Was Chemnitzer Bauern auf die Straße treibt

Landwirte aus der Stadt haben sich an bundesweiten Protesten beteiligt. Sie sorgen sich um ihre wirtschaftliche Zukunft - und ihren Ruf.

Rund 100 Hektar ist die Fläche groß, die der Landwirtschaftsbetrieb von Sandra Pährisch bewirtschaftet. Auf dem Areal in Klaffenbach werden Futtermittel für rund 140 Rinder angebaut. In einem Hofladen verkaufe sie neben Kartoffeln und Eiern vor allem Fleisch und Wurst, die ein Schlachter im Erzgebirge aus ihren Tieren herstellt, berichtet die Landwirtin. Das alles geschehe im Nebenerwerb, gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern. "Wir wollen den Hof irgendwann an die Kinder übergeben. Das liegt uns am Herzen", sagt Pährisch. Sie befürchte aber, dass der Betrieb dann nicht mehr genug abwirft. Ihre Hauptsorge gilt der Konkurrenz durch billigere Importwaren. "Die Produkte kommen überall her, zum Beispiel aus Südamerika", sagt Pährisch und verweist auf das Mercosur-Abkommen. Ende Juni hatten sich die Europäische Union und die Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, das unter anderem die Beseitigung von Zöllen vorsieht und so den Austausch von Waren begünstigen soll. Für importierte Lebensmittel würden die Normen und Standards der EU gelten, versprach die Kommission damals. Pährisch traut dem nicht: "Wie sieht es aus mit der Hygiene, wenn das Fleisch aus Südamerika importiert wird?", fragt die Klaffenbacherin.

Die Kritik an dem Abkommen war ein Grund, warum sie und ihr Mann am Dienstag an einer bundesweiten Protestaktion von Landwirten teilnahmen. Das erst vor einigen Wochen gegründete Bündnis "Land schafft Verbindung", das sich als überparteilich und institutionell ungebunden versteht, hatte zu Kundgebungen in mehreren Städten aufgerufen, um die Bundesministerien für Landwirtschaft und Umwelt zu Verhandlungen zu bewegen. In Chemnitz sammelten sich Landwirte mit ihren Fahrzeugen an vier Punkten am Stadtrand und fuhren in Korsos zum Parkplatz an der Johanniskirche, der deswegen von 6 bis 14 Uhr gesperrt war. Rund 300 Personen, viele von ihnen aus dem Erzgebirge, Mittelsachsen und dem Landkreis Zwickau, mit insgesamt etwa 160 Traktoren folgten dem Aufruf. Sie wurden von der Polizei ins Zentrum geleitet. Den Beamten zufolge kam es zu Behinderungen, aber keinen größeren Staus. An der Johanniskirche hielten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen eine zehnminütige Kundgebung ab, bei der Redner unter anderem "Diskriminierung von Landwirten" monierten. Anschließend diskutierten die Bauern in Gruppen weiter.

Andreas Wetzel sorgt sich indes um das Ansehen der Landwirte. "Wir sind nicht der Fußabtreter der Gesellschaft, wir sind keine Tierquäler und wir sind nicht allein verantwortlich für das Insektensterben", sagt der Chemnitzer. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern bewirtschaftet er in Altenhain 190 Hektar, baut unter anderem Weizen, Mais und Wintergerste an und hält 40 Milchkühe. Er sehe einen kleinen Hof wie seinen aber durch Bürokratie und sich verschärfende Auflagen gefährdet, meint Wetzel und nennt das beabsichtigte Glyphosat-Verbot als Beispiel. Das Bundeskabinett hatte sich darauf geeinigt, das Unkrautgift zurückzufahren und ab 2023 zu verbieten, um Insekten besser zu schützen. Er sei nicht gegen Insektenschutz, meint Landwirt Wetzel. "Und wenn Glyphosat verboten werden muss, muss es verboten werden. Aber dann brauchen wir einen Ausgleich", fordert er. Wende man das Mittel nicht mehr an, müsse man den Acker mehr pflügen und das bedeute mehr Aufwand, höhere Kosten und die Freisetzung größerer Mengen des klimaschädlichen Kohlendioxids, das im Boden gespeichert wird. Letzteres ist nach neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen allerdings umstritten.

Anna-Lena Große verteilte am Mittag an der Bahnhofstraße Flyer von "Land schafft Verbindung" an Passanten. Der Landwirtschaftsbetrieb ihrer Familie in Röhrsdorf existiert seit mehreren Generationen. Aktuell werden unter anderem Fleisch und Wurst aus eigener Schlachtung in einem Hofladen angeboten. Große richtet ihre Kritik mehr an die Verbraucher als an die Politik. Sie würden schließlich entscheiden, was gekauft wird und damit auch, was produziert wird: "Aber wer hochwertige, regionale Lebensmittel möchte, muss den Preis dafür zahlen", sagt sie.

