Warum sich ein 76-Jähriger als Verlierer der Pflegereform sieht

Ein Rentner in Auerswalde ist lungenkrank. Deshalb kann er Winterdienst und Gartenarbeit nicht mehr selbst erledigen. Eigentlich steht ihm Hilfe zu. Aber die wird ihm verwehrt.

Auerswalde/Burgstädt.

35 Jahre lang hat Günter Kern bei der Stadtwirtschaft in Karl-Marx-Stadt - dem Vorgänger des ASR Chemnitz - gearbeitet. "Das war eine schwere Arbeit", sagt der 76-Jährige. Er sei auch auf der Deponie am Weißen Weg tätig gewesen, wo Giftmüll und Asbest angeliefert worden seien. Aber er habe auch jahrelang geraucht. Heute arbeiten seine Lungen eingeschränkt. Diagnose: chronische Lungenerkrankung COPD. Er hat nicht mehr genug Luft für einen Spaziergang. "Zudem sind meine Hüften kaputt und müssten repariert werden", sagt er. Aber das OP-Risiko wegen seiner Lungenerkrankung sei zu hoch. 15 Jahre habe er zudem seine Eltern gepflegt. "Eigentlich war ich nur für andere da", fügt er hinzu.

Durch die Erkrankungen sei er nicht mehr mobil, "jeder Schritt fällt schwer". Seit zehn Jahren erhält er Sauerstoff über ein Spezialgerät. Bei der Kälte leide er besonders unter Atemnot, "die Bronchien reagieren sofort". Seine Frau Karin sei keine Hilfe, denn sie ist selbst Invalidenrentnerin. Das Ehepaar ist seit 55 Jahren verheiratet und wohnt im Elternhaus von Kern. "Schnee schippen, Rasen mähen und Gartenpflege fällt immer schwerer", sagt Günter Kern. Jetzt hatte er gehofft, dass er etwas durch die Pflegereform zurückbekomme. "Doch Fehlanzeige", sagt der Rentner verbittert.

Seit Januar 2017 erhalten Pflegebedürftige 125 Euro Entlastungsbetrag für Hauswirtschaftsleistungen. Mit der Reform wurde die Pflege-Unterstützung für alle fünf Pflegegrade in der ambulanten Betreuung gezahlt. Kern erhielt den Pflegegrad 1. Dieser Pflegegrad wird Menschen zugeteilt, die bislang keine Pflegestufe erhalten hatten. Viele dieser Menschen benötigen jedoch Pflege, meistens wegen Einschränkungen der allgemeinen Alltagskompetenz, heißt es.

Kern ist sachsenweit einer von knapp 55.000 Bedürftigen, die laut Medizinischem Dienst der Krankenversicherung 2017 erstmals Pflegeleistungen erhielten. Der Auerswalder ist Mitglied der Allgemeinen Ortskrankenkasse plus (AOK). Dort gibt es seit vorigem Jahr 9900 Pflegebedürftige mehr in Sachsen. "Doch viele Betreute rufen den monatlichen Entlastungsbetrag von 125 Euro nicht ab", sagt Sprecherin Hannelore Strobel. Laut AOK plus und IKK classic ist es nur jeder Zweite.

Das betrifft auch Günter Kern. Seit Ende 2017 sei er berechtigt. Er müsste in Vorkasse gehen und bei der Pflegekasse die Quittungen für die Leistungen einreichen. Er könne aber auch direkt mit dem Dienstleister abrechnen. "Ich würde ja gern. Aber jeder befragte Pflegedienst hat wegen Fachkräftemangel oder generell abgesagt", erläutert Kern

Ein solcher anerkannte Pflegedienstleister ist die Diakonie in Flöha/Frankenberg. Den Fachkräftemangel bestätigt Jana Schwenzer von der Diakonie-Sozialstation in Frankenberg: "Wir sind fünf Betreuungskräfte für 250 Patienten." Wenn jeder Bedürftige die Entlastungsleistung in Anspruch nehme, sei das nicht zu schaffen. "Vom Gesetzgeber war das nicht durchdacht", ergänzt sie. Aber sie verweist auch darauf, dass die Patienten Hilfe im Alltag erhalten sollten. Ziel sei es, dass die Betroffenen beim Schnee schippen mithelfen, befähigt werden, Arbeiten in der Hauswirtschaft wieder selbst zu verrichten. Die Pflegedienstleisterin empfiehlt Kern, die Dienstleistung privat zu bezahlen. "Das werde ich auch tun", sagt Kern. Aber er verstehe nicht, warum es diese Lücken bei der Reform gibt. Er könne als Lungenkranker keineswegs Schnee schippen, Rasen mähen und Gartenarbeit erledigen.

Eine Absage kam auch vom Arbeiter-Samariter-Bund Chemnitz und Umgebung, sagt Kern. Pflegedienstleiterin von der Sozialstation Burgstädt, Beate Neubert, macht auf die Lücken in der Reform aufmerksam. Fälschlicherweise würden viele Pflegebedürftige denken, "dass wir nur Serviceleistungen wie Schnee schippen, Gartenpflege und Saubermachen übernehmen". Doch vom Gesetzgeber sei ausdrücklich eine Entlastung des Patienten - vor allem Demenzkranke - und deren Angehörigen vorgesehen, sagt Neubert. Die Patienten sollten beispielsweise beim Spaziergengehen begleitet werden. "Aber es kann doch nicht sein, dass wir den gesamten Winterdienst übernehmen und die Wohnung saubermachen", sagt sie. Das sei nicht Aufgabe eines Pflegedienstes.

AOK-Sprecherin Strobel gesteht ein, dass der Gesetzgeber zur Entlastungsleistung keine konkrete Definition gegeben habe. "Jedoch liegt der Fokus immer auf den Pflegebedürftigen." Als mögliche Leistungen seien Gedächtnistraining, Basteln, Kochen, aber auch Begleitung bei Ausflügen und auch Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung angegeben.

"Inwieweit Gartenarbeit mit der Pflegeleistung im unmittelbaren Zusammenhang steht, wird unterschiedlich interpretiert", sagt Strobel. Jedoch sollte der Pflegebedürftige beim Gewähren der Leistung immer im Vordergrund stehen. Da ambulante Pflegedienste in der Regel mit reinen behandlungs- und pflegerischen Tätigkeiten ausgelastet seien, empfiehlt sie Kern, sich direkt an einen auf hauswirtschaftliche Leistungen spezialisierten Anbieter zu wenden.

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