Warum die grüne Welle in Chemnitz so häufig nicht funktioniert

Chemnitz diskutiert: Viele Autofahrer haben den Eindruck, dass sie in Chemnitz besonders oft an roten Ampeln warten müssen. Laut Stadtverwaltung liegt das zum Teil auch an den Menschen am Lenkrad selbst.

Claus Tanneberger kennt sich aus: "Es gibt schon funktionierende grüne Wellen in Chemnitz", sagt der erfahrene Taxifahrer und nennt als Beispiele die Bahnhofstraße, die Müllerstraße, die Leipziger und die Zwickauer Straße, zumindest landwärts. Allerdings klappe es mit der freien Fahrt bei zulässiger Höchstgeschwindigkeit nur bei normalem Tagesverkehr, schränkt er ein. "Im Berufsverkehr oder mit Baustellen auf der Strecke geht es gar nicht."

Die Stadtverwaltung versichert auf Anfrage, beim Neubau von Ampelanlagen oder der Überarbeitung von Ampelsteuerungen werde stets auch überprüft, ob damit bestehende grüne Wellen optimiert oder solche abgestimmten Grünphasen neu eingerichtet werden können. Als jüngste grüne Welle der Stadt sei im vergangenen Jahr die auf der Clausstraße zwischen Carl-von-Ossietzky-Straße und Bernhardstraße eingerichtet worden. Der nächste Abschnitt mit sogenannter streckenbezogener Koordinierung der Ampelanlagen ist demnach auf der Kalkstraße zwischen der Zufahrt zum Gewerbegebiet und den Auf- und Abfahrten zur Autobahn geplant. Auf der Leipziger Straße, wo derzeit die Ampel an der Einmündung der Wildparkstraße erneuert werde, soll damit wieder eine grüne Welle bis zur Nordstraße in Röhrsdorf geschaffen werden.

Doch warum werden nicht mehr und längere Strecken mit grünen Wellen ausgestattet? Laut Stadtverwaltung ist das nicht so einfach, weil dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssten. Wichtigste Bedingung sei, dass die Fahrzeugpulks in beiden Hauptfahrtrichtungen alle Knotenpunkte in etwa gleicher Zeit durchfahren können. Nur dann bleibe innerhalb eines Ampelumlaufs - das ist die Summe der Rot-, Gelb- und Grünphasen - noch genügend Zeit, um auch dem Verkehr aus den Nebenrichtungen einschließlich Fußgängern ausreichend Zeit zum Überqueren der Kreuzung einräumen zu können.

Um eine akzeptable Dauer der Ampelumläufe von 70 bis 90 Sekunden zu erreichen, wäre bei Geschwindigkeiten zwischen 40 und 50 Kilometern pro Stunde ein Abstand zwischen aufeinanderfolgenden Ampelanlagen von etwa 400 bis 700 Metern ideal. "Diese Idealbedingungen für eine grüne Welle sind jedoch in einer historisch gewachsenen Stadt wie Chemnitz nicht immer anzutreffen", so die Stadtverwaltung. Daher könnten grüne Wellen nicht überall, nicht über beliebig lange Strecken und nicht immer in beiden Richtungen eingerichtet werden.

Weil Fahrzeuge in Pulks oft unterschiedlich schnell fahren würden, dehne sich der Pulk immer mehr in die Länge oder löse sich ganz auf, je größer die Entfernung zwischen zwei Ampeln ist. Bei Entfernungen von mehr als 700 Metern sei eine grüne Welle deswegen meist nicht mehr sinnvoll, wie beispielsweise auf dem Südring zwischen Carl-von-Ossietzky-Straße und Bernsdorfer Straße oder auf der Dresdner Straße zwischen Thomas-Mann-Platz und Fürstenstraße.

Doch selbst auf den Abschnitten, auf denen grüne Wellen geschaltet sein sollen, funktionieren diese nach den Erfahrungen vieler Autofahrer häufig nicht. Das liegt nach Darstellung der Stadtverwaltung zum Teil an den Frauen und Männern hinterm Lenkrad selbst. Denn damit grüne Wellen funktionieren, müssten Fahrzeuge mit der jeweils zulässigen Höchstgeschwindigkeit unterwegs sein. Grüne Wellen mit geringeren Geschwindigkeiten als erlaubt hätten sich in Chemnitz nicht bewährt, erklärt die Stadtverwaltung. Werde zu schnell gefahren, träfen die ersten Fahrzeuge eines Pulks zu zeitig, also noch bei Rot, an der folgenden Ampel ein. Werde zu langsam gefahren, kämen nur die ersten Fahrzeuge des Pulks noch bei Grün bei der folgenden Ampel durch.