Mehr zu den Protesten und Forderungen der Bauern lesen Sie auf der Titelseite und auf der Seite 4.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 3 Bewertungen
8Kommentare
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  • 5
    5
    cn3boj00
    23.10.2019

    Entweder redet man über Grüne oder über die AfD? Vielleicht reden wir mal über die, welche für die Agrarpolitik verantwortlich sind? Über die Schmidts in Sachsen oder die Klöckners im Bund?
    Ich kann einerseits die Bauern verstehen, wenn sie die Politik kritisieren. Denn die ist dafür verantwortlich, dass Deutschland ein Land der Massentierhaltung und des industriellen Ackerbaus ist. Dinge wie Freihandelsabkommen machen eine regionale Nahrungserzeugung kaputt. Hier also fehlt es total an geeigneten Rahmenbedingungen, die Landwirtschaft wieder zu dem zu machen, was sie einst war: Nahrungsproduzent.
    Ich kann aber auch den Bauern eine Mitschuld nicht absprechen. Die intensive Landwirtschaft ist nun einmal der Hauptverantwortliche für Artensterben, Bodenzerstörung, Grundwasserverseuchung. Wer sich darüber beklagt, dass er kein Glyphosat mehr einsetzen darf, oder die Gülleausbringung reduzieren muss, hat kein Mitleid verdient. Bauern sollten als erstes selbst ein Zeichen setzen, dass sie ihre Verantwortung verstanden haben. Blühwiesen, Ackerrandstreifen, Weideviehhaltung, Pflügen und Gründüngung könnte man machen. Wen das im Allgäu oder in der kleinteiligen Landwirtschaft in Bawü geht ginge das auch in Sachsen. Und vielleicht wäre da ein grüner Landwirtschaftsminister sogar die bessere Wahl, wenn die Landwirte dafür belohnt würden und nicht dafür, dass sie der Chemielobby hörig sind. Aber da hat man ja mit dem eigenen Bauernverband den Bock zum Gärtner gemacht.

  • 6
    6
    sunhiller
    23.10.2019

    Er sei nicht gegen Insektenschutz, meint Landwirt Wetzel. "Und wenn Glyphosat verboten werden muss, muss es verboten werden. Aber dann brauchen wir einen Ausgleich"

    Die Bauern wollen immer gleich einen Ausgleich!!!
    zu kalt - zu warm
    zu nass - zu trocken
    zu hell - zu dunkel

    Wer hat denn den Baufirmen damals einen Ausgleich gezahlt, als bekannt wurde das Asbest krebserregend ist.

  • 5
    8
    Lexisdark
    23.10.2019

    @Hinterfragt wie die AfD auf dem Papier dazu steht, ist eh nix wert. In der Praxis werden sie kaum etwas anderes machen, bevor sie sich mit der Landwirtschaftslobby, Rüstung und Industrie anlegen.
    Zumal es bei dem Bioanbau nicht allein um Erträge, sondern auch um weniger Schadstoffe, Dünger, mehr Vielfalt und Umweltschutz geht. Nicht gerade kompetente Kernthemen der AfD, außer, man will den Wolf abknallen.

  • 6
    8
    Hinterfragt
    23.10.2019

    @Lexisdark; nun Verstehen ist auch nicht Ihres!
    Schauen Sie mal nach, wie die AfD zur Globalisierung steht.
    Dieser wird doch ständig das nationale Denken vorgehalten...

    Also erst mal selber lesen und verstehen!

  • 15
    1
    Lexisdark
    23.10.2019

    @Hinterfragt lesen und verstehen, ist nicht so ihr Ding? Patriotisch UND Bio, heißt nix anderes als aus Deutschland, besser noch regional, und eben Bio. Bei manchen wird auch alles verwendet trotz optischer Fehler. Importiert ist selten die beste Lösung, Weg und Anbauart können aber durchaus verbessert werden.
    Aber anstatt mal ganze Containerschiffe mit Milch und Milchprodukten nach China zu karren, sollte man die Produktion auf Europa beschränken, Preise anpassen und weniger auf den Müll werfen. Mangelnde Qualität ist meistens den niedrigen Preisen geschuldet, da muss sich jeder Verbraucher auch an die Nase fassen. Dann gibt's halt nur noch Sonntags Fleisch. Will aber keiner. Genauso wenig wie auf Südfrüchte verzichten. Oder Rindfleisch aus Argentinien oder Japan. Wir sind da alle mit schuldig, Erzeuger, Handel und Verbraucher.

  • 10
    6
    701726
    23.10.2019

    Die- jenigen die diese Gesetze und Vorschriften sich ausdenken müssten
    mindestens ein halbes Jahr auf einem Bauernhof arbeiten, mal sehen wie sie dann darüber denken. Das größte Übel ist doch das diese Entscheidungen getroffen werde von Beamten /Politikern die kein Fachwissen haben und wir holen unsere Nahrung über den Ozean aber über C02 reden. HAHAHA

  • 8
    10
    Hinterfragt
    23.10.2019

    Ach @Lexisdark; Ihr Hinweis geht eindeutig an die falsche Adresse.
    Zudem sollten Sie mal recherchieren, woher all das Bio kommt, Deutschland allein schafft es nämlich auch hier nicht, vieles davon wird IMPORTIERT.

  • 20
    8
    Lexisdark
    23.10.2019

    Tja, manchmal ist es schon peinlich, wenn Geiz alles bestimmt beim Einkaufen. Vom ökologischen Standpunkt mal abgesehen.
    Kann ja nicht besser sein, ein Stück Fleisch tiefgefroren durch die Welt zu bewegen. Hinweis für die AfD und ihre Anhänger : kauft doch patriotisch ein. Am besten Bio. Sonst kommt das Futter noch von entfernten Ländern, das macht es nicht besser... ????



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