Neue Filter für weniger Gift in der Luft

Als erstes Unternehmen in Europa setzt Kraftwerksbetreiber Eins auf eine besondere Technologie, um den Ausstoß von Quecksilber zu reduzieren. Das Prinzip ähnelt dem atmungsaktiver Kleidung.

Was Kleidung wetterfest macht und hochempfindliche Elektronik vor Staub schützt, soll in Chemnitz künftig für saubere Luft sorgen: Mit einem neuartigen Verfahren will der Chemnitzer Versorger Eins im Heizkraftwerk Nord den Ausstoß an Quecksilber deutlich reduzieren. Derzeit wird am Fuße des gut 300Meter hohen farbigen Schornsteins im Stadtteil Furth eine zusätzliche Anlage zur Reinigung des Rauchgases installiert. Mit ihrer Hilfe soll der Ausstoß des in der Kohle enthaltenen giftigen Schwermetalls ab Ende dieser Woche um die Hälfte reduziert werden.

Die Nachrüstung des größten Chemnitzer Kraftwerkes ist nötig, weil ab kommendem Jahr für Quecksilber schärfere Grenzwerte gelten. Statt 19 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel dürfen es ab Januar nur noch zehn Mikrogramm sein. Ohne eine zusätzliche Reinigungsanlage wären diese Werte kaum zu schaffen, erläutert Eins-Chef Roland Warner. Bislang habe Eins die gesetzlichen Grenzen immer eingehalten, gleichwohl vor einigen Jahren eine deutliche Zunahme der Quecksilber-Emission festgestellt worden war. Nach dem Wechsel des Kohlelieferanten hatte sich die ausgestoßene Jahresmenge ab 2007 binnen weniger Jahre beinahe verdreifacht. Umweltschützer schlugen daraufhin Alarm, forderten zusätzliche Anstrengungen zur Rauchgasreinigung. Vor allem für schwangere Frauen und in der Folge für Föten, Säuglinge und Kleinkinder gehen von der Aufnahme von Quecksilber, das letztlich in die Nahrung des Menschen gelangt, nach Ansicht von Experten nicht unerhebliche Gesundheitsrisiken aus.

Der Versorger Eins hat Geschäftsführer Warner zufolge mehrere Jahre lang verschiedene Filter-Methoden geprüft und durchgerechnet. Am Ende entschied sich das Unternehmen für ein Verfahren des US-Unternehmens Gore, bekannt nicht zuletzt als Hersteller des Funktionsmaterials Gore-Tex. In Amerika bereits in acht großen Steinkohle-Kraftwerken im Einsatz, werde es mit der Chemnitzer Anlage nun erstmals auch in Europa kommerziell eingesetzt, sagt Gore-Entwicklungsingenieur Stefan Rämisch.

Wirksam wird der neue Filter als letzte Etappe eines mehrstufigen Reinigungsprozesses, kurz bevor das Rauchgas in den Schornstein entlassen wird. Das System basiert auf stapelbaren Modulen, etwa in der Größe herkömmlicher Einkaufs-Klappboxen. Die darin installierten Filter in wellpappeähnlicher Struktur bestehen aus einem Polymer aus Fluor und Kohlenstoff. Zusätzlich eingebaute Partikel sorgen dafür, dass das im durchströmenden Rauchgas enthaltene Quecksilber abgeschieden und festgehalten wird. Jedes der insgesamt knapp 550eingebauten Module kann nach Angaben des Herstellers innerhalb von zehn Jahren etwa ein Kilogramm Quecksilber aus dem Rauchgas filtern, ohne dass immer wieder neu Chemikalien zugegeben oder das System nennenswert gewartet werden muss. Quasi nebenbei wird im Zuge dieser Reinigung auch der Schwefeldioxid-Gehalt um etwa 20 Prozent reduziert.

Kraftwerksbetreiber Eins geht davon aus, dass die rund fünf Millionen Euro teure Anlage bis zum Jahr 2029 genutzt werden kann. Bis dahin will das Unternehmen komplett aus der Braunkohleverfeuerung ausgestiegen sein. Die beiden derzeit noch betriebenen Blöcke sollen durch gasbetriebene Blockheizkraftwerke und ein Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk ersetzt werden.

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1Kommentare
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  • 5
    1
    bürgerenergie
    21.08.2018

    Wer hatte eigentlich in Chemnitz schon mitbekommen, dass der Quecksilberausstoß - wohl wegen anderer Kohle - "binnen weniger Jahre beinahe verdreifacht" worden war? Wozu brauchen wir ein Umweltamt, wenn nicht einmal von diesem dazu etwas zu hören ist?
    Umso besser nun, dass die eins energie zeigt, dass eine Abscheidung von Quecksilber sehr wohl möglich ist. Sie macht es so den großen Kraftwerksbetreibern vor und sollte somit konsequenterweise seine Beteiligung an der Klage gegen die verschärften Grenzwerte zurückziehen. (Anmerkung: Die eins energie hat sich an der Klage der großen Kraftwerksbetreiber sowie des Freistaates Sachsen gegen die verschärften Grenzwerte bei Stickoxiden und Quecksilber beteiligt. Ein Misserfolg der Klage ist absehbar, zumal gerade in den USA tagtäglich nachgewiesen wird, dass eine hochwertige Quecksilberreinigung möglich und wirtschaftlich zumutbar ist. Eine erfolglose Klage aber kostet letztlich auch Geld ...)



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