Gestört werde das Funktionieren grüner Wellen zudem durch alle Abweichungen vom fließenden Verkehr, wie etwa abbiegende, ein- oder ausparkende Fahrzeuge und langsame Lastwagen. "Gerade in einer Stadt wie Chemnitz sind aber solche Störungen des Verkehrsablaufs normal", so die Stadtverwaltung. Auch hohes Verkehrsaufkommen und damit verbundene Rückstaus vor Ampeln führten dazu, dass die für eine grüne Welle erforderliche Geschwindigkeit nicht erreicht wird. Das bedeute, dass eigentlich vorhandene grüne Wellen gerade in Hauptverkehrszeiten oft nicht so funktionieren wie gewünscht. Und auch Linienbusse und Straßenbahnen stören bestehende grüne Wellen, räumt die Stadtverwaltung ein. Doch ohne Bevorzugung an Ampeln oder beim Anfahren an Haltestellen könne der Nahverkehr seine Fahrpläne nicht einhalten.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
8Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    2
    61charly
    15.03.2019

    Komisch, hier wird nur über Grüne Wellen für Kfz-Fahrer geredet, als ob das die einzigen Verkehrsteilnehmer sind. Selektive Wahrnehmung aus der Windschutzscheibenperspektive?

  • 2
    0
    Hinterfragt
    15.03.2019

    An die Roten zu meinem Beitrag:
    Ich habe die anzeigen nicht abgebaut ...

  • 4
    2
    CPärchen
    14.03.2019

    Wie kommt es eigentlich, dass die persönlichen Erfahrungen so weit von der Meinung des R2G-Stadtrat abweichen?

    Tut mir Leid, aber führende Bundespolitiker der Parteien erwähnten nicht selten in die Kamera, dass der Autoverkehr zu Gunsten von ÖPNV und Rad unattraktiver werden muss. Da glaube ich den Kommunalpolitikern von R2G nicht.

    Aber hier würde ich mir mehr Journalismusarbeit seitens der FP wünschen. Warum nicht einfach mal mit dem Fahrzeug die Strecken abfahren und die Verantwortlichen/Leser mit den Ergebnissen konfrontieren? Einfach, schnell und nicht teuer.
    Sie haben den Straßenverkehr immerhin als Schwerpunktthema auswählen lassen.

  • 8
    0
    cmi
    14.03.2019

    Mein Arbeitsweg führt mich von Westen kommend stadteinwärts durch die Innenstadt und das erst relativ spät (so zwischen 8:30 und 9:00). Da ist nicht sooooviel los, aber ab Barbarossastraße wird es lustig. Bis dahin eigentlich alles gut und grün, danach dann Barbarossastraße rot, Reichsstraße rot, dann die Ampel an der Stollberger Straße (beim Gunzenhauser-Museum) rot (und nein, meist kommt dann keine Straßenbahn), dann Falkeplatz rot.

    Geradezu absurd, dass man als Geradeaus-Fahrer auf der Zwickauer Straße/Reichsstraße grün bekommt und nur mit überhöhter Geschwindigkeit die folgende Rotphasen "überlisten" kann oder man steht an den nächsten Ampeln. Aber ja: wer fein 50 fährt, hat auch eine grüne Welle - nicht.

  • 13
    0
    524989
    14.03.2019

    Dass es auf der Annaberger Straße eine grüne Welle geben soll, stimmt nicht. Ab der Treffurth-Straße bleibt man stadtauswärts üblicherweise bei 50 km/h an jeder Ampel hängen. Oft genug erlebt, dass die Ampeln direkt vor mir auf Rot umschalten...

  • 13
    2
    Deluxe
    14.03.2019

    Das gab es an vielen Stellen. Leipziger Straße in Höhe Küchwald stadteinwärts, Helmut-Just-Straße (heute Hartmannstraße) an der ERMAFA, auf der Mühlenstraße und anderswo.

    Es gab damals sicher weniger Verkehr - aber die grünen Wellen waren auch noch relaisgesteuert und nicht elektronisch. Und es funktionierte. Weil man es wollte und weil Kraftstoffsparen staatliches Ziel (und wirtschaftliche Notwendigkeit) war.

    In einem Land, in dem jeder Liter verbrannte Kraftstoff Geld ins Steuersäckel spielt, ist das Interesse an Einsparungen naturgemäß geringer. Und in einem solchen Land leben wir jetzt.

  • 10
    2
    Hinterfragt
    14.03.2019

    "...mindestens eine Strecke ..."
    Doch gab es, wurde nach der Wende entfernt.

    Leipziger Straße stadteinwärts.

  • 16
    0
    Pixelghost
    14.03.2019

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es in Chemnitz mindestens eine Strecke gab, auf der die für die Grüne Welle zu fahrende Geschwindigkeit über der Fahrbahn angezeigt wurde.

    In Berlin wird das heute noch so gemacht. Übrigens auch ein historisch gewachsene Stadt.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...