Museum erinnert an oppositionelle Gruppen in Karl-Marx-Stadt

Arbeitskreise, Friedensbewegung, Öko-Gruppen bereiteten über Jahre hinweg den Weg zum Herbst 1989. Was sie umtrieb, klingt erstaunlich vertraut.

Schloßchemnitz.

"Fragen des Städtebaus", "Islam gestern und heute", "Antirassismusprogramm" - uneingeweihte Besucher des Schloßbergmuseums werden womöglich zweimal hinschauen müssen, um herauszufinden, was es mit jenen Plakaten auf sich hat, die derzeit im Foyer des Hauses für einen kräftigen Farbtupfer sorgen. So aktuell die Themen klingen - die handgefertigten Ankündigungen für Diskussionen, Vorträge und Themenabende sind Jahrzehnte alt. Sie stammen aus einer Zeit, in der Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß, und in der sich auch hier immer mehr Gruppen und Initiativen formierten, deren Mitglieder später, beim großen Umbruch im Herbst 1989, in der Stadt eine wichtige Rolle spielen sollten.

Diesen Akteuren und den Themen, die sie damals bewegten, ist eine neue Sonderausstellung gewidmet, die bis Mitte November im Schloßbergmuseum zu sehen ist. Sie heißt "Wendezeit", reicht aber zurück bis in die frühen 1980er-Jahre. Denn, so betont Museumsdirektor Uwe Fiedler, die basisdemokratische Opposition gegen die Missstände in der DDR hatte eine weitaus längere Vorgeschichte als die Empörung über offensichtlich gefälschte Kommunalwahlergebnisse und die Massenflucht in den Westen (jeweils 1989) oder das Verbot der Zeitschrift "Sputnik" (1988). "Spätestens seit Ende der 1970er-Jahre entstanden, meist unter dem Schutz der Kirche, feste, oft konspirativ arbeitende Arbeitskreise", so Fiedler. "Ihr Themenspektrum reichte vom Umweltschutz über Verkehr bis zu Problemen der sogenannten Dritten Welt und des Feminismus - und vor allem Friedensfragen."

Etliche Exponate aus jener Zeit sind in der Ausstellung zu sehen - verbotene Druckschriften und Abzeichen ebenso wie Berichte der Staatssicherheit. Hinzu kommen viele authentische Fotografien, darunter ein Album, das das damalige Waldsterben im Erzgebirge dokumentiert. "Es gab in Karl-Marx-Stadt gleich mehrere ökologische Arbeitskreise, private wie kirchliche", erinnert sich Manfred Hastedt, einer der damaligen Aktivisten. Das Umweltzentrum auf dem Kaßberg hat in diesen Kreisen seine Wurzeln.

Was sowohl nach Einschätzung des Historikers Fiedler als auch nach Meinung von Akteuren jener Jahre in Karl-Marx-Stadt eine Besonderheit darstellte, war das hartnäckige Ringen um ein gesellschaftliches Wirken über die eigenen Kreise hinaus - trotz Beobachtung und Verfolgung. So konnte es passieren, dass kirchliche Öko-Aktivisten in die staatliche "Station Junger Naturforscher" eingeladen wurden, um dort einen Vortrag zu halten über die Umweltverschmutzung durch die Braunkohleverarbeitung in Espenhain bei Leipzig, einem der dreckigsten Orte der DDR. Als die Stasi die Veranstaltung in letzter Minute verhinderte, so erinnert sich Hastedt, seien die Jungen Naturforscher eben mit in die Kirche gekommen.

Dass die Mitglieder der verschiedenen oppositionellen Gruppen weit in die Karl-Marx-Städter Gesellschaft hinein wirkten, steht für Museumsdirektor Fiedler außer Frage. Ihr Einfluss auf den Lauf der Dinge indes schwand insbesondere nach dem Fall der Mauer im November 1989 zusehends. Statt politischer Reformen rückten zunehmend materielle Fragen in den Vordergrund. Bald ging es in erster Linie um eine rasche Wiedervereinigung.

Und einzelne Protagonisten sahen sich später auch unter den neuen Gegebenheiten wieder mit Problemen konfrontiert. So, wie Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel (1943-2005), schon zu DDR-Zeiten einer der wichtigsten Köpfe der Friedensbewegung in der Stadt. Sein Aufruf an Bundeswehrsoldaten, die Teilnahme am völkerrechtlich umstrittenen Kosovokrieg zu verweigern, brachte ihn im Jahr 2000 vor Gericht. Er wurde freigesprochen.


Das Begleitprogramm zur Ausstellung: Symposien, Führungen, Diskussionen

Offizielle Eröffnung: Sonntag, 15.September, 11 Uhr. Mit Frédèric Bußmann, Generaldirektor Kunstsammlungen Chemnitz, Annette Zehnter, Leiterin der Stasiunterlagenbehörde BStU in Chemnitz, und Raymond Plache, Leiter des Staatsarchivs in Chemnitz.

"Revolution ist weiblich": Symposium. Samstag, 28. September, 16 Uhr. Unter anderen mit Staatsministerin Petra Köpping und Annalena Schmidt, Demokratiebotschafterin aus Bautzen.

"Enttäuschte Träume - erfüllte Hoffnungen": Symposium zur Wendezeit mit anschließender Diskussion. Sonntag, 29. September, 15 Uhr. Unter anderen mit dem früheren Schauspieldirektor Hartwig Albiro, dem früheren Pfarrer Stephan Brenner und Martin Böttger, Mitbegründer des Neuen Forums.

Herbst 1989 in Chemnitz: Podiumsgespräch mit Zeitzeugen über den Beitrag kirchlicher Gruppen zur friedlichen Revolution. Sonntag, 17. November, 15Uhr. Unter anderem mit dem früheren Superintendenten Christoph Magirius, Pfarrerin Dorothee Lücke und Umweltaktivist Manfred Hastedt.

Kuratorenführungen: Sonntag, 13.Oktober, 14 Uhr; Dienstag, 5. November, 16.30 Uhr; Sonntag, 24. November, 11 Uhr.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen jeweils 11 bis 18 Uhr, Mittwoch 14 bis 21 Uhr; Montag geschlossen. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Bis 18 Jahre frei.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    17
    Interessierte
    14.09.2019

    Oppositionelle Gruppen gibt es doch heute auch , nur in einer anderen Form ; das sind heute doch sicherlich die AfD und dazu die Rechten und Linken und die Reichsbürger und vor Jahrzehnten waren es die RAF und der Dubcek und Studentenproteste im Westen ...….
    Und wenn das ´vertraut´ klingt , dann ist doch ´heute` einiges nicht anders …..



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