorbereitungen und tagelangen Aufbauarbeiten wurde das Labor jetzt in Betrieb genommen.

Mit Beamern an der Decke eines Raumes im Labor für Bewegungswissenschaft und Sportpsychologie werden Bilder auf eine gewölbte Leinwand projiziert. Das kann ein Waldweg sein, eine Stadt, eine futuristische Landschaft oder eben eine Hängebrücke übers Wasser. Vor der Leinwand steht das Laufband, auf dem die Probanden, in diesem Fall Marie, das Tempo selbst bestimmen können. Läuft sie langsam, ziehen die Bäume und Sträucher langsamer an ihr vorbei. Geht sie ins Joggen über, bewegt sich der Waldweg mit seinen Hügeln und Kurven noch schneller auf sie zu - oder die Brücke kommt noch mehr ins Wanken.

Die Hügel oder das Wanken werden simuliert, indem sich das Laufband bewegt. Kombiniert mit den Bildern auf der Leinwand und den Geräuschen von zwitschernden Vögeln oder dem Rauschen des Meeres vermittel das den Eindruck, der Laufende befände sich in einer anderen Welt. "Genau das wollen wir erreichen", sagt Christian Maiwald. Er ist Leiter der Professur für Forschungsmethoden und Analyseverfahren in der Biomechanik an der TU. Man wolle nicht den Wald ins Labor holen. Die Leute sollen schon noch in die Natur gehen. "Aber hier können wir etwas simulieren, was genauere Ergebnisse bringt als andere Methoden." Denn - so sind sich die Forscher sicher: Läuft ein Proband auf einem normalen Laufband, im schlimmsten Fall auch noch vor einer kargen weißen Wand, dann läuft er anders. "Wenn Ganganalysen gemacht werden, weiß derjenige auf dem Laufband ja, dass er analysiert wird", sagt Maiwald. "Und er findet sich in einer Situation wieder, die nicht seinem Alltag entspricht - also versucht er, so gut wie möglich zu laufen und verzerrt dadurch das Gesamtbild." Hat der Laufende aber eine bekannte Umgebung vor sich und dazu auch noch ein Ziel vor Augen, geht er, wie er immer geht. "Und das brauchen wir, um eine sehr genaue Analyse zu machen", fährt Maiwald fort.

Der Bewegungsablauf wird mit Hilfe von Markierungspunkten am Körper des Probanden aufgezeichnet. Zehn hochauflösende Kameras filmen jede Bewegung. Die Resultate werden später ausgewertet und dienen zum Beispiel der Forschung für die Rehabilitations- oder Präventionsarbeit. "Eine Zusammenarbeit mit einer Klinik gibt es derzeit noch nicht, wir wollen erst alle Ergebnisse auswerten. Es ist aber durchaus denkbar und auch gewünscht, dass es dazu einmal kommt, sagt Claudia Voelcker-Rehage, Inhaberin der Professur Sportpsychologie. Gemeinsam mit vielen anderen Fachbereichen nutzen die Psychologen das neue Labor, in dem auch Hirnaktivitäten beim Zusammenspiel von Körper und Geist gemessen werden können. Und was sagt Probandin Marie Klass zum neuen Laufband? "Das macht Spaß", so die 24-Jährige. "Hat was von Computerspiel."

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